Finanzen

Unerwartete Renaissance: Briten setzen verstärkt auf Bargeld

Die Briten haben dem Bargeld zu einer unerwarteten Renaissance auf der Insel verholfen.
10.08.2022 17:42
Lesezeit: 3 min

In Großbritannien hat eine spürbare Verhaltensänderung der Bürger in Bezug auf die Nutzung von Bargeld eingesetzt. Wie der Guardian berichtet, registrierte das Post Office im Juli eine drastische Zunahme von Abhebungen.

801 Millionen Pfund haben die Briten demnach im vergangenen Monat in Banknoten von ihren Konten beim Post Office abgehoben – ein 8-prozentiger Anstieg gegenüber dem Juni. Verglichen mit dem Juli des Vorjahres lag die Auszahlungssumme sogar mehr als 20 Prozent höher, damals wurden 665 Millionen abgehoben.

Es wurde sogar ein Rekord aufgestellt: 3,32 Milliarden Pfund wurden an den mehr als 11.500 Filialen und Geldautomaten des Post Office im Juli eingezahlt oder abgehoben – der höchste Umsatz seit Gründung des Post Office vor 360 Jahren.

Besserer Überblick über die Finanzen

„Wir beobachten, dass immer mehr Leute auf Bargeld als ein bewährtes Mittel zurückgreifen, um ihre persönlichen Finanzen zu verwalten“, zitiert der Guardian den Bankenchef des Unternehmens, Martin Kearsley. „Ob es sich dabei um einen Aufenthalt im Vereinigten Königreich handelt oder um Vorbereitungen für die im Herbst zu erwartenden finanziellen Belastungen – der Zugang zu Bargeld ist in jeder Gemeinde kritisch.“

Mit den im Herbst zu erwartenden finanziellen Belastungen spielt Kearsley auf die drastisch steigenden Energiekosten an, die im Oktober und dann im Januar 2023 voll auf die Haushalte durchschlagen werden.

Auch der Guardian verweist darauf, dass die Bürger mithilfe von Münzen und Scheinen ihre Ausgaben offenbar besser kontrollieren können: „Die zunehmende Inflation und die steigenden Rechnungen haben eine wachsende Zahl an Bürger dazu bewogen, ihre Ausgaben mithilfe von Bargeld zu planen.“

Daneben spielt offenbar auch eine Rolle, dass viele Bürger im laufenden Sommer nicht mehr im Ausland Urlaub machten, sondern diesen in Großbritannien verbrachten.

An Filialen und Automaten des Post Office können Kunden von über 30 Banken und anderen Gesellschaften Geld einzahlen oder abheben.

Der drastisch gestiegene Bargeld-Bezug stellt eine Korrektur des langjährigen Trends zu verstärkter Nutzung von bargeldlosen Bezahldiensten dar. Im Zuge der Corona-Pandemie und der von der Regierung verfügten Lockdowns hatte die Nutzung digitaler Dienste in Großbritannien noch einmal starken Zulauf erfahren. Die Nutzung von Münzen und Scheinen brach parallel dazu im Corona-Jahr 2020 um 35 Prozent ein.

Kaum kontaktloses Bezahlen

Die Menschen in Deutschland setzen beim Bezahlen an der Ladenkasse einer Umfrage zufolge weiterhin vor allem auf Bargeld oder physische Bank- und Kreditkarten. Bei einer Yougov-Befragung gaben lediglich 12 Prozent an, in den vergangenen drei Monaten eine Zahlung kontaktlos mit einer digitalen Geldbörse zum Beispiel mit dem Smartphone in einem Geschäft erledigt zu haben, und nicht mit einer physischen Karte. Im Nachbarland Frankreich waren es ebenfalls 12 Prozent. Spitzenreiter in Europa war hier Dänemark (31 Prozent). Anders ist das Bild demnach in vielen asiatischen Ländern.

Am häufigsten gaben Befragte aus Hongkong (53 Prozent), aus Indien (43 Prozent) sowie aus China und Singapur (jeweils 42 Prozent) an, innerhalb der vergangenen drei Monate einmal kontaktlos mobil mit einer digitalen Geldbörse gezahlt zu haben.

