Wirtschaft

Dunkle Wolken am Konjunktur-Himmel: KfW-Studie deckt verheerende Folgen des Lockdowns auf

Eine aktuelle Studie der KfW zeichnet ein düsteres Bild der Lage, in der viele kleine und mittelgroße Unternehmen in Deutschland stecken. Im schlimmsten Fall könnten noch bis Jahresende über eine Million Arbeitsplätze abgebaut werden.
23.10.2020 10:38
Aktualisiert: 23.10.2020 10:38
Lesezeit: 5 min
Dunkle Wolken am Konjunktur-Himmel: KfW-Studie deckt verheerende Folgen des Lockdowns auf
Ein Gewitter braut sich in Bayern über einem See zusammen. (Foto: dpa) Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Die Corona-Krise gefährdet mehr als eine Million Arbeitsplätze bei mittelständischen Firmen, das Gastgewerbe und Freiberufler kämpfen ums Überleben. Zugleich wächst die Sorge vor einem zweiten Lockdown angesichts steigender Infektionszahlen.

Einer aktuellen Umfrage der staatlichen Förderbank KfW zufolge – welche die Corona-Überbrückungskredite verteilt und deswegen einen guten Einblick in die Situation vieler Unternehmen haben dürfte – schlägt die Corona-Krise massiv auf die Beschäftigung bei mittelständischen Firmen durch. „Bis zum Jahresende 2020 könnte es zu einem Verlust von etwa 1,1 Millionen Arbeitsplätzen kommen“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. „Trotz der Erholung im dritten Quartal sind die Geschäftserwartungen für 2020 historisch schlecht.“

In diesem Jahr rechnet laut der jüngsten KfW-Umfrage vom September mehr als jedes zweite Unternehmen mit einem Umsatzrückgang. Insgesamt könnten die Erlöse demnach um 545 Milliarden Euro einbrechen. Hoffnung macht, dass viele Firmen in guten Zeiten finanzielle Polster angelegt haben. „Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren einen hohen Bestand an Eigenkapital aufgebaut, wovon sie nun profitieren“, sagte Köhler-Geib.

Rekordjahr 2019 im Rückspiegel – Zukunft ist unsicher

Noch im vergangenen Jahr hatten die etwa 3,8 Millionen mittelständischen Firmen, die als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gelten, die Zahl der Beschäftigten den Angaben zufolge auf einen Rekordwert von 32,3 Millionen gesteigert. Die Umsätze verbesserten sich im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent. Die KfW zählt Firmen mit einem Umsatz von maximal 500 Millionen Euro jährlich zum Mittelstand. Kleine und mittelgroße Unternehmen hatten damit im vergangenen Jahr einen Anteil in Höhe von 71,3 Prozent an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung in Deutschland.

Wirtschaftsminister Altmaier sagte zu, staatliche Hilfen zu verbessern und zu erhöhen. Dabei gehe es auch um die Frage, wie Solo-Selbstständigen besser geholfen werden könne. Beim „Unternehmerlohn“ müsse in der schwarz-roten Koalition allerdings noch eine Einigung gefunden werden.

Selbstständige fallen durchs Raster

Wirtschaftsverbände kritisieren seit langem, die bisherigen Hilfen seien nicht passgenau. Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland, sagte, viele Solo-Selbstständige arbeiteten von zuhause. Ihnen nütze die bisher in den Überbrückungshilfen vorgesehene Erstattung fixer Betriebskosten daher nicht viel. Die eigentlichen Kosten seien Lebenshaltungskosten oder die Miete der Wohnung. Die Grundsicherung sei keine Lösung.

Der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, Guido Zöllick, sagte, das Gastgewerbe kämpfe um sein Überleben. Es gebe wegen Beschränkungen Umsatzeinbrüche in einem historischen Ausmaß. Auch Zöllick forderte einen angemessenen Unternehmerlohn. Es könne nicht sein, das gestandene Unternehmer auf Grundsicherung angewiesen seien.

Angesichts der Lage sieht der Bundesverband der Freien Berufe viele Freiberufler in einer Notlage. Die jüngste Umfrage des Verbandes zeige, „dass jeder zweite Freiberufler stark oder sehr stark von den Folgen der Corona-Krise betroffen ist“, sagte Verbandspräsident Wolfgang Ewer. Gerade junge und kleine Unternehmen seien sehr angeschlagen. Auch er forderte einen Unternehmerlohn.

Die Politik hatte bereits milliardenschwere Hilfsprogramme beschlossen, um Firmen und Jobs zu schützen. Überbrückungshilfen für besonders belastete Firmen wurden bis Jahresende verlängert, Bund und Länder planen nun eine weitere Verlängerung. Zudem ist die Pflicht zur Anmeldung einer Insolvenz bis auf Weiteres ausgesetzt.

Immer mehr Hilfen werden verlängert - bis nach der Bundestagswahl 2021

Die Bundesregierung verlängert immer mehr Corona-Hilfen für die deutsche Wirtschaft bis ins Jahr 2021. Wirtschaftsminister Peter Altmaier versprach der angeschlagenen Tourismus-Branche am Freitag, die Überbrückungshilfen beizubehalten. "Wir sind entschlossen, unsere Hilfsanstrengungen im Rahmen dessen, was die EU-Kommission uns ermöglicht, auszubauen und zu erhöhen", sagte der CDU-Politiker in Berlin. Die Strukturen sollten erhalten bleiben. "Im Augenblick bereiten wir ein Update unserer Überbrückungshilfen vor, die wir verlängern werden ins nächste Jahr."

