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Klimapolitik? Ein moderner Schamanismus der Eliten, der dem Klima nicht hilft

Lesezeit: 6 min
12.11.2022 09:07  Aktualisiert: 12.11.2022 09:07
45.000 Teilnehmer fliegen zur Klima-Konferenz in die ägyptische Wüste: mit spitzer Feder entlarvt DWN-Kolumnist Ronald Barazon die „Klimapolitik“ als modernen Schamanismus.
Klimapolitik? Ein moderner Schamanismus der Eliten, der dem Klima nicht hilft
Tatsächlich wird die Klimakrise seit Jahren als eine Art Apokalypse dargestellt. (Foto: dpa)

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Die Bekämpfung der Klimakrise erinnert an Geisterbeschwörungen von primitiven Völkern. Für jede Unbill gab es eine eigene Gottheit, die man erfolglos um Gnade bat: Man möge doch von Blitzen, Überschwemmungen, Hagel, Unfällen, Krankheiten und anderen Schrecknissen verschont bleiben. Wenn man alles tat, um den Gott freundlich zu stimmen, dann fühlte man sich sicher.

Diese Vorgangsweise ist sehr verständlich, wenn kein Blitzableiter und kein Spital zur Verfügung stehen. Doch wie kommt es, dass im vermeintlich aufgeklärten, vor Technik strotzenden 21. Jahrhundert plötzlich das uralte Verhalten der Menschen wieder auftaucht, wenn es um das Klima geht. Man demonstriert, organisiert Veranstaltungen, kündigt Lösungen in der Zukunft an - und nichts geschieht.

In der Urangst tritt eine Lähmung ein, die konstruktives Handeln verhindert

Der erste Versuch einer Antwort ergibt sich aus der Beobachtung, dass die Klimakrise die Urangst anspricht, die sich stets meldet, wenn übergroße Gefahren auftreten, die man glaubt nicht bewältigen zu können. In dieser Situation tritt eine Lähmung ein, die konstruktive Bemühungen um praktische Lösungen verhindert.

Tatsächlich wird seit Jahren die Klimakrise als eine Art Apokalypse dargestellt und so ist nachvollziehbar, dass sich die bedrohte Menschheit in Veranstaltungen zusammenrottet und Demonstrationen organisiert, statt konkrete Maßnahmen zu setzen. Gerade das geschieht wieder einmal aktuell im ägyptischen Urlaubsort Scharm El-Scheich, wo in vielen Diskussionen von 45.000 (!) Delegierten die Klimakrise im Rahmen einer UNO-Konferenz angesprochen wird. Man betet keine Gottheit an, offenbar passt das doch nicht in das gegenwärtige, vermeintlich aufgeklärte Zeitalter, adressiert aber die Forderungen nach Klimaschutz an irgendwen, der irgendetwas tun möge.

Der Verweis auf die Zukunft ist eine Neuauflage alter Jenseits-Hoffnungen

Als Adressat, als dieser irgendwer fühlt sich die Politik angesprochen, die auf ein uraltes, bewährtes Mittel zur Vermeidung von konkreten Problemlösungen zurückgreift. Den besorgten Bürgerinnen und Bürgern wird eine wunderbare Zukunft versprochen.

Auch hier hat die gegenwärtig vermeintlich gepflegte Aufklärung eine kleine Korrektur bewirkt. Man verlegt die Erfüllung der Hoffnung nicht in das Jenseits nach dem Tod, sondern nennt Termine, die doch noch einige erleben werden: In so und so vielen Jahren wird man dieses oder jenes veranlassen und dann werde alle gut. Längere Zeit war vom Ende des Jahrhunderts als Termin für die Lösung aller Klimaprobleme die Rede. In einer von prompten Lieferungen frei Haus verwöhnten Gesellschaft sind derartige Daten nicht attraktiv und so werden die Perioden bis zum Klimaheil immer kürzer und folglich immer unrealistischer.

Eine prompte Lieferung frei Haus gibt es bei allen entscheidenden Bereichen des Lebens nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben. In der Arbeitswelt ist und bleibt man ein Rädchen in einem großen Getriebe. Da geht es stets um die bessere Position, die dem Rädchen einen etwas größeren Freiraum bietet. Diese zu erobern ist mühsam und langwierig, auch wenn die Online-Jobbörsen Wunder verheißen. Die Eroberung ist nicht einfach, die Bewahrung noch schwerer.

Auch im Privatleben dominiert nicht die ersehnte Leichtigkeit des Seins. Die Millionen Scheidungen und die Millionen vom schwierigen Familienleben belasteten Kinder sprechen eine deutliche Sprache. Die Ernährung durch einen, in einer kurzen Mittagspause schnell verschlungenen Burger samt einer gesundheitsschädlichen Limonade macht vielleicht satt, aber sicher nicht froh.

