Politik

Sorge vor französischen Verhältnissen: Wie steht es um die Integration in Deutschland?

Über die Probleme in den französischen Brennpunkt-Vierteln wird seit mehr als 30 Jahren diskutiert. Deutsche Migrationsforscher sagen manchmal, man müsse „französische Verhältnisse“ hierzulande unbedingt vermeiden. Wie groß ist diese Gefahr?
04.07.2023 12:15
Aktualisiert: 04.07.2023 12:15
Lesezeit: 3 min
Sorge vor französischen Verhältnissen: Wie steht es um die Integration in Deutschland?
Beamte der französischen Bereitschaftspolizei patrouillieren gehen bei Unruhen auf einer Straße, während Feuerwerkskörper explodieren. (Foto: dpa) Foto: Aurelien Morissard

Die seit Jahrzehnten in Frankreichs Vorstädten aufflammenden Unruhen zeugen von einer Geschichte der gescheiterten Integration. So auch jetzt nach dem Tod eines Jugendlichen durch einen Polizeischuss.

Auch wenn eine jüngst vorgelegte Migrationsstudie in Frankreich zeigt, dass sich für Zuwanderer der zweiten Generation die Lebensbedingungen bessern, fühlen sich viele diskriminiert – auch solche mit französischem Pass. Forscher sind sich einig: An der sozialen Isolation und Benachteiligung in den Banlieues hat sich trotz vieler Bemühungen wenig geändert.

Hausgemachte Probleme in Frankreich

In den Nachkriegsjahrzehnten wurden sie zur Schaffung preiswerten Wohnraums in den Ballungsräumen aus dem Boden gestampft. Doch längst haben sich die Hochhaussiedlungen in soziale Brennpunkte verwandelt.

Wer eine Stufe auf der sozialen Leiter aufstieg, zog weg, während in den Wohnblocks ein eigener Mikrokosmos mit Kriminalität und einem hohem Ausländeranteil entstand. Geprägt sind die Siedlungen durch die Zuwanderung aus ehemals von Frankreich kolonisierten Ländern. Laut der Migrationsstudie des Instituts Insee wohnen über 30 Prozent der Migranten aus Afrika in solchen oft überfüllten Quartieren.

In Frankreich lebten 2021 rund 7 Millionen Migranten, was einem Anteil von 10,3 Prozent der Bevölkerung entspricht, dazu kommt ein noch etwas größerer Anteil von Migranten in zweiter Generation. Dabei zählt Frankreich nach der Insee-Studie zu den europäischen Ländern mit dem größten Anteil von Menschen, die mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil haben. Die Migranten leben dabei verstärkt in den Ballungsräumen, vor allem dem Großraum Paris.

Die Konflikte zwischen den Vorstadt-Jugendlichen und Frankreichs Polizei sind mit dem Entstehen der Brennpunkte eng verwoben. Je mehr dort eine abgesonderte Subkultur entstand, wurden die Wohnblöcke zu No-Go-Areas. Dennoch zeigen die Beamten dort mit massiven Auftritten Präsenz. Das Drama wechselseitiger Gewalt brachte schon 1995 der preisgekrönte Film „La Haine“ (Hass) auf die Kinoleinwand: In der Schlussszene richten ein Polizist und ein Vorstadt-Jugendlicher beide dem anderen eine Pistole auf die Stirn – dann fällt ein Schuss.

Migranten der ersten Generation sind in Frankreich nach der Insee-Studie auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt benachteiligt, sie haben häufiger Gesundheitsprobleme und sind doppelt so häufig von Armut betroffen, wie die Durchschnittsbevölkerung.

Besser sieht es für die zweite Generation aus. Sie schließt bei der Schulausbildung inzwischen mit den jungen Menschen ohne Migrationshintergrund auf und fasst auch auf dem Arbeitsmarkt ähnlich gut Fuß. Allerdings gibt es weiterhin Benachteiligungen bei der Suche nach einer Wohnung und einer Arbeit. Abzulesen ist dies auch am weiterhin großen Anteil von Migranten der zweiten Generation, der sich diskriminiert fühlt.