Die Bundesregierung hat auch das Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 - und damit bis nach der Bundestagswahl - verlängert. Sie will damit erreichen, dass Firmen nicht vor der erhofften Erholung der Wirtschaft zusammenbrechen. Auch Finanzminister Olaf Scholz hatte sich bereits für eine Verlängerung der Corona-Hilfen für die Wirtschaft ausgesprochen. Grund ist, dass die stark steigenden Corona-Infektionszahlen die Wirtschaft wieder belasten können. Auch der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, betonte, dass die deutsche Tourismusbranche länger als gedacht Hilfen benötige. Die von der Pandemie betroffenen Unternehmen seien noch bis "Mitte, Ende nächsten Jahres" auf staatliche Hilfen angewiesen, sagte der CDU-Politiker in Berlin.

Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) warf der Politik allerdings vor, für die Krise in der Branche mitverantwortlich zu sein. Die Politik teile laufend mit, dass Urlaub, Reisen und Ausgehen das Infektionsgeschehen treibe, ohne dazu belastbare Zahlen zu liefern, kritisierte BTW-Chef Michael Frenzel. "Der momentane Umgang der Politik mit dem Tourismus ist unsachlich und diskreditierend." Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte am Donnerstag gesagt, dass sich die Infektionen vor allem im privaten Bereich ausbreiteten, dagegen wenig in Verkehrsmitteln und Hotels. Tatsache ist, dass etwa 90 Prozent aller Corona-Infektionen aus dem Ausland nach Deutschland eingeschleppt werden.

Arbeitslosigkeit steigt langsam an

Nicht zuletzt die Aussetzung der Insolvenz-Anmeldepflicht sowie die Überbrückungskredite haben bislang eine durch die Anti-Corona-Maßnahmen ausgelöste Pleitewelle verhindert beziehungsweise hinausgezögert. Trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit in Europa leicht an.

In der Eurozone war die Arbeitslosenquote im August den fünften Monat in Folge gestiegen und hatte den höchsten Stand seit Juli 2018 erreicht. Die Quote habe um 0,1 Prozentpunkte auf 8,1 Prozent zugelegt, teilte das Statistikamt Eurostat in Luxemburg mit. Zudem wurde die Quote für Juli nach oben revidiert, von zuvor 7,9 Prozent auf 8,0 Prozent.

Im März hatte die Quote bei 7,2 Prozent einen Tiefstand erreicht und ist dann in der Corona-Krise gestiegen. Zuvor hatte es einen kontinuierlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in der Eurozone gegeben. Seit dem Rekordhoch von mehr als 12 Prozent im Jahr 2013 hatte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt bis zur Corona-Krise stetig verbessert.

Im Euroraum waren laut Eurostat im August 13,188 Millionen Menschen arbeitslos. Im Vergleich zum Vormonat stieg die Zahl der Arbeitslosen um 251.000. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg hierbei überdurchschnittlich stark an. Im Euroraum lag die Arbeitslosenquote von Personen im Alter von unter 25 Jahren im August bei 18,1 Prozent, nach 17,8 Prozent im Juli.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben zu einem starken Anstieg der Zahl der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung geführt. Gleichzeitig suchte ein erheblicher Teil derjenigen, die sich bei Arbeitsämtern angemeldet hatten, nicht mehr aktiv nach einem Arbeitsplatz oder war nicht mehr verfügbar, beispielsweise wegen Kinderbetreuung. Dies führt zu Abweichungen bei der Zahl der registrierten Arbeitslosen und derjenigen, die gemäß der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als arbeitslos eingestuft werden.

Die Arbeitsmarktdaten von Eurostat basieren auf Erhebungsmethoden der Internationalen Arbeitsorganisation und können nicht mit nationalen Daten der deutschen Bundesagentur für Arbeit verglichen werden.

Rezession voraus

Die von der Corona-Krise gebeutelte Wirtschaft der Euro-Zone schrumpft im Zuge der zweiten Infektionswelle wieder. Der Einkaufsmanagerindex, der die Geschäfte von Industrie und Dienstleistern zusammenfasst, fiel im Oktober auf 49,4 Punkte von 50,4 Zählern im September, wie aus der am Freitag veröffentlichten Firmen-Umfrage des Instituts IHS Markit hervorgeht. Damit liegt das an den Finanzmärkten stark beachtete Barometer wieder unter der Wachstumsschwelle von 50. "Angesichts des neuerlichen Rückgangs der Geschäftsaktivitäten im Oktober infolge der zweiten Corona-Infektionswelle steigt das Risiko, dass die Euro-Zone wieder in die Rezession abrutscht", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson.

Während das Barometer in Deutschland trotz leichten Rückgangs noch immer ein robustes Wachstum anzeigt, schrumpft die wesentlich härter von der Pandemie getroffene Wirtschaft Frankreichs bereits. "Während Deutschland von seinem Industriesektor profitiert, der momentan den drittstärksten Aufschwung seit Umfragebeginn vor knapp 25 Jahren verzeichnet, hat sich die Talfahrt der übrigen Euro-Länder beschleunigt", erläuterte Williamson.

Insbesondere die Dienstleister in der Euro-Zone kämpfen mit starkem Gegenwind. Das entsprechende Barometer fiel auf 46,2 Punkte von 48,0 Zählern, während die Industrie sich weiter über der Wachstumsschwellen hält: Das Barometer stieg sogar - auf 54,4 Zähler von 53,7 Punkten.

Die Währungsunion war im zweiten Quartal wegen der Corona-Krise im Rekordtempo geschrumpft. Der konjunkturelle Ausblick für Europa bleibt nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds angesichts der Folgen der weiter grassierenden Corona-Pandemie mau.

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Die Studie KfW-Mittelstandspanel 2020 finden Sie hier im Original.

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