Alle Menschen sollen sich schuldig fühlen und als Sünder büßen

Insgesamt ist es ein dreifaches Getriebe, in dem man wie ein Hamster im Rad sehr viel läuft und nicht vom Fleck kommt. Mit diesen Herausforderungen ist man ausreichend beschäftigt. In der Folge entsteht kein Interesse an einer Neugestaltung der Gesellschaft, Politik wird rundweg abgelehnt und somit rücken sonderbare, vermeintliche Alternativen in den Vordergrund.

Sekten, die geheimnisvolle, unverständliche Heilslehren verkünden, finden großen Anklang. Die vom dreischichtigen Getriebe des Alltags geplagten Menschen, die abends in eine mystifizierende Sitzung geraten, fühlen sich besser, leichter, weil der jeweilige Guru die Lösung der Probleme verkündet. Ähnlich ist es bei der Klimakrise. Man kann selbst nichts tatsächlich Wirksames zur Behebung tun, also nimmt man an einer Demonstration teil oder trennt wenigstens den Müll.

Die ständige Wiederholung des Schlagworts, die Klimakrise sei vom Menschen verursacht, stempelt alle zu Sündern und produziert ein allgemeines Schuldgefühl. Das ist ein empörender Trick, denn Menschen in ihrem Alltagsgetriebe sind keine Sünder. Man trägt keinen CO2-Rucksack. Man schaut, dass man die Herausforderungen des Lebens meistert.

Damit nicht genug: Ein weiterer übler Trick verdient Beachtung. Die Kinder werden instrumentalisiert und treten nun als Mahner auf und werfen den Eltern vor, dass sie ihrem Nachwuchs die Zukunft rauben. Ein wahrer Beitrag zur Stärkung des familiären Zusammenhalts: „Papa, Du bist ein Umweltmörder!“

Lesen Sie dazu: Die EU im Klima-Wahn: Unsinnige Verordnungen, der kommende Blackout und der Mensch als Sünder

Eine Selbstgeißelung, die nicht weh tut, und die Verteilung von Milliarden

Zurück zur Politik, also zu diesem Irgendwer, der etwas tun möge. Die primäre Regung der aktuellen Politiker bei der Lösung von Problemen ist die Verteilung von Geld, das niemand verdient hat und niemand in der Zukunft verdienen wird. Dieses Grundprinzip kommt auch beim Klima zum Einsatz. Man verteilt seit Jahren in den jeweiligen Heimatländern Fördergelder, um dann festzustellen, dass sich an der Klimakrise nichts ändert.

Diese Methode wurde nun mit dem atavistischen Verhalten gegenüber dem Klimawandel kombiniert. In Scharm El-Scheich klopfen sich die Vertreter der Industrieländer auf die Brust und bekennen reumütig, dass ihre Länder die Welt verschmutzen und die armen Länder belasten. Es findet zwar keine mittelalterliche Selbstgeißelung statt, aber die Selbstkritik wird wortreich vorgetragen. Und, was sonst, die europäischen und amerikanischen Politiker versprechen die Zahlung von Milliarden. Als ob man nicht schon aus der gescheiterten Entwicklungshilfe wüsste, dass Gelder, die in arme Länder fließen, nie bei den Adressaten landen, sondern in dunklen Kanälen versickern. Hilfreich sind nur konkrete Investitionen.

Lesen Sie dazu: Bundesregierung und andere Staaten kündigen „Klima-Entschädigungszahlungen“ an

Sogar China, das Land mit der größten Umweltbelastung, das sich zudem weigert, den CO2-Ausstoß zu reduzieren bevor nicht die industriellen Planziele erreicht sind, meldet sich zu Wort. In einer Video-Botschaft an die Klimakonferenz bekannte sich Präsident Xi zur Hilfe an die armen Völker. Tatsächlich agieren die chinesischen landwirtschaftlichen und industriellen Betriebe in Afrika wie eine Kolonialmacht, sodass Xis Video wie ein Hohn wirkt. Indien, das nächstgroße Klima-Sünderland, nimmt schon seit Jahren kaum zum Thema Klima Stellung.

Der „Green Deal“ ist eine neue Heilslehre, so gefährlich wie alle Verheißungen

Die nur leicht angedeutete Selbstgeißelung und die Geldverteilung der westlichen Industrieländer schaffen das angenehme Gefühl, etwas gegen die Klimakrise gesagt und getan zu haben. Außerdem kann jede Regierung und jedes Parlament auf irgendwelche Aktionen verweisen, die doch eindeutig demonstrieren, man täte etwas gegen die Klimakrise. Das prominenteste Beispiel ist der „Green Deal“, das Lieblingsprojekt der EU-Kommission.

