Wirtschaft

Chinas Wirtschaft wächst langsamer, Weltkonjunktur in Gefahr

Chinas Wirtschaft hat im Sommerquartal nur um 4,9 Prozent zugelegt, das ist das schwächste Wachstum seit einem Jahr.
18.10.2021 12:01
Aktualisiert: 18.10.2021 12:01
Lesezeit: 2 min
Chinas Wirtschaft wächst langsamer, Weltkonjunktur in Gefahr
Rote Laternen hängen vor einem im Bau befindlichen Bürogebäude in Tongzhou. (Foto: dpa) Foto: Andy Wong

Gebremst von Lieferengpässen, Stromausfällen und Turbulenzen am Immobilienmarkt schaltet Chinas Wirtschaftsmotor einen Gang zurück. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von Juli bis September lediglich um 4,9 Prozent zum Sommerquartal 2020 und damit so langsam wie seit einem Jahr nicht mehr, wie das Statistikamt in Peking am Montag mitteilte.

Zugleich legte die Wirtschaft gegenüber dem Frühjahr nur noch um magere 0,2 Prozent zu, womit manche Experten hinter dem Wachstumsziel der Regierung von mehr als sechs Prozent für das Gesamtjahr nunmehr ein Fragezeichen setzen. Steigende Rohstoffpreise und Energie-Engpässe - etwa bei Kohle - bremsen die Erholung von der Corona-Krise zusehends.

Belastend hinzu kommt die weltweite Verknappung bei Computer-Chips, die laut Ökonomen auch chinesische Unternehmen empfindlich trifft. "Die Aufholphase wird fortgesetzt, jedoch immer impulsloser", so NordLB-Experte Bernd Krampen. Zudem schürt der wankende Immobilienriese China Evergrande Sorgen um die weitere Entwicklung der Konjunktur in der Volksrepublik, die als wichtiger Taktgeber für die Weltwirtschaft gilt.

China Evergrande sitzt auf einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden Dollar und hat bereits mehrere Fristen für fällige Zinszahlungen an seine Anleihegläubiger verstreichen lassen. LBBW-Ökonom Matthias Krieger sieht in der "exorbitanten Verschuldung" zahlreicher chinesischer Unternehmen einen Hemmschuh für die Wirtschaft im Reich der Mitte: "Die Überschuldung von Evergrande, die an den Finanzmärkten derzeit für erhebliche Unruhe sorgt, war hier wohl nur ein erster Warnschuss."

Laut Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank ist die Regierung in Peking nun darauf bedacht, die Immobilienunternehmen des Landes zu stutzen. Dies werde die Wohnbauinvestitionen bremsen: "Die chinesischen Wachstumsraten werden also auch in den kommenden Quartalen kleiner ausfallen."

Dies ist auch für die Weltkonjunktur kein gutes Omen: Denn China gilt seit einiger Zeit als einer der "Vorläufer" der globalen Konjunkturtendenzen, wie NordLB-Analyst Krampen erläutert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte jüngst seine Erwartungen an das Wachstum in China etwas nach unten korrigiert: Die Volksrepublik soll zwar 2021 weiter Zugpferd der globalen Wirtschaft bleiben, doch traut der Fonds dem Land für nächstes Jahr nur noch ein BIP-Plus von 5,6 Prozent zu. Das globale Bruttoinlandsprodukt soll demnach 2022 nur noch 4,9 Prozent erreichen - nach prognostizierten 5,9 Prozent im laufenden Jahr.

ENERGIEENGPÄSSE LASTEN AUF WACHSTUM

China leidet zurzeit auch unter Energie-Engpässen, wobei neben knappen Kohlevorräten auch strengere Emissionsnormen eine Rolle spielen. Das hat zu weitreichenden Drosselungen des Stromverbrauchs geführt, während die Nachfrage nach Energie steigt. Manche Fabriken mussten wegen Stromknappheit und staatlichen Auflagen zur Einhaltung der Emissionsziele bereits vorerst dichtmachen.

Notenbankchef Yi Gang hatte noch am Wochenende erklärt, er rechne für das laufende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent. Die Wirtschaft laufe "gut". Doch die jüngste Abkühlung der Konjunktur beim wichtigen Handelspartner China schlug in Europa Anlegern zu Wochenbeginn auf die Stimmung. Dax und EuroStoxx50 fielen um jeweils etwa ein halbes Prozent auf 15.513 beziehungsweise 4158 Punkte. Insbesondere europäische Hersteller von Luxusgütern wie LVMH gerieten unter Druck, denn für sie ist China ein sehr wichtiger Absatzmarkt.

Angesichts der schwächer als erwartet ausgefallenen Wachstumszahlen im Sommer erschienen die Prognosen für ein BIP-Plus von sechs Prozent im Gesamtjahr als zu optimistisch, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Die Regierung in Peking hat sich für dieses Jahr ein eher bescheidenes Wachstumsziel von über 6 Prozent gesetzt, nachdem es wegen der Corona-Pandemie 2020 nur zu einem Plus von 2,3 Prozent gereicht hatte - das schwächste Wachstum seit 44 Jahren.

Auf eine Abkühlung der Konjunktur in China deuten auch die frischen Daten zur Industrieproduktion hin: Das Plus blieb im September mit 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich hinter den Erwartungen der Experten zurück, die einen Zuwachs von 4,5 Prozent auf dem Zettel hatten.

Laut VP-Bank-Chefökonom Gitzel zeigt das schwächere chinesische Wachstum allerdings auch, dass das Corona-Virus seinen wirtschaftlichen Schrecken verloren hat. Das asiatische Land habe lange von einer Sondernachfrage nach elektronischen und medizinischen Produkten während der Corona-Wellen profitiert. Doch mittlerweile kehre wieder Normalität in den Alltag ein, zumal auch der Einsatz der Mitarbeiter im Homeoffice weltweit zurückgefahren werde: "Die Nachfrage nach Notebooks und elektronischen Waren ist damit vorerst gedeckt. Die chinesische Wirtschaft muss nun wieder kleinere Brötchen backen."

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