Technologie

US-Virologe Fauci kritisiert „überstürzte“ Impfstoff-Zulassung in Großbritannien

Der renommierte US-Virologe Anthony Fauci sagt, dass der in Großbritannien zugelassene Corona-Impfstoff nicht ausreichend getestet wurde.
04.12.2020 10:02
Lesezeit: 2 min
US-Virologe Fauci kritisiert „überstürzte“ Impfstoff-Zulassung in Großbritannien
Anthony Fauci. (Foto: dpa) Foto: Susan Walsh

Der seit 36 Jahren amtierende Chef-Virologe der US-Regierung, Anthony Fauci, hat die rasche Zulassung eines Corona-Impfstoffes in Großbritannien kritisiert. „Sie haben die Zulassung wirklich überstürzt“, sagte Fauci in einem Podcast am Donnerstag. Ein ähnliches Vorgehen sei in den USA nicht denkbar, weil dort ohnehin schon viele Menschen skeptisch gegenüber Impfungen seien.

Fauci beschrieb die schnelle Zulassung auf der Insel mit einer Metapher: Es sei so, als ob die Briten nicht am Marathon der anderen Länder teilgenommen hätten und erst auf den letzten Metern hinter einer Ecke als Sieger hervorgehkommen seien, wird Fauci von Politico zitiert.

Fauci zufolge hätten sich die Briten einseitig auf die Angaben der Hersteller BioNtech und Pfizer verlassen und keine eigenen Tests durchgeführt. „Wissen Sie, ich liebe die Briten. Sie sind großartig. Es sind gute Wissenschaftler. Aber sie haben einfach die Daten von Pfizer genommen. Und anstatt diese wirklich, wirklich sorgfältig zu prüfen sagten sie einfach: ‚Ok, lasst uns das zulassen. So ist es. Und dann war die Sache gegessen.“

Chefberater Johnsons versucht, Zweifel zu zerstreuen

In Großbritannien wächst nach der raschen Zulassung des Corona-Impfstoffs die Sorge, ob sich tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung impfen lässt. Der stellvertretende medizinische Chefberater der Regierung für England, Professor Jonathan Van-Tam, versuchte am Mittwoch, Zweifel an der Sicherheit des neuen Präparats zu zerstreuen. Er selbst habe seiner 78 Jahre alten Mutter dringend empfohlen, sich impfen zu lassen. Er sei "sehr überzeugt" von der Bewertung durch die britische Arzneimittelbehörde MHRA, sagte Van-Tam der BBC.

Die britische Arzneimittelbehörde hatte am Mittwoch dem Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech und seinem US-Partner Pfizer eine Notfallzulassung für deren Corona-Impfstoff erteilt. Großbritannien ist damit das erste Land überhaupt, das dem Impfstoff eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt hat - auch vor allen Mitgliedsländern der Europäischen Union.

„Weil wir ein viel besseres Land sind, nicht wahr?“

Britische Experten versichern, dass die Prüfung äußerst gründlich erfolgt sei. Doch aus der EU und den USA gibt es Kritik. Die Regierung, die bisher für ihren Umgang mit der Pandemie viel Kritik einstecken musste, feierte die Zulassung als Erfolg. Bildungsminister Gavin Williamson sagte im Radio, Großbritannien sei in der Lage gewesen, den Impfstoff als erstes Land zuzulassen, weil es "offensichtlich die beste Arzneimittelbehörde hat". Diese sei "viel besser" als die Frankreichs, Belgiens oder der USA. "Das überrascht mich auch überhaupt nicht, weil wir ein viel besseres Land sind als jedes einzelne von denen, nicht wahr?"

Ein Sprecher der EU-Kommission entgegnete, dass es sich beim Kampf gegen die Pandemie "nicht um einen Fußball-Wettbewerb" handle. "Wir reden hier über das Leben und die Gesundheit von Menschen." Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte betont, Deutschland habe sich bewusst gegen einen Notfallzulassung entschieden, um gründlicher prüfen zu können.

Die britische Regierung hofft durch die Impfungen auf eine drastische Reduzierung der Todesfälle. Die erste Phase des Immunisierungsprogramms soll bereits kommende Woche beginnen. Sie zielt vor allem auf ältere und geschwächte Menschen sowie Bewohner von Pflegeheimen. Es handle sich um die größte Massenimpfung in der Geschichte Großbritanniens.

Noch am Donnerstag sollten die ersten Dosen des Impfstoffs in Großbritannien eintreffen. Bereits zuvor hatte die Regierung eingestanden, dass die Verabreichung in Pflegeheimen aufgeschoben werden muss. Die Impfungen sollen zunächst in 50 Kliniken im Land verabreicht werden. Später sollen Arztpraxen hinzukommen. Anfangs sind wegen der komplizierten Lagerung bei minus 70 Grad nur Einheiten mit 975 Dosen verfügbar.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Geschäftsklima steigt: Elektroindustrie wird zur Konjunkturlokomotive – mit möglichen Engpässen
01.10.2026

Während viele Industriebranchen mit schwacher Nachfrage kämpfen, blickt die deutsche Elektroindustrie zuversichtlicher nach vorn – und...

DWN
Finanzen
Finanzen Raumfahrt-Aktien: Vom Höhenflug zur harten Landung
01.10.2026

Nach dem SpaceX-Hype im Frühjahr sind mehrere Raumfahrt-Aktien stark eingebrochen. Investoren sehen nach wie vor langfristiges Potenzial,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Varta-Insolvenz: Batteriehersteller setzt auf schnelle Investorenlösung
01.10.2026

Beim insolventen Batteriehersteller Varta wächst die Hoffnung auf eine Investorenlösung. Doch zwischen Interesse am Unternehmen und einer...

DWN
Politik
Politik Grönland-Abkommen: Das sind die wichtigsten Details
01.10.2026

Das neue Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland klingt weitreichend, verändert die militärischen Möglichkeiten der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Globale Schifffahrt vor dem Bruch: Die Regeln des Welthandels zerfallen
01.10.2026

Die Weltwirtschaft verlässt sich darauf, dass Handelsschiffe frei fahren können und auf den Weltmeeren gemeinsame Regeln gelten. Doch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nvidia-Aktie: Wie gefährlich ist Nvidias Finanzmaschine?
01.10.2026

Nvidia verdient Milliarden mit dem KI-Boom und steckt immer größere Summen zurück in genau jenes System, das diese Gewinne erzeugt....

DWN
Technologie
Technologie KI-Nutzung: Deutschlands Beschäftigte setzen auf KI – und fürchten um ihre Zukunft
01.10.2026

Deutschland gehört beim Einsatz von KI-Agenten zur weltweiten Spitzengruppe. Die Technologie ist in vielen Büros angekommen und prägt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tankrabatt senkt Benzinpreise und Dieselpreise zum Start deutlich
01.10.2026

Sinkende Spritpreise bringen Autofahrern zum Auftakt des Tankrabatts Entlastung. Besonders bei Super E10 zeigen sich vielerorts günstigere...