Deutschland

Energie-Krise: Ökonomen warnen vor makroökonomischem Schock für Deutschland

Lesezeit: 4 min
04.09.2022 08:07
Der Strompreis kletterte zuletzt auf ein Allzeithoch. Die Preisanstiege werden nicht nur die Industrie treffen, sondern auch Privathaushalte schwer belasten. Deutschland drohe ein „gigantischer makroökonomischer Schock“.
Energie-Krise: Ökonomen warnen vor makroökonomischem Schock für Deutschland
Ökonomen warnen vor Strompreis-Schock. (Foto: iStock.com/Rost-9D)
Foto: Rost-9D

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Nachdem der Gaspreis wochenlang in immer neue Höhen kletterte, herrscht aktuell am Strommarkt regelrechte Panik. Vergangene Woche erreichte der Strompreis ein neues Rekordhoch. Rund 700 Euro pro Megawattstunde (MWh) mussten deutsche Einkäufer am Donnerstag an der Strombörse EEX zahlen. Umgerechnet bedeutet das einen Strompreis von 70 Cent pro Kilowattstunde (kWh) – ohne Steuern und Abgaben. Das entsprach einem Anstieg um 10 Cent pro kWh allein binnen einer Woche.

„Die Preisdynamik bei Strom war zuletzt so stark wie noch nie. Im Vergleich zum Vorjahr ist der durchschnittliche kWh-Preis um rund 38 Prozent gestiegen“, sagte ein Sprecher des Vergleichsportals Verivox. Am deutschen Terminmarkt für Strom durchbrachen die Preise für Elektrizitätslieferungen für das kommende Jahr sogar die Marke von 1000 Euro. Zwischenzeitlich kostete die Megawattstunde Strom 1050 Euro. Allein am letzten Tag der vergangene Handelswoche waren die Strompreise in Deutschland und Frankreich um mehr als 25 Prozent gestiegen.

Strompreise an der Börse steigen auf Allzeithoch

Damit hat Deutschland nun mit Abstand den höchsten Strompreis der Welt. Schon im letzten Jahr hatte Deutschland laut Verivox die weltweit höchsten Strompreise. 2021 lag der Preis bei 31,80 Cents pro Kilowattstunde (kWh) und war damit durchschnittlich 174 Prozent teurer als im Rest der Welt. Bei den aktuellen Spotpreisen läge der Strompreis für einen Musterhaushalt derzeit bei 42 Cent pro kWh.

Da sich die Spotpreise erst mit einer deutlichen Verzögerung am Endkundenmarkt bemerkbar machen, werden diese Preise erst im Frühjahr 2023 voll auf die Verbraucher in Deutschland durchschlagen. Das Vergleichsportal Verivox listet allerdings schon mindestens 123 Preissteigerungen auf von Grundversorgern mit einer jeweiligen Erhöhung von rund 25 Prozent in den Monaten August, September und Oktober.

Am Gasmarkt kündigt sich derweil eine leichte Entspannung an, wenn auch auf sehr hohem Niveau. Nachdem der Benchmarkpreis am vergangenen Donnerstag auf den Rekordpreis von 324 Euro pro MWh kletterte, fiel er in den vergangenen Tagen wieder unter die 300-Euro-Marke und damit so stark wie zuletzt im April. Der als Benchmark geltende niederländische Front-Monats-Kontrakt fiel am Montag um 16 Prozent auf 286 Euro je MWh, nachdem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verkündet hatte, dass die deutschen Gasspeicher den erst für Oktober anvisierten Füllstand von 85 Prozent bereits im September erreicht haben.

Auch in Frankreich wurde die Megawattstunde zuletzt für mehr als 1000 Euro an der Strombörse gehandelt. Frankreich drohen im Winter Blackouts, wenn sich die Lage nicht entspannt. „Die Katastrophe ist bereits da“, sagte Thierry Bros, Professor für internationale Energie in Paris gegenüber Bloomberg. „Ich denke, die Hauptfrage ist, wann die Staats- und Regierungschefs der EU aufwachen werden.“

Ökonomen rätseln über Ursachen für heftigen Strompreisanstieg

Warum speziell der Strompreis gerade so explodiert, ist selbst Ökonomen ein Rätsel. So erklärte der Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Bachmann auf Twitter: „Ich gebe ein Bekenntnis ab. Ich bin Ökonom. Und ich habe keine Ahnung, was zurzeit am Strommarkt los ist. Selbst ÖkonomenkollegInnen [sic!], die Experten für diesen Markt sind, können es mir nicht wirklich erklären.“ Bachmann ist Professor für Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Makroökonomik an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana.

Bachmann spekuliert anschließend über mögliche Ursachen des steilen Strompreisanstiegs. So könnten „nicht mehr fließendes russisches Gas und nicht mehr gelieferte russische Steinkohle“ ebenso zum Anstieg beitragen wie „eine Mischung aus ideologischer Politik – nämlich nicht genug Braunkohle zu verstromen, aus Atom zu früh rauszugehen“. Hinzu komme der unglückliche Umstand, dass französische Kernkraftwerke aufgrund von Kühlwasserknappheit und Wartungsarbeiten zu den exorbitanten Strompreisen beitragen.

Javier Blas, Energie-Experte bei Bloomberg, nannte auf Twitter weitere Gründe für den heftigen Preisanstieg. Blas zufolge sei der Markt derzeit durch extrem geringe Liquidität geprägt, was dazu führen würde, dass Margin Calls stärker am Markt durchschlagen. Dazu seien einige Stromanbieter offenkundig von Insolvenz bedroht, was weitere staatliche Eingriffe wahrscheinlich mache. Und schließlich könnte sich auch die Ankündigung der Politik, den Preismechanismus am Energiemarkt sowie den Terminmarkt zu reformieren, preistreibend auswirken.

