Politik

Neues aus Backnang: Ricarda Lang sorgt für Verwirrung

Ausgerechnet im Wahlkreis der Obergrünen Ricarda Lang, im schwäbischen Backnang, hatte sich Ungeheuerliches getan. Im Gemeinderat hatten die Grünen einem Antrag der AfD zugestimmt. Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, griff die Parteivorsitzende zu Hause durch und verkündete hernach, dass sich das nicht wiederholen werde. Doch das, was Lang als neuen Umgang mit der AfD verkündete, sorgt in Backnang eher für Kopfschütteln.
Autor
02.08.2023 18:05
Aktualisiert: 02.08.2023 18:05
Lesezeit: 3 min

Eigentlich ging es nur um ein Theater in Backnang – um das Bandhaus Theater, einem eher kleinen, privat betriebenen Schauspielhaus. Betrieben wird das Theater von zwei Damen, die nun die Stadtverwaltung um einen kleinen Zuschuss für den Betrieb ihres Hauses gebeten hatten. Die AfD, die im 26-köpfigen Gemeinderat von Backnang mit zwei Abgeordneten vertreten ist, nahm die Bitte auf und stellte den Antrag, der Bitte der Betreiberinnen zu entsprechen und das Bandhaus-Theater mit einer Summe von 110.000 Euro im Jahr zu unterstützen.

Der Antrag fand im Gemeinderat zu Backnang große Zustimmung – alle Mitglieder bis eines der CDU stimmten für den Antrag. Die künstlerische Arbeit des städtischen Bandhaus-Theaters war damit für ein weiteres Jahr gesichert. Alle waren zufrieden – nur eben nicht Ricarda Lang.

Kaum hatte die Bundesvorsitzende von der Freveltat ihrer Parteifreunde in der schwäbischen Provinz erfahren, schaltete sie sich ein und stellte klar, dass – heimisches Theater hin oder lokale Kunst her – so etwas nicht noch einmal vorkomme. Mit markiger Stimme und bannendem Blick in die Fernsehkameras verkündete Lang, nachdem sie zu Hause durchgegriffen hatte, dass künftig die Grünen im Gemeinderat zu Backnang nicht mehr einem Antrag der AfD zustimmen und stattdessen eigene Anträge stellen werden.

Per Du im Gemeinderat

Was auf den ersten Blick einleuchtend erscheint, wirft indes nur noch mehr Fragen auf, wie kommunale Arbeit eigentlich fortan gestaltet werden soll. Tatsächlich geht es im Rat der schwäbischen Gemeinde sehr viel gemütlicher zu, als man sich das im fernen und chronisch aufgeregten Berlin vorstellen mag. Gegenüber der Backnanger Kreiszeitung hatte der Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, Willy Härtner, zu Protokoll gegeben, dass er die ganze Aufregung so gar nicht verstehen könne: Im Gemeinderat seien alle per Du und „nach der Sitzung gehen wir auch zusammen ein Bier trinken“.

Das sieht im Übrigen die AfD in Backnang ganz genauso. Ihr Fraktionsvorsitzender Steffen Degler erklärte gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN), dass die Zusammenarbeit mit den anderen Fraktionen und auch mit den Grünen problemlos sei. Die Vertreter der Grünen in Backnang, so Degler, „sind alle pragmatisch denkende Menschen, mit denen man Sachprobleme lösen kann“.

Kopfschütteln in Backnang

Ausgerechnet das, was Ricarda Lang jetzt als Lösung im Umgang mit der AfD verkündet, löst auch eher entgeistertes Kopfschütteln aus. Lang hatte ihren unbotmäßigen Parteifreunden auferlegt, sie dürften fortan Anträgen der AfD nicht zustimmen und sollten stattdessen eigene Anträge stellen. Dies aber könnte dann in der Praxis zur Folge haben, dass die Grünen einem Antrag der AfD, dem sie in der Sache eigentlich zustimmen, erst ablehnen müssen, um dann den gleichen Antrag selbst zu stellen. Wie das der Glaubwürdigkeit der Grünen oder der Politik insgesamt förderlich sein soll, wird wohl für lange Zeit das Geheimnis von Ricarda Lang bleiben.

