Unternehmen

Krach zwischen VW-Chef und Aufsichtsräten schaukelt sich weiter hoch

Im Streit mit dem Betriebsrat und dem Land Niedersachsen riskiert VW-Chef Herbert Diess sogar den eigenen Posten. Hintergrund ist die geplante "Verschlankung" des Konzerns.
03.11.2021 17:40
Lesezeit: 2 min
Krach zwischen VW-Chef und Aufsichtsräten schaukelt sich weiter hoch
Ende September hatte VW-Chef Herbert Diess von bis zu 30.000 gefährdeten Jobs gesprochen. (Foto: dpa) Foto: Carsten Koall

Der neu aufgeflammte Streit zwischen VW-Chef Herbert Diess und mehreren Mitgliedern des Aufsichtsrats verschärft sich offenkundig weiter. Kurz vor einer Informationsveranstaltung für die Belegschaft am Stammsitz Wolfsburg machten am Mittwoch abermals Spekulationen die Runde, wonach der Manager mit dem Betriebsrat und dem Land Niedersachsen aneinandergeraten sein soll. Dass der Vorstandsvorsitzende womöglich in Ungnade gefallen sei, wollte in Konzernkreisen niemand offen sagen. Aber die Stimmung, so hieß es bei mehreren Personen im Umfeld der Kontrolleure, sei denkbar schlecht.

Nach Informationen des «Handelsblatts» etwa sollen führende Köpfe bei einer Besprechung in der vergangenen Woche Diess sogar ihr Misstrauen ausgesprochen haben. Vorbereitet sei inzwischen außerdem, den Vermittlungsausschuss im Aufsichtsrat mit der Vorstandsbesetzung zu befassen. Dass solche Verfahrensschritte förmlich schon eingeleitet worden seien, dementierte eine Quelle. Unabhängig davon und ganz allgemein sei man jedoch zunehmend irritiert vom Verhalten des Konzernchefs. Von anderer Seite hieß es, es liefen in einem kleineren Kreis vertrauliche und konstruktive Gespräche zum weiteren Vorgehen.

Der Haussegen bei Volkswagen hängt bereits seit einigen Wochen erneut schief. Vor allem Betriebsräte bemängeln den Kommunikationsstil von Diess und fühlen sich laufend provoziert. Unterstützer des Managers halten mit Blick auf die Lage am unterausgelasteten Stammsitz Wolfsburg seine Weckrufe zur Kostensituation dagegen für durchaus angebracht.

Ende September hatte Diess bei einer Aufsichtsratssitzung eine Zahl von angeblich bis zu 30 000 gefährdeten Jobs bei VW ins Spiel gebracht. Anschließend betonte er allerdings, das sei lediglich als mögliches «Extremszenario» gemeint gewesen, falls das Unternehmen in den nächsten Jahren nicht deutlich effizienter werde und den Umbruch in Richtung E-Mobilität und Digitalisierung entschlossen fortsetze.

Zu der für diesen Donnerstag geplanten Betriebsversammlung wollte Diess zunächst nicht kommen, sondern einen Termin bei US-Investoren vorziehen. VW-Betriebsratschefin und -Aufsichtsrätin Daniela Cavallo kritisierte ihn deshalb ungewöhnlich scharf und warf ihm vor, sich gerade in der aktuellen Gemengelage aus Produktionsausfällen, Kurzarbeit und Branchenwandel nicht für die Sorgen der Belegschaft zu interessieren. Später kündigte der Manager doch sein Erscheinen an.

Der 63-Jährige hatte gerade im Sommer einen neuen Vertrag bekommen - zuvor soll Diess eine vorzeitige Verlängerung eingefordert haben. Mehrere Aufsichtsräte fühlten sich durch diese und andere Vorstöße unter Druck gesetzt. Mitte 2020 hatte es noch heftiger gekracht, als Diess Mitgliedern des Gremiums vor vielen Managern betriebsöffentlich Indiskretionen und ein kriminelles Verhalten vorhielt. Damals soll er dem Rauswurf nur durch eine persönliche Entschuldigung knapp entgangen sein. Bei manch einem herrscht Befremden über die als Alleingänge empfundenen Manöver - er lege immer wieder einen drauf.

