Politik

Deutschland wurde im internationalen Spitzensport abgehängt

Das katastrophale WM-Abschneiden der deutschen Leichtathleten ist eine Warnung. Um die Trendwende zu schaffen, fordert der DOSB umfassende Veränderungen des ganzen Sportsystems. Es drängen sich Parallelen zum wirtschaftlichen Niedergang des Landes auf.
03.09.2023 10:28
Aktualisiert: 03.09.2023 10:28
Lesezeit: 2 min

Unabhängig vom historisch schlechten WM-Abschneiden der Leichtathleten ohne den Gewinn einer einzigen Medaille hält der Deutsche Olympische Sportbund umfassende Neuerungen im Sportsystem für unabdingbar. „Wir haben bereits im vergangenen Jahr festgestellt, dass es tiefgreifender Veränderungen bedarf, um perspektivisch eine Trendwende im Leistungssport herbeizuführen“, teilte der DOSB am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Zudem müsse das Leistungssportsystem selbst Innovation ermöglichen. „Das heißt, die Leistungssportförderung muss flexibler, digitaler und weniger bürokratisch werden“, hieß es weiter.

Die Leistungssportagentur, ein zentraler Baustein der Reform, die derzeit zwischen Bund, Ländern und DOSB entwickelt werde, solle genau das leisten. „Die unabhängige Agentur soll schneller, zielgerichteter und flexibler auf Entwicklungen im Weltsport reagieren und entsprechende Anpassungen vornehmen können“, erklärte der DOSB. Nur so könne der deutsche Leistungssport „den Anschluss an die Weltspitze wiederherstellen. Klar ist, dass es dafür Investitionen und finanzielle Mittel bedarf“.

Der Dachverband sieht deshalb die geplante Kürzung der Fördermittel für den Spitzensport für das Olympia-Jahr 2024 um zehn Prozent mit Sorge. „Die Mittelkürzungen, die bisher im Entwurf des Bundeshaushalts vorgesehen sind, werden kurz-, mittel- und langfristige Folgen haben“, so der DOSB. „Man kann keine Reform im Leistungssport umsetzen, ohne finanzielle Ressourcen dafür vorzusehen.“

Die angeschobene Reform des Leistungssports werde mit Blick auf die Olympischen Spiele vom 26. Juli bis 11. August noch keinen Effekt haben. „Solch tiefgreifende Veränderungen, wie sie die Reform vorsieht, entfalten ihre Wirkung nicht über Nacht“, betonte der DOSB.

Zehnkämpfer Hingsen: „Alle haben sich lieb“

Mit Blick auf die WM-Pleite der deutschen Leichtathleten hat der frühere Weltklasse-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen kein Verständnis für die Abschaffung des Wettkampfcharakters bei den Bundesjugendspielen. „Ja, getreu dem Motto: Alle haben sich lieb und umarmen sich. Dabei ist doch gerade der sportliche Wettkampf, den man braucht, um im Leben später zu bestehen, in diesem Alter wesentlich. Die Motivation, Leistung zu erbringen, wird durch solche Maßnahmen zunehmend infrage gestellt. Die Gründe dafür kann ich nicht ansatzweise nachvollziehen“, sagte der 65-Jährige der Tageszeitung Die Welt.

Ab diesem Schuljahr werden die jährlich stattfindenden Spiele in der Sportart Leichtathletik für alle Grundschulkinder bis zur vierten Klasse nur noch als Wettbewerb und nicht mehr als Wettkampf organisiert. Bislang war das nur in den ersten beiden Klassen der Fall.

Der Leistungscharakter der Bundesjugendspiele tritt so in den Hintergrund. „Es ist doch überhaupt nicht so, dass sich die Kinder extremem Leistungsdruck ausgesetzt fühlen und darunter leiden. Das Lernen von Gewinnen und Verlieren halte ich für außerordentlich wichtig für die Heranwachsenden“, betonte Hingsen, der 1984 Silber bei den Olympischen Spielen gewann.

Bei der aktuellen Krise sieht Hingsen ein großes Problem in dem Fördersystem in Deutschland. „Für den gesamten Spitzensport in Deutschland werden 250 Millionen Euro bereitgestellt. Das klingt erst mal viel. Aber wenn man überlegt, dass Texas den gleichen Betrag nur für Collegemannschaften ausgibt, kann man abschätzen, warum wir nur noch im zweiten Glied stehen“, sagte Hingsen. So sei eine Förderung der Talente schwierig.

Für die Olympischen Spiele in Paris sei ein „ähnliches Desaster“ wie in Budapest zu befürchten.

Hingsen wünscht sich aber auch mehr Unterstützung aus der Politik. „Wir haben nur noch eine Streit- und keine Motivationskultur. Spitzensport in Deutschland hat keine Lobby mehr. Zu meiner Zeit etwa kam der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble noch zu Wettkämpfen und hat sich mit mir getroffen, um zu hören, wie es mir geht und wie es um das Duell mit Daley Thompson steht“, so der frühere Leichtathlet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gibt nach, während die Anleiherenditen sinkentitle
29.09.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Impulse die US-Märkte im späten Handel bewegten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...