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Brexit: Wie der schwäbische Chip-Hersteller Dialog Semiconductor nach Hause kommt

Zum Jahreswechsel ist Großbritannien endgültig aus dem EU-Binnenmarkt ausgeschieden. Jetzt macht auch sofort ein deutscher Mittelständler von sich reden, der auf der Insel sehr aktiv ist.
07.01.2021 17:15
Lesezeit: 3 min
Brexit: Wie der schwäbische Chip-Hersteller Dialog Semiconductor nach Hause kommt
Ausländische Importautos in der britischen Hafen-Stadt Southhampton. (Foto: dpa)

„Von jetzt an wird Dialog von der Bundesdeutschen Finanzaufsichtsbehörde (BaFin) beaufsichtigt. Besondere Erklärungen von Dialog und seinen Anlegern müssen in Einklang mit dem deutschen Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) stehen“, heißt es in einer offiziellen Mitteilung von Dialog Semiconductor (DS).

Der aktiennotierte Chip-Hersteller, der schwäbischen Ursprungs ist, hat gerade zum Jahreswechsel seinen Hauptsitz aus der Nähe von London wieder zurück in seine alte deutsche Heimat zurückgelegt. Die Haupt-Betriebsstätte wird somit erneut Kirchheim an der Teck sein – eine Stadt mit 40.000 Einwohnern 35 Kilometer südöstlich von Stuttgart.

Und damit unterliegen alle Handlungen an der Börse wieder der deutschen Gesetzgebung. Dieser Schritt war notwendig geworden, weil Großbritannien zum Jahreswechsel endgültig aus dem EU-Binnenmarkt ausgeschieden ist. Wenn ein Unternehmen Aktien an einem Finanzplatz der Gemeinschaft listen will, muss seinen Hauptsitz in einem Mitgliedsland haben. So sieht es das EU-Recht vor.

Kommt Dialog Semiconductor in den MDAX zurück?

DS, das unter anderem integrierte Schaltungen für Autos herstellt, war im März 2020 sowohl aus dem TecDAX als auch aus dem MDAX ausgeschieden. Die deutsche Börse hatte damals zwar keinen Grund dafür genannt. Doch glaubten die Analysten und Fachmedien, dass der Standort des Hauptsitzes in Großbritannien, das nun ein EU-Drittstaat ist, die Ursache für den Ausschluss war. Jetzt rechnen die Experten damit, dass das Unternehmen erneut in den Index der mittelgrößten deutschen Werte zurückkommen könnte.

Darüber hinaus hat der Hersteller, der einmal als Spin-off von Daimler gegründet worden war, zu Jahresbeginn seine Prognose für das vierte Quartal 2020 nach oben geschraubt. Das Management geht nun davon aus, dass die Erlöse zwischen 436 und 441 Millionen Dollar (355 bis 360 Millionen Euro) gelegen haben. Das sind am unteren Ende der Spanne fast 15 Prozent mehr als bisher und am oberen Ende der Erwartungen mehr als zwei Prozent. Der Grund: Die zuletzt positive Nachfrage in der Branche.

Doch waren die Nachrichten von DS nicht die einzigen wichtigen Informationen, die es zum Jahreswechsel im Zusammenhang mit dem Brexit gegeben hat. Großbritannien hat mit der EU zu Weihnachten auf den allerletzten Drücker ein Freihandelsabkommen ausgehandelt und damit massive Probleme vermieden.

Zum 1. Januar ist die Übergangsfrist abgelaufen, in der das Vereinigte Königreich noch im EU-Binnenmarkt verblieben war. Wenn sich beide Kontrahenten nicht geeinigten hätten, dann wäre das Land ohne Vertrag ausgeschieden.

Minute Verzögerung an der Grenze kostet Autoindustrie 55.000 Euro

Ein Handel wäre somit auf der Grundlage der WTO nur unter erheblichen Erschwernissen möglich gewesen und hätte gigantische Verluste mit sich gebracht – und zwar insbesondere für die Automobilindustrie, wo besonders viele deutsche Mittelständler aktiv sind.