Einbrechender Konsum könnte Rezession auslösen

Sebastian Dullien, Professor für International Economics an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin sowie Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Auf Twitter warnte der Ökonom: „Deutschland steht vor einem gigantischen makroökonomischen Schock.“ Einen Eindruck von der Größenordnung des Schocks bekomme man, wenn man die Nettoimportrechnung Deutschlands für fossile Energieträger abschätze. Laut Dulliens Berechnungen auf Grundlage der Importmengen von 2019 und der Preise der folgenden Jahre erlebt die deutsche Wirtschaft 2023 „einen Schock in der Größenordnung von 200 Milliarden Euro“.

Das entspräche mehr als 5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Diese Summe käme kurzfristig als Mehrbelastung auf Unternehmen, Privathaushalte und den Staat zu. Schon jetzt klagt der deutsche Mittelstand über die „katastrophale Lage“. Viele Mittelständler hätten laut Insidern aufgehört, Strom- und Gaskontingente für die Zukunft zu kaufen und würden nun auf fallende Preise hoffen. Wenn diese ausbleiben, droht ihnen der Produktionsstopp und damit das wirtschaftliche Aus.

Dullien betont, dass es sich dabei noch um eine konservative Berechnung handeln würde, dem ein Spotpreis für Gas von 225 Euro je MWh zugrunde liege. Würde dieser Preis auf 300 Euro je MWh steigen, würde dies zusätzliche Mehrkosten von 65 Milliarden Euro bedeuten. Besonders groß falle die Mehrbelastung für Privathaushalte aus. Allein für steigende Gaspreise (und die künftig fällige Gasumlage) müssten Privathaushalte mit zusätzlichen 80 Milliarden Euro rechnen, die jährlich für die Gasversorgung anfallen. Das entspräche etwa 8 Prozent des verfügbaren Einkommens aller Haushalte, die derzeit mit Gas heizen.

Die Energieversorger warnen angesichts der bedrohlichen Lage bereits vor breitflächigen Zahlungsausfällen ihrer Kunden. „Bisher lagen die Zahlungsausfälle unter einem Prozent. Jetzt preisen viele Stadtwerke schon bis zu acht Prozent an Verlusten ein“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Ingbert Liebing, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es gebe aber auch Stadtwerke, „die mit bis zu 15 Prozent Forderungsausfällen kalkulieren“, fügte er hinzu. „Das wird dann bedrohlich.“

Neben hohen Strom- und Gaspreisen würden auch die weiter steigenden Lebensmittelpreise zu diesem Schock betragen, so Dullien. Die Lebensmittelpreise steigen in Deutschland gerade in Rekordtempo an. Im August legten die Preise um 16,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Das werde unweigerlich Einsparungen bei Privathaushalten erfordern, die wiederum der Auslöser einer Wirtschaftskrise in Deutschland sein könnten. „Diese Belastungen werden viele Haushalte nur dadurch auffangen können, dass sie ihren Konsum an anderer Stelle zurückfahren – Deutschland droht also sehr bald eine konsumgetriebene Rezession.“


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Grenzziehung: Russlands Planspiele sorgen für Besorgnis bei Nachbarn
22.05.2024

Ein russisches Gesetzesprojekt zur Neubestimmung der Ostsee-Grenzen sorgt für Aufregung bei Nachbarländern. Litauen spricht von...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank: Konjunkturaussichten hellen sich langsam auf
22.05.2024

Die deutsche Wirtschaft scheint das Gröbste überstanden zu haben. Nach einem leichten Wachstum zu Jahresbeginn dürfte die Konjunktur...

DWN
Politik
Politik Lehrerverband will Islamunterricht: Lösung für bessere Integration oder Anbiederung?
22.05.2024

Gut 1,6 Millionen Schüler moslemischen Glaubens besuchen mittlerweile Deutschlands Schulen. Für sie wünscht sich der Präsident des...

DWN
Immobilien
Immobilien Bessere Laune im Bausektor, aber Auftragsmangel immer noch zentrales Problem
22.05.2024

Auf dem ZIA-Finance Day letzte Woche ging es - unter anderen Schlüsselthemen - um die sich stabilisierende makroökonomische Lage in...

DWN
Finanzen
Finanzen Der DWN-Marktreport: Börsen im Rally-Modus – Aktienmärkte erreichen Allzeithochs, Metalle glänzen
22.05.2024

Die vergangene Woche konnte sich sehen lassen: Die internationalen Finanz- und Rohstoffmärkte warteten mit beeindruckenden Preisbewegungen...

DWN
Politik
Politik Erleichterungen für Hausarztpraxen im Fokus
22.05.2024

Das Bundeskabinett befasst sich mit einer stärkeren Absicherung der Gesundheitsversorgung für Patientinnen und Patienten - besonders in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Europawahl und die AfD: Unternehmen äußern wirtschaftliche Bedenken
22.05.2024

Neue IW-Studie: Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen lehnt die AfD deutlich ab. Sie sind besorgt über den Wirtschaftsstandort...

DWN
Finanzen
Finanzen Zukunft des Solidaritätszuschlags: Entlastung für Kapitalanleger in Sicht?
22.05.2024

Trotz der Abschaffung des „Soli“ für viele Bürger: Kapitalanleger zahlen weiter! Doch die Verfassungsmäßigkeit des...