Soziale Brennpunkte auch in Deutschland

Soziale Brennpunkte gibt es auch in Deutschland. Die stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Birgit Leyendecker, sieht dennoch erhebliche Unterschiede. Sie sagt: „Die sogenannten Banlieues wurden damals als Arbeiterquartiere quasi aus dem Boden gestampft. Dort fehlte es an Infrastruktur, Kinderärzten, Sportplätzen, Jugendtreffs.“

In Deutschland seien nach der Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter dagegen keine großen Wohnviertel für ausländische Arbeitskräfte errichtet worden. Aber auch hier gebe es einzelne Orte, wo die Wohnverhältnisse schlecht seien und der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte hoch.

Ein Beispiel dafür sei die Dortmunder Nordstadt. Untersuchungen zeigten, dass die dortigen Viertel wegen der günstigen Mieten vor allem „Wohnviertel des Ankommens“ seien. „Etwa die Hälfte der Menschen, die dort lebt, zieht innerhalb von 15 Jahren wieder weg“, weiß Leyendecker, die an der Ruhr-Universität Bochum lehrt.

Im Jahr 2022 lag der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bei 28,7 Prozent. Von den 23,8 Millionen Personen mit Migrationshintergrund waren 12,2 Millionen deutsche Staatsbürger und 11,6 Millionen Ausländer.

Im Westen der Republik ist der Anteil von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte deutlich höher als auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Im Sinne der Bevölkerungsstatistik hat ein Mensch einen Migrationshintergrund, wenn entweder er selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist.

Das Verhältnis zwischen Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten und der Polizei ist auch in Deutschland teilweise problembehaftet. Allerdings sind Fälle von massiver Gewalt und Sachbeschädigung seltener als in Frankreich und von deutlich geringerem Umfang.

Schlechte Aufstiegschancen für Migranten

Studien zeigen, dass es um die Aufstiegschancen von Menschen aus ärmeren Familien in Deutschland nicht gut bestellt ist. Das betrifft nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. „Es ist sehr wichtig, dass genug investiert wird in gute Schulen und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche aus Brennpunkt-Vierteln“, mahnt Integrationsforscherin Leyendecker.

Auch damit die jungen Menschen aus ihren Vierteln herauskämen und andere Erfahrungen machen könnten. „Auch bei den Kitas müssen wir ansetzen“, fordert die Forscherin. „Denn wir wissen, dass es für Familien mit Zuwanderungsgeschichte schwierig ist, einen der wenigen Plätze für Kinder unter drei Jahren zu erhalten.“

„Verhältnisse wie in Frankreich haben wir glücklicherweise nicht“, bilanziert Leyendecker. Und warnt zugleich: „Wenn wir bei Problemvierteln aber nicht für eine gute Infrastruktur sorgen, könnte es eines Tages auch hier so weit kommen.“

Immerhin gebe es in Deutschland inzwischen ein Bewusstsein dafür, dass Rassismus ein Problem darstelle und auch einige Projekte und Programme, um gegenzusteuern. Dennoch brauche es mehr Antirassismus-Training – etwa in Schulen und auch bei der Polizei.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien erholen sich auf Allzeithochs nach positiven Iran-Äußerungen von Trump und Tech-Boom
01.06.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Wendungen in der globalen Diplomatie und neue Trends in der Technologiebranche die Anleger derzeit in...

DWN
Politik
Politik Statistisches Bundesamt: Auswanderung von Deutschen auf Allzeithoch
01.06.2026

Deutschlands Nettozuwanderung ist 2025 stark gesunken: Statt 430.000 kamen noch 235.000 Menschen hinzu. Es gibt eine rückläufige...

DWN
Politik
Politik Ausreisegenehmigungen für wehrfähige Männer rechtswidrig? Verteidigungsministerium räumt Fehler ein
01.06.2026

Erst wird sie übersehen, dann eilig wieder ausgesetzt: Eine Regel zu Ausreisegenehmigungen für Männer im wehrfähigen Alter. Minister...

DWN
Politik
Politik EU-Schulden werden zur Kostenfalle für Deutschland
01.06.2026

Europa will mehr Rüstung, sichere Energie, starke Industrie und stabile Renten. Doch der IWF warnt, dass diese Rechnung kaum aufgeht,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Automobilchef: Mehrere europäische Automarken werden aussterben
01.06.2026

Jahrzehntelang lernten chinesische Hersteller von deutschen Autobauern. Nun reisen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW nach China, um...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
01.06.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...