Diese Aktion beruht auf einem jahrtausendealten Irrtum: Man könne mit einem Konzept, einem Plan, einer Ideologie, einer Philosophie oder wie immer man die krausen Ideen nennen mag, die Welt verändern und selbstverständlich verbessern. Der „Green Deal“, der sich als neue Religion, als neues Parteiprogramm anbietet, muss, wie alle Vorgänger, Unheil stiften, weil die Umsetzung nur mit einer Vergewaltigung der Menschen möglich wäre und diese immer scheitert.

Die Ideologen lehnen praktische Lösungen ab und setzen auf den „Great Reset“

Das Phänomen wird von allen gerade neu aktiven Weltverbesserern bestritten, weil ihr wunderbarer Plan ganz anders und viel besser sei als alle Vorgänger. Somit empfiehlt sich ein Blick in die Praxis. Stolz verkünden die Politiker, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt, derzeit ist das Jahr 2030 gemeint, also in acht Jahren, kein Benzin- oder Dieselauto mehr verkauft werden darf. Nachdem man die Mobilität nicht beseitigen kann, werden wohl nur Elektro-Autos zugelassen sein.

Lesen Sie dazu: Willkommen in der Planwirtschaft: EU verordnet Verbot von Verbrennungsmotoren

Womit sich, ganz un-ideologisch, die bange Frage stellt, woher denn der Strom kommen soll, wenn schon die aktuelle und durch die Digitalisierung und die Klimageräte verstärkte Zunahme des Stromverbrauchs den Blackout zur Dauergefahr macht. Sollte der Termin 2030 halten, kann sich die Autoindustrie freuen, 2018 und 2029 werden so viele Benzinautos gekauft werden wie noch nie.

Gegenkonzept, banal und fern von einer großen, grünen Philosophie: Warum verbietet man nicht sofort und nicht erst am Sankt-Nimmerleinstag die Benützung von Fahrzeugen, die die Umwelt mehr belasten als technisch notwendig ist. Damit würde man den vielfältigen KFZ-Markt und die Mobilität nicht lähmen, aber die Umwelt entlasten. Eine derart praktische Vorgangsweise ist den Grünpolitikern zu banal, sie wollen eine umfassende Änderung, einen Great Reset, der die Menschen, die Wirtschaft und die Umwelt korrigiert. Und wegen dieser Begeisterung für eine Ideologie wird die Belastung durch den Straßenverkehr jetzt nicht reduziert. Man wartet auf das Jenseits, das 2030 nicht kommen wird.

Der Straßenverkehr ist nur ein Beispiel unter vielen. An den Pranger gestellt werden die nicht-natürlichen Materialien wie Plastik und Beton. Holz erlebt eine einmalige Hochkonjunktur, Holz für den Bau, Holz für die Einrichtung der Wohnungen und Büros, Holz zum Heizen. Die Holzpreise haben folglich historische Höchstwerte erreicht. Der Effekt: Die Forstwirtschaft fällt jeden Baum, der nicht wegen eines Forstgesetzes oder anderer Vorgaben geschont werden muss. Das passiert aktuell in allen Wäldern, nicht nur im viel zitierten brasilianischen Regenwald, und dezimiert den Baumbestand auch in Europa, zusätzlich zu den Schäden im Gefolge der Trockenheit im Sommer und zusätzlich zu den Verlusten durch den Borkenkäfer. Die Verteufelung von Materialien aus ökologischen Gründen schadet dem Baum, dem wichtigsten Faktor bei der Bindung des CO2.

Bei der Bekämpfung der Energieträger Kohle, Öl und Atom wurde das Gas geschont und als noch relativ umweltfreundlich bezeichnet. Die Folge ist die Abhängigkeit von den russischen Lieferungen, die ständig die Versorgung gefährdet. Damit nicht genug, beim Einsatz von Erdgas wird Methan frei, das die Umwelt noch stärker schädigt als CO2. Jetzt nach Jahren des Gas-Booms wird überlegt, wie man das Abfackeln von Gas durch die Kraftwerke unterbinden könnte, wie die Förderung und der Transport über Leitungen besser abzuschirmen wären. Die ideologische Bekämpfung der anderen Energieträger schadet der Ökologie.

CO2 könnte man binden und in nicht mehr genützten Öl- und Gasfeldern unterirdisch bunkern. Eine praktische Lösung, die nicht eingesetzt wird, weil der Mensch seinen Energiekonsum so ändern soll, dass kein CO2 mehr in die Atmosphäre entweicht.

Wann werden endlich Ideologen, Theologen, Philosophen und Politiker aufhören, Weltsysteme zu konzipieren, die den Menschen in ein Korsett pressen sollen. Das Universum in seiner unendlichen Vielfalt, die auch den Erfindergeist der Menschen umfasst, bietet einen unerschöpflichen Reichtum an Möglichkeiten. Diese gilt es zu erfassen, zu erproben, zu nützen und nicht im Namen eines Plans zu ersticken.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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