Unternehmen

Ärztekammer fordert „Medizin-Flohmärkte“ in Nachbarschaften

Um den Notstand an Medikamenten zu beheben suchen Mediziner nach Lösungen. Der Bundesärztekammerpräsident bringt nun ein Tauschgeschäft für Medizin ins Spiel.
20.12.2022 07:00
Lesezeit: 3 min
Ärztekammer fordert „Medizin-Flohmärkte“ in Nachbarschaften
Ein automatisiertes Lager einer Apotheke. (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

Der Notstand in den Apotheken wird zu einem immer größeren Problem. Viele Medikamente fehlen und sind Mangelware. Dies passiert zu einem Zeitpunkt, in dem eine Infekt-Welle viele Menschen heimsucht und insbesondere auch viele Kinder erkranken. Die Praxen bei Kinderärzten werden immer voller und die Kinderstationen in Krankenhäusern sind überfüllt. In manchen Einrichtungen werden die Kinder nach der Schwere ihrer Symptome behandelt. Der Präsident der Bundesärztekammer macht nun ungewöhnliche Tauschvorschläge.

„Wir brauchen Flohmärkte für Medikamente“

Bei den Medikamenten die knapp sind handelt es sich dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zufolge um 350 Arzneien. Darunter fallen Fiebersäfte, Cholesterinsenker und Schmerzmittel. Grund für die Knappheit sind laut dem Tagesspiegel gestörte Lieferketten durch marode Verkehrsnetze, schlechte IT-Strukturen und nicht vorhandenes Baumaterial. Auch die Transportkosten werden zu einem großen Problem und wenn man überlegt, dass fast alle Medikamente in China und Indien hergestellt werden, wird klar, wie es zur angespannten Lage in Deutschland gekommen ist.

Um die Problematik mit der Arzneimittelknappheit zu beheben, hat Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt nun am Wochenende gegenüber dem Tagesspiegel ein Tauschgeschäft als Lösung eingebracht. Reinhardt ruft zur gegenseitigen Solidarität mit Medikamenten auf: „Jetzt hilft nur Solidarität. Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben. Wir brauchen so was wie Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft.“

Reinhardt erklärte, dass dabei auch Medikamente getauscht werden könnten, deren Haltbarkeitsdatum einige Monate abgelaufen sind. Diese könnte man ohne Gefahr im Notfall nutzen. Die Idee, Medikamente aufzukaufen, sieht der Bundesärztekammerpräsident als nicht sinnvoll an: „Es geht auch darum, wieder zu lernen, Krisenzeiten pragmatisch und standfest abzuwettern. Danach können und müssen wir wieder Grundsätzliches angehen, wie die Reform der Arzneimittelproduktion. Die Idee eines weiteren milliardenschweren „Wumms“ zum Aufkauf von Medikamenten sehe ich kritisch. Das hilft nicht. Andere Länder der Welt haben dasselbe Problem. Denen können wir doch die Arzneien nicht wegkaufen.“

Bundesregierung hält Tauschidee für unseriös

Aus der Bundesregierung gibt es noch keine direkte Reaktion. Nach Informationen der Bild-Zeitung soll jedoch das Gesundheitsministerium den Vorschlag Reinhardts für unseriös halten. Angesichts der angespannten Lage in Kinderpraxen und Kinderkliniken steht auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach unter Druck. Erst kürzlich erklärte Lauterbach: „Wir werden nicht zulassen, dass Kinder, die in der Pandemie so viel aufgegeben haben, jetzt nicht die Versorgung bekommen, die sie brauchen.“ Es soll noch vor Weihnachten einen Gesetzesentwurf aus dem Gesundheitsministerium zur Arzneimittelversorgung geben. Zudem will man den am Limit arbeitenden Kinderkliniken unter die Arme greifen.

Wie kritisch die Überlastung der Kliniken für das Personal und damit die Ärzte und Pfleger ist und wie sich Übergriffe von Eltern häufen, schilderte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt am Wochenende in der Rheinischen Post: „Es häufen sich Fälle von Androhung oder der tatsächlichen Ausübung psychischer und physischer Gewalt gegenüber dem Gesundheitspersonal.“

Intensivmediziner drängt auf Zuwanderung und neues Personal

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis erklärte gegenüber der Tageszeitung, dass die zu erwartenden Belastungen für das Gesundheitswesen durch Mangel an Fachkräften noch größer sein werde als während der Corona-Pandemie. Karagiannidis, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (Divi) ist, erklärte, dass Zuwanderung notwendig sei und drängte auf neues Personal: „Wir werden in allen Berufsgruppen pro Jahr rund 500.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verlieren, die in Rente gehen. Millionen Stellen können deswegen nicht nachbesetzt werden. Diese Arbeitskräfte fehlen als Pflegekräfte, sie fehlen als Beitragszahler, das wird noch völlig unterschätzt. Wenn nicht jetzt dagegen etwas unternommen wird, crasht das Gesundheitssystem.“

Angesichts der Belastungssituation in Kinderkliniken und Kinderpraxen und der Arzneimittelknappheit drängen die Grünen Gesundheitsminister Lauterbach zu Sofortmaßnahmen, um gegen die Missstände vorzugehen. Dabei bringen sie einen 4-Punkte-Krisenplan ins Spiel. Darin wird beispielsweise gefordert, dass Apotheken Medikamente zur Behandlung akuter Atemwegserkrankungen selbst und ohne erneutes Rezept durch den behandelnden Arzt oder Ärztin herstellen dürfen. Außerdem sollen die Apotheken Alternativprodukte ausgeben können, ohne dass dafür ein neues Rezept ausgestellt wird. Zudem will man den Großhandel dazu verpflichten, alle Medikamente, die von der Weltgesundheitsorganisation in der Liste unentbehrlicher Medizin geführt werden, als Vorrat zu speichern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Immobilien
Immobilien Hitzeschutz: So bewahren Sie auch ohne Klimaanlage einen kühlen Kopf 
03.10.2026

Deutschland hat einen der heißesten Sommer hinter sich - und es wird nicht der letzte gewesen sein. Um sich in Gegenwart und Zukunft gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
03.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI und Arbeitsmarkt: Der Effizienzboom könnte den Fachkräftemangel verschärfen
03.10.2026

Künstliche Intelligenz macht Unternehmen schneller und produktiver. Doch ausgerechnet junge Berufseinsteiger könnten dafür einen hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wann lag die Inflation im Euroraum zuletzt bei vier Prozent?
03.10.2026

Zehn Wendepunkte zeigen, wie schnell eine Krise die Inflation nach oben treiben kann und wie langsam sich die Preise anschließend wieder...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Schock trifft Europa: Millionen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
03.10.2026

In der kommenden Woche reisen führende EU-Vertreter nach Peking, um von der chinesischen Führung zu verlangen, das enorme...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleiherenditen setzen Aktien weiterhin unter Druck
02.10.2026

Zinsängste und Arbeitsmarktdaten bewegen die Börsen – was Anleger jetzt wissen müssen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Raffinerien stoppen Exporte: Was passiert mit den Dieselpreisen in Europa?
02.10.2026

Der weltweite Dieselmarkt steht bereits massiv unter Druck. Nun drosseln chinesische Raffinerien ihre Exporte und konzentrieren sich auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Der neue Anleger der DWN stellt sich vor
02.10.2026

Wie können Sie ein Vermögen an der Börse aufbauen, wenn Sie weder Erfahrung bei der Aktienanalyse haben noch die Zeit für den...