Deutschland

Deutschland riskiert die Abwanderung seiner Industrie

Die Energiekrise bedroht Deutschland mit einer De-Industrialisierung. Der sich daraus ergebende Rückgang des Lebensstandards könnte zu sozialen Unruhen führen.
Autor
20.08.2022 16:17
Aktualisiert: 20.08.2022 16:17
Lesezeit: 2 min

Die deutschen Strompreise haben zuletzt fast täglich neue Rekordstände erreicht. Für zahlreiche Unternehmen in Branchen wie Auto, Chemie oder Stahl, welche die hohen Energiepreise bezahlen müssen, wird die Abwanderung aus Deutschland immer mehr die einzige Option.

Die Strom- und Gaspreise in Deutschland haben sich in nur zwei Monaten mehr als verdoppelt. Die deutschen Strompreis-Futures für das nächste Jahr - ein Benchmark für ganz Europa - sind Mitte August auf 570 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Vor zwei Jahren waren es noch 40 Euro.

"Die Energieinflation ist hier viel dramatischer als anderswo", sagte Ralf Stoffels, Geschäftsführer der BIW Isolierstoffe GmbH, einem Hersteller von Silikonteilen für die Automobil-, Luft- und Raumfahrt- und Haushaltsgeräteindustrie gegenüber Bloomberg. "Ich befürchte eine allmähliche De-Industrialisierung der deutschen Wirtschaft".

Über Jahrzehnte versorgte Russland die deutsche Industrie mit Energie. Doch dies wird für viele erst jetzt sichtbar, da Russland die Gaslieferungen gekürzt hat. Die europäischen Gaspreise für den nächsten Monat erreichten Mitte August ein Rekordhoch von 241 Euro pro Megawattstunde und lagen damit etwa elfmal so hoch wie zu dieser Jahreszeit üblich.

Zwar hat die Bundesregierung die Preiserhöhungen für die Haushalte bis zu einem gewissen Grad begrenzt. Doch auch die Unternehmen sind nicht immun gegen die steigenden Kosten. Viele werden die Kosten an die Kunden weitergeben oder sogar den Betrieb ganz einstellen müssen.

"Die Preise stellen für viele energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, eine große Belastung dar", sagte Matthias Ruch, ein Sprecher der Evonik Industries AG, dem zweitgrößten Chemieproduzenten der Welt mit Anlagen in 27 Ländern.

Das Unternehmen ersetzt in Deutschland bis zu 40 Prozent seiner benötigten Gasmenge durch Flüssiggas und Kohle. Zudem gibt es einen Teil der höheren Kosten an seine Kunden weiter. Aber eine Verlagerung ins Ausland kommt nicht in Frage, sagte ein Sprecher.

Der Industriestandort Deutschland gerät ins Wanken

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stieg das Volumen der Chemie-Importe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um etwa 27 Prozent, wie aus den von der Beratungsfirma Oxford Economics ausgewerteten offiziellen Daten hervorgeht. Gleichzeitig ging die Chemieproduktion zurück. Im Juni lag sie fast 8 Prozent niedriger als noch im Dezember.

"Wenn die Industrie aufgrund der Energieknappheit auf verkürzte Wochenarbeitszeiten und geringere Löhne zurückgreifen muss, werde ich nervös", sagte Martin Devenish, ein ehemaliger Geschäftsführer der Goldman Sachs Group. "Die Voraussetzungen für soziale Unruhen sind vorhanden, und das Risiko dafür wird unterschätzt."

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erklärte im Juli, dass Deutschland in diesem Jahr aufgrund der Abhängigkeit seiner Industrie von russischem Erdgas das schlechteste Ergebnis in der G7-Gruppe erzielen wird, zu der auch Kanada, Frankreich, Italien, Japan, Großbritannien und die USA gehören.

Europas größter Kupferproduzent, die in Hamburg ansässige Aurubis AG, will ihren Gasverbrauch minimieren und ihre erhöhten Stromkosten an die Kunden weitergeben. Dies hat der Vorstandsvorsitzende Roland Harings am 5. August angekündigt.

Der Zuckergigant Suedzucker AG hat Notfallpläne für den Fall ausgearbeitet, dass Russland die Gaslieferungen nach Deutschland vollständig unterbricht, sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber Bloomberg.

Die BMW AG verstärkt ihre Vorbereitungen auf den erwarteten Gasmangel. Der in München ansässige Automobilhersteller betreibt 37 gasbetriebene Anlagen zur Erzeugung von Wärme und Strom in Werken in Deutschland und Österreich und erwägt, stattdessen lokale Energieversorger zu nutzen.

Das Verpackungsunternehmen Delkeskamp Verpackungswerke GmbH plant wegen der hohen Energiekosten, eine Papierfabrik in der niedersächsischen Stadt Nortrup zu schließen, wodurch 70 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren würden.

Ein anhaltender Anstieg der Energiepreise könnte die wirtschaftliche Landschaft des Kontinents verändern, sagt Simone Tagliapietra, Senior Fellow bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. "Einige Branchen werden unter ernsthaften Stress geraten und ihre Produktion in Europa überdenken müssen."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Rendite von US-Staatsanleihen erreicht Hoch seit Finanzkrise
15.09.2026

An den Anleihenmärkten geht der Ausverkauf weiter. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steigt auf den höchsten Stand seit 2007....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreise und Inflation steigen: Was tun?
15.09.2026

Die Spritpreise steigen und setzen die Verbraucher unter Druck. Während die SPD einen Preisdeckel fordert, setzt die Union auf gezielte...

DWN
Politik
Politik Kohle erlebt Comeback durch Trumps Iran-Krieg
15.09.2026

Nach den Prognosen der IEA aus dem vergangenen Jahr hätte das Wachstum des globalen Kohleverbrauchs in diesem Jahr zum Stillstand kommen...

DWN
Technologie
Technologie Rekord: 100.000 Kunden bestellen den neuen BMW iX3
15.09.2026

Der neue BMW iX3 entwickelt sich in Europa zum Verkaufserfolg und erreicht bereits 100.000 Bestellungen. Damit legt das erste Modell der...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Vor Fed-Entscheidung Gold kaum bewegt – droht der nächste Rückschlag?
15.09.2026

Der Goldpreis zeigt sich unmittelbar vor der Zinsentscheidung der US-Notenbank kaum bewegt. Steigende Renditen, ein fester Dollar und...

DWN
Finanzen
Finanzen Tesla-Aktie: Elektro-Lkw Tesla Semi startet verspätet 2027 in Europa
15.09.2026

Jahre nach der ursprünglichen Ankündigung soll der Tesla Semi den Sprung nach Europa schaffen. Der Elektro-Lkw verspricht hohe Reichweite...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI und Stellenabbau treffen Akademiker: Berufseinstieg immer schwieriger
15.09.2026

Jung, gut gebildet und trotzdem arbeitslos: Immer mehr Akademiker sind in Deutschland auf Jobsuche trotz Fachkräftemangel. Vor allem...

DWN
Finanzen
Finanzen Chip-Ausverkauf drückt Wall Street ins Minus – Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen steigt über 5 Prozent
14.09.2026

Erfahren Sie, welche Entwicklungen die US-Märkte belasten und warum Tech-Anleger jetzt vorsichtig werden.