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Auswanderer-Forscher: „Die Lebenszufriedenheit ist bei Auswanderern höher“

Der Migrationsforscher Nils Witte untersucht am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, wie sich eine Auswanderung auf den weiteren Lebensverlauf der Deutschen auswirkt. Im Interview mit DWN erklärt er, warum das Bild des gescheiterten Auswanderers in den meisten Fällen nicht zutrifft. 
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21.08.2022 08:20
Lesezeit: 4 min
Auswanderer-Forscher: „Die Lebenszufriedenheit ist bei Auswanderern höher“
Die Auswanderer sind eine sehr spezielle Gruppe: Sie sind vor allem jung und hochqualifiziert. (Foto: iStock.com/anyaberkut) Foto: anyaberkut

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Witte, das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat in den letzten Jahren die Auswanderung deutscher Staatsangehöriger erforscht. Könnten Sie die Studie kurz beschreiben?

Nils Witte: Die „German Emigration and Remigration Panel Study“ ist eine repräsentative Befragung von etwa 11.000 deutschen Staatsangehörigen, die zwischen 2017 und 2018 ausgewandert oder zurückgekehrt sind. Die Studienteilnehmer sind zwischen 20 und 70 Jahre alt und wurden von uns zwischen 2018 und 2022 regelmäßig befragt. Gemeinsam mit unseren Kollegen von der Universität Duisburg-Essen schauen wir etwa, wie Auslandsaufenthalte das berufliche Fortkommen oder das soziale Wohlbefinden beeinflussen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Aus den Medien gewinnt man den Eindruck, dass viele Auswanderungen scheitern. Stimmt das?

Nils Witte: Wir haben das noch nicht systematisch untersucht. Unserer Studie liefert kaum Anhaltspunkte dafür. Bloß etwa jede fünfte Person gibt an, dass Unzufriedenheit eines der Rückkehrmotive ist. Viel wichtiger sind der Beruf und die Familie, die etwa jeder zweite Rückkehrer als Grund nennt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie zufrieden sind die Auswanderer generell im Zielland?

Nils Witte: Die Lebenszufriedenheit ist höher als bei Nicht-Ausgewanderten. Die überwiegende Mehrheit empfindet den Lebensstandard und die Einkommenssituation als besser. Laut unseren Zahlen verdienen Auswanderer durchschnittlich 1200 Euro netto mehr pro Monat im Vergleich zu vor der Migration, und auch bei Berücksichtigung der Kaufkraftunterschiede bleibt ein deutlicher Zugewinn. Nur beim Kontakt zu Freunden und Bekannten berichten die Auswanderer häufiger von einer Verschlechterung.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie kommt das höhere Nettoeinkommen von 1200 Euro pro Monat zustande?

Nils Witte: Die Auswanderer sind eine sehr spezielle Gruppe: Sie sind vor allem jung und hochqualifiziert. Fast drei Viertel sind Akademiker. Sie gehen häufig in Länder mit besonders hohen Löhnen – etwa aufgrund von geringerer Besteuerung oder von Währungsunterschieden. Bei Entsendungen schlagen sich die Anreize der Arbeitgeber auch im Einkommen nieder. Der überwiegende Teil sind im Übrigen Angestellte beziehungsweise Studenten. Selbstständige sind in der Minderheit.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gibt es den vielbeschworenen „brain drain“, vor dem in der öffentlichen Diskussion immer wieder gewarnt wird?

Nils Witte: Wir sprechen von einer „brain circulation“. In unserer Befragung sagt bloß ein Fünftel der Auswanderer, Deutschland für immer verlassen zu wollen. Die Hälfte bekundet bereits zu Beginn der Auswanderung, irgendwann wieder zurückkehren zu wollen. Außerdem haben wir die Sozialstruktur der Auswanderer mit derjenigen der Rückwanderer verglichen. Dabei finden wir kaum Unterschiede.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Es kommen also nicht die geringer qualifizierten Auswanderer zurück?

