Politik

Deutschland im Wirtschaftskrieg gegen sich selbst?

Deutschlands Wirtschaft gerät durch den Krieg in der Ukraine immer mehr unter Druck. Einem geleakten Dokument aus Amerika zufolge steckt hinter der aktuellen Lage ein langer Plan.
19.09.2022 15:00
Lesezeit: 5 min
Deutschland im Wirtschaftskrieg gegen sich selbst?
Steckt hinter der bedrohlichen Wirtschaftslage in Deutchland ein langfristiger Plan der USA? (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Ein vermeintlich geleaktes und vertrauliches Papier der Rand Corporation, das am 25. 1. 2022 als vertraulich veröffentlicht worden sein soll, macht Vorschläge, auf welche Weise Deutschland wirtschaftlich ruiniert werden kann. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten können die Authentizität des Dokumentes zurzeit nicht überprüfen, die Rand Corporation selbst streitet diese ab. Dessen ungeachtet lohnt sich ein Blick auf den Text und ein Abgleich mit den Entwicklungen in den letzten Monaten: Wurden die Hoffnungen der Autoren enttäuscht, erfüllt oder gar übertroffen? Und ergibt ein Vorgehen, wie es in dem Papier angeregt wird, aus Sicht der USA überhaupt Sinn?

In dem Papier kommen die Analysten zu dem Schluss, dass sich die USA in einer wirtschaftlich fragilen Lage befinden. Dies könnte bei den nächsten Zwischenwahlen im November den Demokraten sowohl im Kongress als auch im Senat Einbußen bescheren, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Biden sei dann nicht mehr auszuschließen. Um dies zu verhindern, müssten Ressourcen aus Ländern wie Deutschland, die durch NATO und EU- Verträge gebunden seien, in die USA zu deren wirtschaftlichen Vorteil umgeleitet werden. Durch eine massive Schwächung der deutschen Wirtschaft könne dies erreicht werden.

Ein Dokument mit brisantem Inhalt

Das Dokument, das den Titel „Deutschland schwächen, die USA stärken“ trägt, rechnet bei einer Zerstörung der deutschen Wirtschaft mit der Einwanderung qualifizierter deutscher und europäischer Arbeitskräfte sowie mit einer massiven Kapitalflucht, vor allem in die USA. In den nächsten vier bis fünf Jahren könnten sich die daraus entstehenden Vorteile für die USA auf bis zu neun Billionen Dollar belaufen. Zudem würde der Euro, wenn Deutschland als tragende Finanzsäule des Euroraums entfalle, zu einer toxischen Währung. Dies würde wiederum dem amerikanischen Dollar zugutekommen.

Die Achillesferse der deutschen Wirtschaft, so die Autoren, sei seine Energieversorgung, vor allem mit russischem Gas. Gelänge es, die Erdgasströme aus Russland nach Deutschland zu unterbrechen und einen Betrieb der Gaspipeline Nordstream 2 dauerhaft zu verhindern, etwa durch einen von langer Hand geplanten Krieg in der Ukraine, der sich einreihen würde in eine Vielzahl geopolitisch motivierter und von dem Think Tank ebenfalls ins Spiel gebrachten Schachzüge gegen Russland, wäre Deutschland als Folge von Sanktionen gegen Russland von einer massiven Desindustrialisierung betroffen.

Eine Stilllegung größerer energieintensiver Unternehmen dürfte zu einem Dominoeffekt führen, der nicht nur der deutschen Wirtschaft einen schweren Schlag versetzen würde, sondern als Folge dessen auch die gesamte EU- Wirtschaft in Mitleidenschaft zöge. Um Deutschland dazu zu bewegen, auf russische Energielieferungen zu verzichten und so die Zerstörung der eigenen Wirtschaft in Kauf zu nehmen, müsste Deutschland in den Ukraine-Konflikt, den es weiter zu eskalieren gälte, eingebunden werden.

Dies sei zu erreichen, da „unser weiteres Vorgehen in diesem Land unweigerlich zu einer militärischen Antwort Russlands führen wird. Die Russen werden offensichtlich nicht in der Lage sein, den massiven militärischen Druck auf die nicht anerkannten Donbass-Republiken unbeantwortet zu lassen. Das würde es möglich machen, Russland zum Aggressor zu erklären und das gesamte Paket der von uns zuvor (!) vorbereiteten Sanktionen gegen Russland anzuwenden.“ Mit politischem Personal wie Annalena Baerbock oder Robert Habeck – die beiden werden in dem Dokument ausdrücklich genannt – sei die Umsetzung solcher Pläne möglich.

Passt das Papier zu der geostrategischen Strategie der USA?

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben mit einem Datenanalysten – der anonym bleiben möchte – über das Papier gesprochen. Seiner Aussage nach ist es mit einer Wahrscheinlichkeit von 80–90% echt. Es lässt sich also nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass dieses Papier echt ist und es sei eingeräumt, dass andere Analysten und Experten die Wahrscheinlichkeit womöglich niedriger einstufen würden. Der Verteiler des Dokuments erscheint zudem umfangreich, die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen an die Öffentlichkeit durchsickern könnte, wäre demnach gegeben.

