Politik

Marc Friedrich: „Das Ende eines Geldsystems geht immer mit geopolitischen Verwerfungen einher“

Lesezeit: 4 min
19.07.2022 10:53  Aktualisiert: 19.07.2022 10:53
Der Bestseller-Autor Marc Friedrich galt lange als Crash-Prophet. Nun scheinen sich seine düsteren Vorhersagen zu bewahrheiten. Was uns in den nächsten Jahren bevorsteht – und warum Putin nicht schuld an dieser Entwicklung sei – lesen Sie in diesem Interview.
Marc Friedrich: „Das Ende eines Geldsystems geht immer mit geopolitischen Verwerfungen einher“
Die alte Weltmacht USA werde vom Thron gestoßen und durch andere Kräfte ersetzt, so Marc Friedrich. (Foto: iStock.com/STILLFX)
Foto: STILLFX

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Seit nunmehr zehn Jahren kündigen Sie einen großen Wirtschaftscrash an. Auch dem Euro räumten Sie kaum Überlebenschancen ein. Die Realität ist: Die Wirtschaft ist angeschlagen, aber eine Bauchlandung hat sie noch nicht hingelegt. Und den Euro gibt es noch immer. Wie kommt es, dass Ihre Prophezeiungen noch nicht eingetreten sind?

Marc Friedrich: Seit dieser Zeit befinden wir uns im Dauerkrisenmodus und die Politik hechelt von einer ungelösten Krise zur nächsten. Parallel dazu drucken die Notenbanken Geld als gäbe es kein Morgen, weltweit. Es ist ein einzigartiges Experiment, das die Probleme nicht lösen kann und stattdessen nur weitere Krisen hervorruft. Schon vor zehn Jahren waren die Vorzeichen, wenn man sie sehen wollte, deutlich zu erkennen. Doch das Ende eines Systems und Zyklus´ geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess. Deswegen habe ich auch keinen Zeitpunkt für den Crash damals genannt. Jetzt aber befinden wir uns im Finale und bin mir noch sicherer als vor zehn Jahren das unser System scheitern wird.

Tatsächlich scheinen die Zeichen in den letzten Monaten auf Sturm zu stehen. Welche Rolle spielt dabei der Krieg in der Ukraine? Ist Putin an allem schuld und gäbe es ihn nicht, wäre alles in Ordnung?

Wenn man die Geschichte studiert, geht das Ende eines Geldsystems immer mit enormen wirtschaftlichen und geopolitischen Verwerfungen einher, da die Karten neu gemischt werden. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, die dadurch geprägt ist, dass die alte Weltmacht – das sind die USA – nun langsam abtritt und neue konkurrierende Kräfte nach dem Thron streben. Dies führt zu Spannungen. Der Krieg in der Ukraine verstärkt natürlich diese Entwicklung, ist aber nicht ihr alleiniger Auslöser. Der Abgesang des Hegemons USA hatte sich auch schon vorher abgezeichnet. Und auch die Inflation war bereits vor dem Krieg weltweit stark steigend.

Trotzdem verschärft der Konflikt die Lage. Die Versorgung Deutschlands mit billigem Öl und Gas steht auf dem Spiel. Was für Folgen hätte es für den Industriestandort Deutschland, sollten wir keinen Zugriff mehr auf billiges Gas haben?

Das können wir jetzt schon deutlich sehen, wenn wir auf die Handelsbilanzüberschüsse schauen: Die sind im Mai im Vergleich zum Vorjahr um spektakuläre 70,7 % eingebrochen. Deutschlands Geschäftsmodell hat sich pulverisiert. Unsere Produktivität, unsere Wettbewerbsfähigkeit gehen den Bach runter. Das liegt nicht zuletzt an einer jahrelang betriebenen einseitigen und ideologisch verblendeten Energiepolitik, was nun einen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht, wie etwa den Verlust von Arbeitsplätzen, Wohlstandseinbußen, Steuererhöhungen und eine allgemeine Versorgungsunsicherheit. Und sollte es zu Blackouts kommen, dürfte es auch soziale Unruhen geben.

Bei einer Debatte im Bundestag hatte Bundeskanzler Olaf Scholz verkündet, man habe die Sanktionen über viele Monate – und noch vor Ausbruch des Krieges – vorbereitet, „damit sie die Richtigen treffen, damit sie wirken.“ Wen treffen sie denn nun und inwieweit wirken sie?

Die Sanktionen treffen vor allem uns und weniger das eigentliche Ziel Russland. Und man darf nicht vergessen, dass sich über 100 Länder nicht an den Sanktionen gegen Russland beteiligen. Und so kommt es, dass Russland dank des Verkaufs von Öl, Gas und anderen Rohstoffen nach Indien, Brasilien, China und in zahlreiche andere Länder momentan Rekordeinnahmen verzeichnet.

Es ist ein Offenbarungseid, wenn die Bundesregierung Unternehmen empfiehlt Notstromaggregate anzuschaffen und gleichzeitig grundlastfähige Atomkraftwerke abschaltet und so die Versorgungssicherheit der Bürger auf Spiel setzt.

Lassen sich in einer derart komplexen Welt und bei derart miteinander verzahnten Volkswirtschaften die Effekte von Sanktionen und Gegensanktionen überhaupt vorherberechnen? Wovon hängt es wirklich ab, ob ein Staat in die Knie geht oder nicht?

