Panorama

Nicht vom Aussterben bedroht: Eisbär trotzt Klimawandel

Die Eisbär-Populationen haben sich trotz Klimawandel deutlich erholt. Vielleicht war der Polarbär sogar nie vom Aussterben bedroht. Warum sind die Bären mit dem weißen Fell so anpassungsfähig oder wie sonst ist dieser Umstand zu erklären?
12.03.2023 00:02
Aktualisiert: 12.03.2023 00:02
Lesezeit: 4 min

Einstmals als Aushängeschild für die Folgen des Klimawandels von Umweltschutzorganisationen wie dem „World Wildlife Fund“ (WWF) genutzt, ist es um den Eisbär in den letzten Jahren medial auffällig ruhig geworden. Das hat seine Gründe: Der Eisbär ist nicht mehr vom Aussterben bedroht und vielleicht war er es auch nie.

Fakt ist: Die Eisbär-Population auf der Erde ist so groß wie seit mehr als 50 Jahren nicht mehr, obwohl das Polareis rund um den Nordpol – dem einzigen Gebiet auf der Erde, wo Eisbären zu finden sind – im selben Zeitraum unstrittigerweise massiv abgeschmolzen ist.

Das Meereis in der Arktis hat seit den späten 1970er Jahren deutlich abgenommen. Seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen im Jahr 1978 ist das jährliche Minimum der arktischen Meereis-Ausdehnung (das im September auftritt) um etwa 40 Prozent zurückgegangen. In jedem arktischen Winter dehnt sich die Eisdecke wieder aus, aber das Eis ist dünner als früher. Wie stark der seit 1978 gemessene Polareis-Rückgang im Kontext der Erdgeschichte ins Gewicht fällt, ist hingegen schwer zu sagen, weil auch erst seit damals offizielle Daten erhoben werden. Grobe Schätzungen deuten darauf hin, dass der Rückgang des arktischen Eises in den letzten 1.450 Jahren beispiellos sein könnte.

Eisbär-Zahlen steigen trotz Klimawandel

Und dennoch erreichte die globale Eisbär-Population zuletzt Höchststände. Schätzungen der Umweltorganisation IUCN zufolge, auf die sich auch der WWF bezieht, hat sich die Zahl der Tiere seit 1950 grob verzwei- bis verdreifacht – von 10.000 auf 22.000 bis 31.000. Das Heartland Institute, ein konservativer Thinktank aus den USA, geht sogar von einer Vervierfachung auf 39.000 aus, wobei man sich auf Daten und Schätzungen der umstrittenen kanadischen Wissenschaftlerin und Eisbär-Expertin Susan Crockford bezieht.

Um die 2000er herum, als der Aktivismus gegen die Erderwärmung langsam an Bedeutung gewann, war die Population laut Crockfords Zahlen zwar rückläufig, aber im Kontext der Jahrzehnte davor ist dieser Rückgang völlig unbedeutend. Selbst auf der Website des WWF heißt es: „Heute gehören Eisbären zu den wenigen großen Fleischfressern, die noch ungefähr in ihrem ursprünglichen Lebensraum und Verbreitungsgebiet zu finden sind – und mancherorts auch noch in ihrer natürlichen Anzahl. Obwohl die meisten der weltweit 19 Populationen zu gesunden Beständen zurückgekehrt sind, gibt es Unterschiede zwischen ihnen. Einige sind stabil, andere scheinen zuzunehmen, und wieder andere gehen aufgrund verschiedener Belastungen zurück.“

In einem exklusiven Artikel für die Financial Post stellt Crockford in Frage, wie es sein kann, dass die Zahl der Polarbären in Hudson Bay, Kanada in den letzten fünf Jahren um 27 Prozent gesunken sein soll, aber zugleich die Anzahl der Robben – der Hauptbeute von Eisbären – in der untersuchten Region nicht signifikant zugelegt hat.

Mit den Schätzungen – offiziellen genauso wie inoffiziellen – sollte man ohnehin vorsichtig umgehen. Während IUCN in Teilen Kanadas (wo rund zwei Drittel aller Polarbären leben) eine Erholung feststellt, kann die Organisation für Teile Grönlands und den Großteil der tiefsten arktischen Regionen keine Angaben machen, weil nicht genügend Daten vorhanden seien.

Wirklich ernst nehmen kann man die Warnungen des WWF, wonach der Eisbär bis 2100 akut vom Aussterben bedroht sein wird, also aus mehrerlei Hinsicht nicht. Die Schätzungen ergeben eine starke Erholung der Population in den letzten Jahrzehnten und zugleich sind die Schätzungen der Vergangenheit und damit auch die düsteren Prognosen der Zukunft ohnehin nicht verlässlich.

An dieser Stelle ist noch zu spekulieren, aus welchen Gründen der globale Klimawandel keine Gefahr für den Eisbär darzustellen scheint. Es gibt unter anderem folgenden mögliche Erklärungen:

  • Der Rückgang des natürlichen Lebensraums ist nicht so dramatisch wie angenommen. Laut der US-Weltraumbehörde NASA hat sich das Abschmelzen des arktischen Polareises in den letzten Jahrzehnten erheblich verlangsamt. Zudem ist von 2008 bis 2018 netto gar kein Rückgang messbar gewesen.
  • Polarbären existieren schon seit Hunderttausenden von Jahren. In diesem Zeitraum hat sich das Erdklima in einer Art und Weise gewandelt – inklusive großer Eis- und Warmzeiten – dass es den heutigen Klimawandel unbedeutend wirken lässt. Polarbären haben in der Erdgeschichte bei deutlich wärmeren Temperaturen gelebt und als Art überlebt. Wenn der Eisbär so große klimatische Schwankungen überstehen konnte, warum sollte das heute nicht auch so sein?
  • Seit den 70er-Jahren gelten weltweit Jagdverbote. Seitdem werden weniger Bären erschossen, dennoch sind es immer noch rund 700 pro Jahr.
  • Der natürliche Lebensraum (arktische Eisregionen) mag sich einengen, aber Eisbären sind äußerst anpassungsfähig. Polarbären sind Allesfresser, gute Schwimmer und durchaus in der Lage auf nicht-eisigem Land zu leben. Auf Grönland hat eine isolierten Eisbärpopulation die Jagd nach Robben von Meereis (Packeis) auf Süßwassereis-Brocken (Gletschereis) verlagert. Dort wo es ein reichhaltiges Angebot an Beutetieren gibt, finden Eisbären auch mit weniger erlegten Robben genügend Nahrung – zum Beispiel Walrosse, Fische, Kleinsäuger und Vögel. Auf der Insel Spitzbergen in Norwegen wurde zuletzt vermehrt beobachtet, wie Polarbären an Land Rentiere erbeuten.

Das ist jedoch nicht unbedingt eine gute Nachricht. Je mehr sich Eisbären an Land ausbreiten, umso näher kommen sie der menschlichen Zivilisation. Eisbären gelten für den Menschen als besonders gefährlich, weil sie uns im Gegensatz zu anderen Bärenarten als Beutetier wahrnehmen.

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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