Unternehmen

Deutsche Wirtschaft im August auf rasanter Talfahrt

Der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Wirtschaft deutet im August auf eine rasante Talfahrt in Richtung Rezession. Die Hoffnung, dass die Dienstleister die deutsche Wirtschaft retten könnten, hat sich in Luft aufgelöst.
23.08.2023 09:59
Aktualisiert: 23.08.2023 09:59
Lesezeit: 3 min

Die deutsche Wirtschaft hat ihre Talfahrt im August beschleunigt und steuert offenbar auf eine Rezession zu. Der Einkaufsmanagerindex für die gesamte Privatwirtschaft - also Industrie und Dienstleister - sackte auf 44,7 Zähler von 48,5 Punkten im Juli ab, wie der Finanzdienstleister S&P Global am Mittwoch zu seiner monatlichen Umfrage unter etwa 800 Unternehmen mitteilte. Es war der vierte Rückgang in Folge. Zugleich wurde der niedrigste Wert seit Mai 2020 erreicht. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich einen Rückgang auf 48,3 Zähler erwartet. Mit dem starken Rückgang im August ist die Wachstumsschwelle von 50 Zählern nunmehr deutlich entfernt.

Ausschlaggebend für die rasante Talfahrt waren der beschleunigte Rückgang der Industrieproduktion und neue Geschäftseinbußen im Dienstleistungssektor. Das Barometer der Service-Branche sank unter die Wachstumsschwelle - und zwar auf 47,3 Zähler nach 52,3 Punkten im Juli.

"Die Hoffnung, dass die Dienstleister die deutsche Wirtschaft retten könnten, hat sich in Luft aufgelöst. Stattdessen ist der Servicesektor dabei, sich der Rezession im verarbeitenden Gewerbe anzuschließen, die im zweiten Quartal begonnen zu haben scheint", sagte Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank (HCOB), die die Umfrage sponsert.

Die deutsche Konjunktur tritt nach Einschätzung der Bundesbank allerdings im Sommer auf der Stelle. Ende 2022 und Anfang 2023 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) jeweils geschrumpft und hatte im Frühjahr nur stagniert. Wegen kräftiger Lohnsteigerungen bei zugleich rückläufigen Inflationsraten dürfte sich die Erholung des privaten Konsums aus Sicht der Bundesbank allerdings fortsetzen. Dies gebe auch den Dienstleistern einen Schub.

Ökonomen zum überraschend starken Rückgang der Einkaufsmanagerindizes

JÖRG KRÄMER, CHEFVOLKSWIRT COMMERZBANK:

"Der richtungsweisende Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe im Euroraum befindet sich nach dem heutigen Einbruch auf einem Niveau, bei dem es in der Vergangenheit in der Regel zu Rezessionen kam. Nachdem der Einkaufsmanagerindex für die Industrie ein solches Rezessionssignal bereits im Frühjahr gegeben hatte, deutet nun alles auf ein Schrumpfen der Euro-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte hin. Die EZB wird ihre optimistische Wachstumsprognose deutlich senken müssen. Das stärkt die Position der Tauben im EZB-Rat. Vermutlich wird die EZB ihre Leitzinsen im September nicht weiter anheben."

THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK:

"Klarer könnten die Rezessionssignale kaum sein. Um die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist es nicht gut bestellt. Bislang war der Dienstleistungssektor noch der Hoffnungsschimmer, doch jetzt scheint auch hier erst einmal die Luft raus zu sein. Beim Blick auf den Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe kommt einem mitten im Hochsommer weiterhin das Frösteln, auch wenn hierbei überraschend auf tiefem Niveau eine Verbesserung zu verbuchen ist. Der Ausblick für die Industriekonjunktur bleibt aber beängstigend schwach."

RALF UMLAUF, HELABA:

"Die konjunkturelle Dynamik bleibt verhalten. Zwar konnte sich der deutsche Einkaufsmanagerindex des Verarbeitenden Gewerbes im August leicht verbessern, er liegt aber noch immer auf einem sehr tiefen Niveau – klar im Schrumpfungsbereich. Derweil lässt die Stimmung im Dienstleistungsgewerbe nochmals und unerwartet kräftig nach und liegt nun unterhalb der Expansionsschwelle. Alles in allem bleiben die wirtschaftlichen Perspektiven damit getrübt und es ist wohl nicht zu erwarten, dass das kommende Ifo-Geschäftsklima Deutschland hier zu einer Neubewertung führt. Auch in Frankreich haben die Zahlen auf ein anhaltend schwieriges Umfeld hingewiesen. Die Europäische Zentralbank sollte im Hinblick darauf eher zu einer Pause im Zinserhöhungszyklus neigen, um die Wirkung der zeitverzögert einsetzenden Belastungen für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bewerten zu können."

ELMAR VÖLKER, LBBW:

"Die leichte Aufhellung der Stimmung in der Industrie ist allenfalls ein winziger Hoffnungsschimmer. Auf dem zuletzt erreichten Niveau konnte sie wohl auch nicht mehr allzu viel düsterer werden. Im Dienstleistungssektor ist der kurzzeitig aufgeblühte Frühjahrsoptimismus demgegenüber jetzt endgültig verblasst. Alles in allem unterstreichen die heute veröffentlichten Daten eindrucksvoll die Malaise der deutschen Wirtschaft. Im dritten Quartal stehen die Zeichen wohl bestenfalls weiter auf Stagnation – eher droht ein Rückfall in die Rezession." (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BASF China: Warum der Konzern alles auf China setzt
01.04.2026

BASF investiert Milliarden in China und macht den Standort zum Schlüssel seiner Zukunft. Während dort Gewinne entstehen sollen, kämpft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preissturz an Polens Tankstellen vor Ostern: Ansturm auf Tankstellen läuft bereits
31.03.2026

In Polen gelten wegen der gestiegenen Spritpreise ab sofort gedeckelte Preise für Benzin und Diesel. Während polnische Haushalte...

DWN
Politik
Politik Zukunft Deutschland: Jugendliche immer pessimistischer - Zuversicht sinkt drastisch
31.03.2026

Junge Menschen blicken zunehmend skeptisch auf ihre Heimat. Das zeigt eine aktuelle Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Barmer Krankenkasse....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg setzt Märkte unter Druck: Warum Ölpreise steigen und Aktien fallen
31.03.2026

Ein Monat nach Beginn des Iran-Kriegs geraten Finanzmärkte, Aktien und Energiepreise weltweit unter spürbaren Druck. Welche konkreten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volkswagen Rüstungsindustrie: Warum der Autobauer auf Waffen setzt
31.03.2026

Volkswagen steht vor einem historischen Kurswechsel und prüft den Einstieg in die Rüstungsproduktion. Was als Rettung für Arbeitsplätze...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Syrische Fachkräfte: Stütze für den deutschen Arbeitsmarkt
31.03.2026

Syrer sind für Deutschland zum unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. Laut Bundesagentur für Arbeit leisten bereits 320.000 syrische...

DWN
Panorama
Panorama Sparsames Osterfest: Fast jeder Zweite plant geringere Ausgaben
31.03.2026

Die Kauflaune der Deutschen erfährt zum Osterfest einen deutlichen Dämpfer. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage plant mit 40 Prozent ein...