Geradezu gönnerhaft äußert sich dazu der Backnanger AfD-Fraktionschef Degler: Ihm täten seine grünen Kollegen im Gemeinderat jetzt schon leid, sollten sie tatsächlich das umsetzen müssen, was ihre Vorsitzende fordert. Frau Lang verwechsele offenkundig eine Sitzung des Gemeinderates mit einer Kabarettaufführung. Die Menschen, so Degler, würden aber schnell merken, dass eine solche Politik der Verweigerung auf ihrem Rücken ausgetragen werde.

Tatsächlich laufen die Grünen Gefahr, sich in Backnang zu isolieren. Ihr Fraktionsvorsitzender Härtner hatte immer wieder betont, dass es in einem Gemeinderat nicht um ideologische Fragen gehe. So ein Gemeinderat, sei „wie ein Klassenzimmer: 26 Menschen säßen zusammen und da spreche man miteinander“.

Und ganz ähnlich sieht es auch Backnangs Bürgermeister Maximilian Friedrich von den Freien Wählern: „Bei uns geht es um Entscheidungen in der Sache.“ Wenn ein guter Vorschlag von der AfD komme, würde der natürlich angenommen. Es könne doch nicht sein, sagt der Bürgermeister fassungslos, dass wir beispielsweise einen Vorschlag ablehnen, das kaputte Feuerwehrauto durch ein neues zu ersetzen, nur weil dieser von der AfD komme.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Micron führt Chip-Rallye an, während Wall Street leicht zulegt
01.10.2026

Überraschende Impulse an der Wall Street – Erfahren Sie, welche Kräfte den Markt heute bewegten.

DWN
Politik
Politik Frankreichs Schüler rebellieren: Knapp 2.000 Festnahmen bei Schulprotesten in Frankreich
01.10.2026

Seit Tagen demonstrieren Schüler an Frankreichs Gymnasien gegen kaputte Gebäude, zu wenig Lehrer und angekündigte Sparmaßnahmen in der...

DWN
Politik
Politik Innenministerkonferenz ändert Regeln: Bundesländer wollen mit Mehrheit gegen AfD entscheiden
01.10.2026

Die Innenministerkonferenz (IMK) verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Aus Angst vor der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VW-Autozulieferer vorm Aus: Bohai-Automotive schließt Werk in Sachsen-Anhalt
01.10.2026

Erst nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kommt die offizielle Nachricht: Der ostdeutsche Autozulieferer Bohai-Automotive schließt sein...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutscher Tierhandelsriese Fressnapf legt Pläne offen: Schnelles Wachstum in Polen
01.10.2026

Polen gehört zu den wichtigsten Märkten der Fressnapf-Gruppe, dem europäischen Marktführer im Zoofachhandel. Die zum Konzern gehörende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Der schrumpfende Riese: Warum Deutschlands Arbeitsmarkt vor einer historischen Trendwende steht
01.10.2026

Der deutsche Arbeitsmarkt galt über Jahre hinweg als Fels in der Brandung. Trotz globaler Krisen, geopolitischer Verwerfungen und einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VW-Softwaretochter Cariad vor massivem Stellenabbau
01.10.2026

Volkswagen stellt seine Softwarestrategie weiter auf den Prüfstand. Bei Cariad droht ein neuer Stellenabbau, während Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota Corolla Cross im Test: Der Hybrid, der an einen Diesel erinnert
01.10.2026

Der Toyota Corolla Cross verbindet Hybridtechnik mit viel Komfort und erstaunlich niedrigem Verbrauch. In der getesteten GR-Sport-Version...