Das vorherzuberechnen ist unmöglich, da zu viele Variablen die Möglichkeiten ins Unendliche treiben. Das kann man auch an den Sanktionen gut erkennen, die wie ein Boomerang de facto nur den Westen treffen und schädigen.

Ein Staat geht allerdings in die Knie, wenn die Bürger das Vertrauen in ihn verlieren und auf die Straße gehen. Es gibt die „3 % Regel“, die besagt, dass, wenn 3 % der Bevölkerung protestieren ist, dies das Ende eines Systems einläutet. Eine weitere Möglichkeit, einen Staat in die Knie zu zwingen, sind Korruption und Inkompetenz der politischen Klasse oder das Eingreifen ausländischer Mächte. Aktuelles Beispiel ist Sri Lanka: Dort ist die Versorgung zusammengebrochen, die Menschen protestieren und der „Staat“ kollabiert.

Der russische Rubel wird immer stärker, die Inflationsrate ist in Russland am Sinken. In den westlichen Ländern ist das Gegenteil der Fall. Was können diese noch tun, um dem Untergang zu entgehen? Eine Flucht nach vorn in Interventionismus und Sozialismus?

Genau so ist es. Es wird eine Mischung aus Umverteilung, planwirtschaftlichem Sozialismus, finanzieller Repression und digitaler Diktatur geben.

Die Geschäftsmodelle einiger westlicher Länder wie die der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens bestehen zu einem guten Teil darin, Geld zu drucken und zu verwalten. Inzwischen befinden sich gigantische Vermögen in den Händen einer kleinen Gruppe von Personen. Kommt daher der Drang zu diesem „Great Reset“? Und falls ja, was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Das System ist nicht mehr zu retten und dies haben wohl von einige der Protagonisten erkannt. Jetzt geht es ihnen darum, nochmals Zeit zu gewinnen, um im Hintergrund die Digitalisierung des Geldes voranzutreiben und voraussichtlich auch eine Art Sozialkredit-Programm nach dem Vorbild des kommunistischen China einzuführen.

Kann den dieser „Great Reset“ überhaupt funktionieren, wenn sich China und Russland nicht daran beteiligen? Bedingt dies vielleicht sogar eine weitere Kriegsgefahr?

Wie in meinem im letzten Buch aufgezeigt ist in der Vergangenheit der Wechsel in ein neues Geldsystem zumeist mit kriegerischen Auseinandersetzungen einhergegangen. Aus diesem Grund sollte man sich auf dieses Worst-Case-Szenario vorbereiten – in der Hoffnung, dass es nicht eintritt.

Zur Person: Marc Friedrich ist Bestsellerautor, Finanzexperte und Gründer der Honorarberatung Friedrich Vermögenssicherung GmbH für Privatpersonen und Unternehmen.

Sein neuestes Buch erschien vergangenes Jahr: Die größte Chance aller Zeiten – Was wir jetzt aus der Krise lernen müssen und wie Sie vom größten Vermögenstransfer der Menschheit profitieren

DWN
Unternehmen
Unternehmen DWN-Kommentar: 4-Tage-Woche und Work-Life-Balance - das ist doch ein unternehmerischer Alptraum!
17.05.2024

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft E-Autos: Zölle gegen China – sollte die EU jetzt den USA nacheifern?
17.05.2024

Nachdem die USA die Zölle auf chinesische Elektroautos drastisch angehoben haben, steht nun die EU vor der Frage, ob sie es dem großen...

DWN
Panorama
Panorama Gesundheitsminister präsentiert neuen Bundes-Klinik-Atlas für Deutschland
17.05.2024

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wird am Freitag den "Bundes-Klinik-Atlas" vorstellen, ein staatliches Vergleichsportal, das...

DWN
Politik
Politik 13 Außenminister alarmiert: Rafah droht laut einem Pressebericht ein Großangriff
17.05.2024

13 Außenminister haben Israel in einem Brief vor einer umfassenden Militäroffensive in Rafah im südlichen Gazastreifen gewarnt und mehr...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Unser neues Magazin ist da: Macht. Spiel. Politik – Hinter den Kulissen der Fußball-EM 2024
17.05.2024

Eröffnet die EM 2024 eine glänzende Perspektive für die deutsche Wirtschaft oder wird das Großevent ein weiteres Symptom für...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: Neue Front bei Charkiw - Die Nacht im Überblick
17.05.2024

Die Ukraine kämpft weiterhin gegen den russischen Angriff entlang ihrer Ostgrenze im Gebiet Charkiw. Schwere Gefechte wurden bei den Orten...

DWN
Politik
Politik Arbeitsvisa-Abkommen mit Drittstaaten: Lösung für Europas Asylkrise?
17.05.2024

Experten vom Ifo-Institut schlagen Arbeitsvisa-Abkommen zwischen der EU und sicheren Drittstaaten vor, um Asylanträge und irreguläre...

DWN
Technologie
Technologie Europarat beschließt eine Konvention zur Regelung von KI
17.05.2024

Es gibt große Erwartungen an die KI-Konvention des Europarats: Wird sie die Lücken füllen, die das EU-KI-Gesetz offenließ? Kritiker...