Obgleich wir die Authentizität des Papiers an dieser Stelle nicht klären können, ist doch festzustellen, dass sich die wirtschaftliche und geopolitische Lage in den letzten Monaten in Einklang mit dessen Prognosen– das, sollte es echt sein, einen Monat vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine veröffentlicht worden wäre – entwickelt hat und weiterhin entwickelt. Die Sanktionen gegen Russland wären demnach von langer Hand vorbereitet worden und in diesem Fall nicht als direkte Reaktion auf die russische militärische Aktion zu verstehen. Vielmehr hätten interessierte Kreise diesen Konflikt gezielt provoziert, um auf diese Weise konkrete wirtschaftliche und geopolitische Ziele zu erreichen.

Die Geopolitik der USA und Großbritanniens speist sich zu Teilen noch immer aus der sogenannten „Herzlandtheorie“ des britischen Geographen Halford Mackinder, der verhindern wollte, dass sich eine dominante Landmacht auf dem eurasischen Kontinent etablieren könne. Eine Allianz zwischen Russland und Deutschland müsse demnach auf alle Fälle verhindert werden. Man kann davon ausgehen, dass dieses Ziel nun auf absehbare Zeit erreicht worden ist.

Zudem droht mit einer massiven Schwächung der deutschen Wirtschaft, wie sie in dem Papier beschrieben wird, auch der Zerfall des Euro. Dies könnte tatsächlich den Dollar in seiner Rolle als Weltleitwährung für eine Weile stützen, da internationaler Handel nicht mehr über Euros abgewickelt werden und der Dollar diese Lücke füllen könnte. Und aus Sicht der USA muss der Dollar Weltleitwährung bleiben, nicht nur wegen ihres enormen Handelsdefizits, sondern auch, um ihren gigantischen Militärhaushalt zu finanzieren.

Wird die amerikanische Strategie langfristig erfolgreich sein?

Allerdings erhebt sich die Frage, ob die kurzfristigen Vorteile, welche die USA aus einer Zerstörung der deutschen Wirtschaft ziehen könnten – Stärkung des Dollar, Ausschaltung der EU als geopolitischen Rivalen – die Nachteile, die sich langfristig daraus ergeben, überwiegen. Geht man davon aus, dass die Welt gerade in ein „östliches“ und ein „westliches Lager“ zerfällt – mit China als der dominanten östlichen und den USA als der dominanten westlichen Macht – dürfte der Einfluss des Westens insgesamt schrumpfen, wenn die USA ihre Verbündeten zum eigenen Vorteil ausbluten. Der Westen dürfte dann bei einer Frontstellung West gegen Ost über immer weniger Ressourcen verfügen und so ins Hintertreffen geraten.

Auf der anderen Seite befürchten die Autoren des Papiers, dass Deutschland mit der Zeit [von den USA] immer unabhängiger werden könnte. Zwar verfüge das Land nach wie vor nur über eine beschränkte Souveränität, habe sich aber in den letzten Jahrzehnten – Stück für Stück und sehr langsam – mehr Freiraum zu verschaffen gesucht, ein Prozess, der nach aktuellem Stand bis zur Erreichung einer wahren Souveränität noch weitere Jahrzehnte andauern würde. Sollten die sozialen und wirtschaftliche Probleme in den USA jedoch eskalieren, könnte sich Deutschland deutlich schneller von der amerikanischen Vormundschaft lösen.

Vor diesem Hintergrund wären die Zerstörung der Wirtschaft Deutschlands und der EU, die wahrscheinlich auch ein Ende der EU selbst in seiner jetzigen Form bedeuten würde, als ein amerikanisches Defensivmanöver zu sehen: Um die amerikanische Wirtschaft zu stützen, sollen Ressourcen aus Europa in die USA umgeleitet werden, und um zu verhindern, dass Deutschland souverän wird und im Verbund mit Frankreich und anderen europäischen Ländern eine von eigenen Interessen geleitete Geopolitik betreibt, soll die EU massiv geschwächt, wenn nicht gar aufgelöst werden.

Unabhängig davon, ob das Papier tatsächlich von der Rand Corporation verfasst wurde oder nicht, dürften die EU und vor allem Deutschland die großen Verlierer des Ukraine-Konflikts sein, während die USA von ihm – zumindest kurzfristig – profitieren. Auf lange Sicht aber verschieben sich die Machtachsen auf dem Globus dennoch, eine Entwicklung, die sich nun noch beschleunigen dürfte, nicht zuletzt deshalb, weil sich Indien, Pakistan und der gesamte globale Süden dem Willen der USA nicht mehr unterordnen und sich an den Sanktionen gegen Russland nicht beteiligen. Die USA pokern hoch und verwetten gerade den Wohlstand ihrer europäischen Partner, was auch für USA in einigen Jahren zu einem Problem werden dürfte. Pyrrhus, König der Molosser, der dem aufstrebenden Rom in Apulien unter großen Verlusten eine Niederlage zufügen konnte, soll gesagt haben: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“.

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Moritz Enders

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

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