Wirtschaft

Krise in Kasachstan: Deutsche Wirtschaft bangt um einen aufstrebenden Handelspartner

Mit Sorge blicken deutsche Unternehmen auf die gewaltsamen Proteste in Zentralasiens wichtigster Volkswirtschaft.
07.01.2022 10:09
Aktualisiert: 07.01.2022 10:09
Lesezeit: 4 min
Krise in Kasachstan: Deutsche Wirtschaft bangt um einen aufstrebenden Handelspartner
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau kommen 2017 in Astana an. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Die deutsche Wirtschaft blickt mit Sorge auf die gewaltsamen Unruhen in Kasachstan. Das Land ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner in der Region Zentralasien. „Wir fordern dringend dazu auf, auf Gewalt zu verzichten und eine friedliche Beilegung des Konflikts anzustreben“, sagte der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Oliver Hermes, am Donnerstag. „Eine schnelle Beruhigung der Lage ist unabdingbar, um weiteres Blutvergießen, eine Destabilisierung des Landes und damit auch eine Beschädigung des Wirtschafts- und Investitionsstandorts Kasachstan abzuwenden.“

Kasachstan sei flächenmäßige das neuntgrößte Land der Welt und gleichzeitig mit großem Abstand der wichtigste deutsche Handelspartner in Zentralasien. „Das Land zählt zu den wichtigsten Rohöllieferanten Deutschlands und der EU“, so Hermes. „Darüber hinaus verfügt es über Seltene Erden und andere unverzichtbare Metalle für Hochtechnologien.“ Kasachstan setze zunehmend auf die Entwicklung grüner Technologien, erneuerbarer Energien und von Wasserstoff. Das Land könne damit bei der deutschen Energiewende eine wichtige Rolle spielen. „Nicht zuletzt als logistischer Knotenpunkt zwischen der EU, den östlichen EU-Anrainern und Asien kommt dem zentralasiatischen Land im Rahmen der neuen Konnektivitätsstrategie der EU eine immense Bedeutung zu.“

Nachfolgend ein Überblick über die deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen:

Wirtschaft und Handel

Kasachstan ist der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner in Zentralasien. Im Allgemeinen rechnet man Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkenistan zu dieser Region. Kasachstan ist die größte Volkswirtschaft unter diesen fünf ehemaligen Sowjetrepubliken. Auch flächenmäßig ist Kasachstan das größte Land. Mit über 2,7 Millionen Quadratkilometern ist es gut siebenmal so groß wie Deutschland und hat knapp 19 Millionen Einwohner.

In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres stiegen die kasachischen Exporte nach Deutschland nicht preisbereinigt um knapp 47 Prozent auf drei Milliarden Euro. Die deutschen Exporte dorthin schrumpften gleichzeitig um mehr als sechs Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Damit ist Kasachstan eines der wenigen Länder, mit denen Deutschland ein Handelsdefizit hat, was insbesondere auf den Import von Energieträgern zurückzuführen ist.

Öl, Gas und Rohstoffe

Kasachstan ist dem Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft zufolge Deutschlands viertgrößter Erdöllieferant und zudem ein bedeutender Gaslieferant. Das Land verfügt zudem über viele andere Rohstoffe, darunter die für die Energiewende und Hochtechnologie wichtigen sogenannten Seltenen Erden.

Das Land verfügt über die größten erwiesenen Rohölvorkommen in Zentralasien und förderte in den vergangenen Jahren zwischen 1,8 Millionen und 2 Millionen Barrel (Faß zu 159 Litern) am Tag. Dem Oil & Gas Journal zufolge verfügt das Land über Rohölvorkommen von rund 30 Milliarden Barrel und liegt damit in weltweitem Vergleich auf Platz 12.

Kasachstan kontrolliert darüber hinaus signifikante Erdgasvorkommen. So belaufen sich die erwiesenen Bestände auf rund 3 Billionen Kubikmeter. Schätzungen zufolge könnten bis zu 5 Billionen Kubikmeter im Erdboden eingeschlossen sein. Mit rund 0,6 Prozent allen weltweit existierenden Erdgases liegt das Land in etwa auf dem 20. Platz der Länder mit den höchsten Erdgasreserven, wie aus einem Statistischen Jahrbuch von British Petroleum hervorgeht und aus dem das Energy Industry Review zitiert.

Das zentralasiatische Land ist zudem reich an Uran, welches eine zentrale Funktion zur Erzeugung von Strom aus der Kernkraft hat. Der World Nuclear Association zufolge stammten 41 Prozent des weltweit aus Minen gewonnenen Urans aus Kasachstan gefolgt von Australien (13 Prozent) und Kanada (8 Prozent). Fast 19.500 Tonnen sollen demnach in Kasachstan gefördert worden sein. Damit ist Kasachstan das weltweit bedeutendste Förderland für Uran.