Sie steuern zum gesamten deutschen Außenhandel mit Großbritannien, der zuletzt bei rund 80 Milliarden Euro lag, ungefähr ein Viertel bei, gefolgt von den Maschinenbauern, die ein Achtel davon erwirtschaften. Das Vereinigte Königreich ist der größte Exportmarkt für die deutschen Hersteller, die hier zusätzlich rund 100 Produktionsstätten unterhalten.

Die Logistik-Ketten sind in vielen Konzerne bislang so organisiert, dass viele Autoteile den Kanal mehrfach überqueren. Eine Belastung mit neuen Handelshemmnissen ist gerade für diese Firmen deswegen kaum zu tragen.

„Jede Minute Verzögerung an der Grenze kostet 50.000 Pfund (etwa 55.000 Euro)“, hatte der britische Verband der Autohersteller The Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) schon die ganze Zeit immer wieder gewarnt. Und damit auf die gigantische Kosten hingewiesen, die allen Beteiligten durch den Brexit entstehen können.

Britischer Autoabsatz bricht um ein Drittel ein

Die Unsicherheit, die die Diskussionen um den Brexit ausgelöst haben, war auch ein Grund, warum die Absatzzahlen im vergangenen Jahr eingebrochen sind. Der SMMT berichtet, sich dass die Volumina im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel auf 1,6 Millionen verringert haben – ein Erdrutsch. Sicherlich hat auch die Pandemie dazu beigetragen, doch belastet das Gerangel um den Austritt die Industrie schon seit Jahren.

Dabei wurden 2020 70 bis 80 Prozent der britischen Neuwagen aus der EU importiert. Darunter befinden sich viele deutsche Hersteller: Im vergangenen Jahr lag der Volkswagen Golf mit dem dritten Platz der meistverkauften Wagen auf der Insel. Der Polo landete immerhin noch auf dem achten Rang.

Wenn man sich die enge Verzahnung zwischen der deutschen und britischen Autoindustrie genauer anschaut, ist es ein Rätsel, wie der Brexit überhaupt zustande kommen konnte. Denn eigentlich gehört die Auto-Industrie in ihren Ländern immer zu den stärksten Lobbygruppen – und zwar insbesondere deswegen, weil sie wirtschaftlich bedeutsam ist.

Politisch erschreckend schwache britische Autoindustrie

So steuern auch die Autohersteller von der Insel grundsätzlich pro Jahr zehn Prozent zur einheimische Gesamtwirtschaft bei und stellen einen wichtigen Pfeiler für das Land dar. Dass sie so wenig politischen Einfluss haben, wirkt auf einen außenstehenden Beobachter schon fast erschreckend.

Immerhin zeigen sich jetzt die deutschen Kollegen erst einmal erleichtert: „Mit dem bekannt gewordenen Ergebnis ist das Risiko eines 'No-Deals' ausgeräumt, und die Unternehmen können sich endlich auf die Umsetzung eines Freihandelsabkommens einstellen", sagte die Chefin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller. Der Handelsvertrag ist ihren Aussagen zufolge „das beste nun erreichbare Szenario“.

„Mit dem nun verhandelten Abkommen können wir einen Teil der negativen Auswirkungen eines EU-Austritts ohne Handelsabkommen vermeiden. Jetzt kommt es darauf an, die praktischen Hürden schnellstmöglich zu beseitigen. Lange Staus über den Ärmelkanal sind nicht im Interesse der Menschen auf beiden Seiten der neuen Grenze. Die Zeit drängt“, so Müller.

Doch hat der Vertrag erstmal nur eine symbolische Bedeutung, weil die Details des Abkommens noch niemand kennt. Die Mittelständler haben mit diesem Papier bisher nichts Konkretes in der Hand. Ein wenig Unsicherheit ist ihnen damit genommen – mehr aber auch nicht.

 

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