Nils Witte: Nein. Generell ist es zwar so, dass eher Junge und Hochqualifizierte auswandern – man könnte sagen: die besten. Aber es kommen auch wieder die besten zurück. Ein brain drain würde aus unserer Sicht bedeuten, dass die besten auswandern und die weniger qualifizierten zurückkommen. Viele hängen der Vorstellung an, dass Auswanderer auf ein Schiff oder in ein Flugzeug steigen und für immer in ein weit entferntes Land ziehen. Tatsächlich kehren international mobile Personen meist wieder zurück. Manche ziehen im Lebensverlauf sogar mehrmals ins Ausland.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Würden Sie dennoch sagen, dass es einen gewissen Abfluss gibt? Etwa ist der Saldo von Zu- und Fortzügen deutscher Staatsbürger seit dem Jahr 2005 negativ.

Nils Witte: Ja, das stimmt. Es wandern mehr Deutsche aus, als zurückkehren. Jährlich wanderten seit 1991 im Schnitt 24.000 Deutsche mehr aus als ein. Allerdings sollte man auch die Arbeitsmigration innerhalb der EU im Blick behalten. Insgesamt gehört Deutschland eher zu den Nettogewinnern.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Inwiefern spielt Unzufriedenheit mit dem politischen Status Quo in Deutschland eine Rolle?

Nils Witte: Wir waren darauf eingestellt, dass das eine Rolle spielen könnte. Aber in den Daten beobachten wir das nicht. Entweder handelt es sich um eine kleine Gruppe, die diese öffentliche Wahrnehmung bestimmen – oder die politisch Unzufriedenen äußern bloß den Wunsch, auszuwandern, ohne es tatsächlich zu tun.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wanderten in der Corona-Zeit vermehrt deutsche Staatsbürger aus, weil sie politisch unzufrieden waren? Medien berichten immer wieder von Maßnahmen-kritischen Deutschen, die nach Paraguay oder in andere Staaten mit weniger Einschränkungen ziehen.

Nils Witte: Dazu liefert unsere Befragung keine Informationen, weil wir bloß Auswanderer aus den Jahren 2017 und 2018 befragen. Allerdings ist laut Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts die Zahl der Auswanderungen in den Jahren 2020 und 2021 gesunken im Vergleich zu den Vorjahren. Im Jahr 2021 sind insgesamt bloß 900 Personen mehr nach Paraguay ausgewandert als vor der Pandemie. Deswegen denke ich, dass politische Unzufriedenheit absolut gesehen eine geringe Rolle spielt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gibt es neben dem brain drain aus Ihrer Sicht weitere Irrtümer über das Auswandern?

Nils Witte: Eine falsche Vorstellung ist, dass die Deutschen in weit entfernte Länder ziehen. Tatsächlich ist die Schweiz bereits seit Jahren das Hauptzielland. Im vergangenen Jahr wanderten knapp 17.000 Deutsche dorthin aus. Danach folgen Österreich (rund 12.000) und die USA (8000).

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?

Nils Witte: Zwei Dinge. Erstens hat das Corona-Geschehen wenig Einfluss auf die Rückkehrmigration. Wir haben uns die Inzidenz und Übersterblichkeit in den Zielländern angeschaut und untersucht, wie viele Deutsche aus dem jeweiligen Land zurückkehren. Beides hatte zwar einen positiven, aber geringen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr. Zweitens haben gerade die mehrfachen Auswanderer besonders viele Freunde in Deutschland. Wer auswandert, ist also nicht sozial isoliert.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Würden Sie einem Freund zur Auswanderung raten?

Nils Witte: Das lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht pauschal beantworten. Generell würde ich sagen: Wer sein Einkommen steigern möchte, hat bei einer Auswanderung gute Chancen. Die Gefahr ist aber, dass die Qualität der Kontakte zu Freundinnen und Freunden leidet.

Zur Person: Nils Witte ist promovierter Soziologe und arbeitet seit dem Jahr 2018 am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Dort ist er an der German Emigration and Remigration Panel Study beteiligt, einer Studie über die individuellen Konsequenzen von Migration für den weiteren Lebenslauf.

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Elias Huber

Elias Huber arbeitet als freier Journalist und Honorar-Finanzanlagenberater. Der studierte Volkswirt schreibt vor allem über die Themen Wirtschaft und Geldanlage. 

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