Der kasachische Konzern Kazatomprom soll Daten der World Nuclear Association zufolge im Jahr 2020 mit einer Gesamtförderung von mehr als 10.000 Tonnen Uran auch das weltweit größte Förderunternehmen gewesen sein. Insgesamt entfallen auf Kasachstan 12 Prozent der weltweit bekannten Uran-Vorkommen. An 13 Standorten wird der Rohstoff abgebaut.

Dem englischsprachigen Dienst von Reuters zufolge kontrolliert Kasachstan - dessen Strom zum größten Teil über die Kohleverstromung bereitgestellt wird - mit der Bogatyr-Mine eine der weltweit bedeutendsten Kohleminen. Im weltweiten Vergleich lag das Land 2019 mit einer Jahresproduktion von rund 115 Millionen Tonnen im Mittelfeld der bedeutendsten Kohleproduzenten, berichtet der Global Energy Monitor.

Fazit: Insbesondere sein Reichtum an Seltenen Erden - welche zur Herstellung vieler Hightech-Produkte benötigt werden - sowie an Kohle, Rohöl und Erdgas - welches von der Bundesregierung als „Brückentechnologie“ ins fossilfreie Zeitalter geschätzt wird - machen Kasachstan zu einem bedeutenden, potenziellen Energielieferanten für die deutsche Wirtschaft. Bezeichnenderweise stieg auch die Nachfrage nach Kohle in Deutschland zuletzt stark an, weil es sich bei Wind- und Solarenergie um sehr schwankungsanfällige und unzuverlässige Energiequellen handelt.

Stabilität und Investitionen

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Kasachstan 1991 unabhängig. Präsident war bis 2019 der heute 81-jährige Nursultan Nasarbajew, der das Land mit harter Hand regierte. Er übergab die Macht an den von ihm ausgewählten heutigen Präsidenten Kassym-Jomart Tokajew. Nasarbajew wurde damit der am längsten amtierende Staats- beziehungsweise Regierungschef in den früheren Sowjetrepubliken. Diese Stabilität lockte ausländische Anleger an, die Hunderte Milliarden Dollar investierten. Ein Großteil der Wirtschaft wird aber nach Einschätzung von Experten von der Familie Nasarbajew kontrolliert.

Transitland

Große Bedeutung hat Kasachstan auch als Transitland. Schließlich führt hier beispielsweise die Eisenbahnlinie von Deutschland nach China, dem wichtigsten deutschen Handelspartner. Das Land ist deshalb Teil des chinesischen Großprojektes „Neue Seidenstraße.“ Damit sollen die Kosten für den Transport nach Europa gesenkt werden.

Darüber hinaus verlaufen auf kasachischem Gebiet zahlreiche Pipelines, mithilfe derer Öl und Gas zwischen den Staaten Asiens und Europas hin und her transportiert wird.

Unternehmen

Etwa 480 deutschen Unternehmen sind in dem Land aktiv. Das deutsche Investitionsvolumen liegt bei 1,3 Milliarden Euro, schätzt der Ost-Ausschuss. Prominent vertreten sind auch bekannte Namen wie der Baustoffhersteller Knauf, der Industriegasekonzern Linde, der Landmaschinenhersteller Claas, Siemens Energy und Heidelberg-Cement. Deutschland liefert vor allem Maschinen, chemische Erzeugnisse, Fahrzeuge und elektronische Erzeugnisse sowie Elektrotechnik in das Land.

„Grüne Energie“

Dünn besiedeltes Land, viel Sonne und Wind: Kasachstan bietet gute Bedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energien. So plant der deutsche Investor und Projektentwickler Svevind Energy GmbH mehrere großflächige Solaranlagen und Windparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 45 Gigawatt in den ausgedehnten Steppengebieten West- und Zentralkasachstans. Der Strom soll überwiegend für die Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden, der nach Deutschland exportiert werden kann.

Sicherheitslage

Kasachstan gehört dem von Russland geführten Militärbündnis OVKS an. Weitere Mitglieder der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS, englisch CSTO) sind Weißrussland, Armenien, Kirgisistan und Tadschikistan. Tokajew bat die OVKS um Unterstützung, am Donnerstag landeten die ersten Soldaten in Kasachstan, um dessen Ordnungskräften zu helfen. Am Mittwoch hatte Russland noch erklärt, niemand dürfe sich von Außen in Kasachstan einmischen.

Kasachstan ist ein mehrheitlich muslimischer Staat, der im Westen am Kaspischen Meer liegt. Im Norden teilt es sich eine rund 7000 Kilometer lange Grenze mit Russland. Im Südosten grenzt es an China und Kirgisistan sowie im Südwesten an Usbekistan und Turkmenistan. Das Land hat eine historisch gewachsene enge Verbindung zu Russland. Ethnische Russen machen knapp ein Fünftel der Bevölkerung aus. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich Kasachstan im Dezember 1991 unabhängig. Das Land ist Mitglied der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), in der sich etliche Nachfolgestaaten der Sowjetunion zusammengeschlossen haben.

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