In der Sache ist derweil klar, dass sich der größte deutsche Konzern in den kommenden Jahren stark wandeln muss - zumal in der Wolfsburger Zentrale, nicht weit entfernt von der neuen «Gigafabrik» des Rivalen Tesla nahe Berlin. In der Industrie und bei Anlegern genießt Diess wegen seines Pochens auf mehr Rentabilität sowie der aufgestockten Milliardenausgaben für E-Modelle und neue Technologien hohes Ansehen.

Am Donnerstag soll die Belegschaft nun über den weiteren Kurs informiert werden, Diess will dabei auf Fragen der Beschäftigten eingehen. Die Mitarbeitervertretung erwartet dazu auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, die beide im VW-Aufsichtsratspräsidium sitzen. Betriebsräte fordern für Wolfsburg mindestens ein zusätzliches Elektromodell, das vor dem wohl 2026 startenden Projekt «Trinity» kommt.

Gleichzeitig bremsen die Chipkrise und teils der schwierige Bezug von Rohstoffen die Produktion absehbar aus. Zehntausende VW-Beschäftigte müssen seit Monaten immer wieder in Kurzarbeit. 2021 könnte in Wolfsburg so wenig produziert werden wie zuletzt Ende der 1950er Jahre.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

DWN
Politik
Politik Schuldenberg: Verliert Deutschland seine Kreditwürdigkeit?
25.08.2026

Die deutsche Wirtschaft bleibt trotz aller Krisen robust und wächst im dritten Quartal in Folge. Doch auch die Schulden wachsen - und...

DWN
Politik
Politik Übergewinnsteuer spaltet die Bundesregierung
25.08.2026

Hohe Spritpreise und steigende Gewinne der Ölkonzerne bringen die Übergewinnsteuer zurück auf die politische Bühne. Finanzminister Lars...

DWN
Politik
Politik Seltene Erden: Chinas perfekte Waffe, die diese drei Unternehmen brechen wollen
25.08.2026

China kann mit seltenen Erden ganze Industrien weltweit antreiben oder ausbremsen. Vielleicht beschleunigt Peking mit diesem geopolitischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Autos: Warum die Preise in Europa bald kräftig fallen könnten
25.08.2026

Chinesische Autos kosten in Europa teils mehr als doppelt so viel wie in China. Trotzdem verdienen Hersteller hier deutlich mehr pro...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose 2027: Bärenmarkt beendet oder ist der Absturz nur vertagt?
25.08.2026

Der Bitcoin-Kurs ist nach monatelanger Schwäche nach oben geschossen und hat eine der wichtigsten technischen Marken durchbrochen. Vieles...

DWN
Finanzen
Finanzen Ausverkauf bei Chip-Aktien drückt Wall Street ins Minus, während Bessent mit neuen Iran-Sanktionen droht
24.08.2026

Erfahren Sie, welche geopolitischen Entscheidungen und Marktentwicklungen die Wall Street am jüngsten Handelstag ins Wanken brachten.

DWN
Politik
Politik Er soll den Trump-Ballsaal bauen – jetzt führt er geheime Gespräche mit dem Kreml
24.08.2026

Es kommt vor, dass Männer mit minimaler Erfahrung in der diplomatischen Disziplin ausgewählt werden, um schwierige außenpolitische...

DWN
Politik
Politik Unabhängigkeitstag der Ukraine: Neue Militärhilfe und scharfe Worte an Putin
24.08.2026

Kiew begeht seinen Nationalfeiertag mit prominenten Gästen, neuen Rüstungshilfen und einer deutlichen Kampfansage an den Kreml. Zugleich...