In Deutschland sagten 69 Prozent der mehr als 1.000 Befragten, dass sie im selben Zeitraum eine Zahlung mit Bargeld geleistet hätten. Angeführt wird hier die Liste der 18 untersuchten Märkte von Verbraucherinnen und Verbrauchern aus Singapur (73 Prozent) und Spanien (71 Prozent). In Großbritannien waren es ebenfalls 69 Prozent. Yougov befragte im Dezember mehr als 20 000 Personen ab 18 Jahren in 18 Märkten weltweit.

Insgesamt hatte das Bezahlen ohne Scheine und Münzen im zweiten Jahr der Corona-Pandemie in Deutschland und im Euroraum einen weiteren Schub erhalten. Im vergangenen Jahr wurden 114,2 Milliarden Zahlungen im gemeinsamen Währungsraum bargeldlos abgewickelt und damit 12,5 Prozent mehr als 2020, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Freitag in Frankfurt mitteilte. Der Gesamtwert der Transaktionen stieg im Jahresvergleich um 18,6 Prozent auf 197 Billionen Euro.

Ziemlich genau die Hälfte (49 Prozent) der bargeldlosen Geschäfte waren nach EZB-Angaben Kartenzahlungen, jeweils fast ein Viertel machten Überweisungen (22 Prozent) und Lastschriften (20 Prozent) aus.

In Deutschland wurden nach Angaben der Bundesbank im vergangenen Jahr 27 Milliarden Zahlungsvorgänge im Gesamtwert von 65 Billionen Euro bargeldlos abgewickelt. Im Vergleich zum Vorjahr entspreche dies bei der Anzahl einer Steigerung um fünf Prozent, beim Wert gab es ein Plus um acht Prozent. Acht Milliarden Zahlungen in Deutschland wurden 2021 demnach per Karte abgewickelt und damit zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Händler hatten wegen der Ausbreitung des Coronavirus aus hygienischen Gründen für das bargeldlose Bezahlen geworben. Beim kontaktlosen Bezahlen müssen Kunden ihre Girocard sogar nur an das Lesegerät an der Ladenkasse halten, die Daten werden dann verschlüsselt übermittelt. Bei geringen Beträgen ist bei diesem Verfahren nicht einmal die Eingabe der Geheimnummer (PIN) nötig. (ND/dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen DeFi-Hashing nutzt die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, um das Vermögen der Nutzer zu mehren.

Major economies are actively promoting the establishment of a unified capital market regulatory framework and plan to strengthen the...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Politik
Politik Milliarden-Spritze: Neue Finanzhilfen für die ukrainische Wirtschaft
05.06.2026

Russlands Angriffe treffen auch die Unternehmen der Ukraine hart. Ein neues Hilfsprogramm von EU und EBRD steuert nun mit Garantien und...

DWN
Politik
Politik Kiew fordert Friedensgespräche – Putin nennt angebliche Nato-Pläne „Unsinn“
05.06.2026

Präsident Selenskyj bietet Kremlchef Putin direkte Gespräche in einem Drittstaat an. Putin reagierte siegesgewiss und wies Warnungen vor...

DWN
Politik
Politik Merz und Macron fordern Turbo bei EU-Erweiterung auf dem Westbalkan
05.06.2026

Deutschland und Frankreich wollen heute bei einem EU-Gipfel in Montenegro eine neue Initiative starten, um die EU-Erweiterung zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DWN-Wochenrückblick KW 23: Die wichtigsten Analysen der Woche
05.06.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 23 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Schwesig kritisiert Pflegereform scharf: „Ein reines Belastungspaket“
05.06.2026

Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) lehnt die Pläne von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) strikt...

DWN
Panorama
Panorama Homeoffice einrichten: So gelingt der perfekte Heimarbeitsplatz
05.06.2026

Das Homeoffice gehört für viele Beschäftigte längst zum Alltag. Doch ein improvisierter Arbeitsplatz kann schnell zur Belastung werden....

DWN
Politik
Politik Söder contra Pistorius: Bundeswehr-Umbau sorgt für bayerischen Protest
05.06.2026

CSU-Chef Markus Söder kritisiert Pläne von Verteidigungsminister Boris Pistorius zur Reform regionaler Bundeswehr-Strukturen scharf. In...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Misere Ausbildungsmarkt: Weniger Ausbildungsplätze trotz steigender Nachfrage
05.06.2026

Der Anteil der Betriebe, die noch ausbilden, hat 2025 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Der Rückgang des Angebots an Ausbildungsstellen...