Finanzen

Creditreform: Insolvenzen steigen 2023 kräftig an

Nach Angaben von Creditreform steigen die Firmen-Insolvenzen 2023 in Deutschland um 23,5 Prozent. Dafür nennt die Wirtschaftsauskunftei vor allem zwei Gründe.
04.12.2023 11:58
Aktualisiert: 04.12.2023 11:58
Lesezeit: 3 min
Creditreform: Insolvenzen steigen 2023 kräftig an
Creditreform zufolge steigen die Insolvenzen 2023 deutlich an. (Foto: dpa) Foto: Hannes P Albert

Geschwächt von den Corona-Jahren, hohen Energiepreisen und gestiegenen Zinsen geraten immer mehr Firmen in Deutschland in Schieflage. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet mit deutlich mehr Firmenpleiten im laufenden Jahr und einem weiteren Anstieg 2024. «Müssen wir jetzt eine Insolvenzwelle erwarten oder gar einen Insolvenztsunami? Da sagen wir ganz klar: Nein, das müssen wir nicht erwarten», sagte Creditreform-Hauptgeschäftsführer Bernd Bütow am Montag in Frankfurt. «Insgesamt gehen wir davon aus, dass sich die Insolvenzen auch im nächsten Jahr erhöhen werden, aber gesamtwirtschaftlich nicht auf ein bedenkliches Niveau.»

Bis zum Ende des laufenden Jahres werden Schätzungen von Creditreform auf Basis von Daten bis einschließlich November 18 100 Unternehmen hierzulande den Gang zum Insolvenzgericht angetreten haben und damit etwa ein Viertel (23,5 Prozent) mehr als ein Jahr zuvor. Mit Blick auf 2024 sagte der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch: «Um die 20 000 ist nach jetzigem Kenntnisstand durchaus realistisch.» Hantzsch erläuterte: «Immer mehr Firmen brechen unter den Dauerbelastungen der hohen Energiepreise und der Zinswende zusammen.» Schätzungsweise 205 000 Arbeitsplätze seien im laufenden Jahr durch Firmeninsolvenzen bedroht oder weggefallen.

Baubranche besonders stark betroffen

Besonders hart trifft es den Handel sowie die Immobilien- und Baubranche. Prominentestes Beispiel ist der Zusammenbruch der Signa Holding des österreichischen Immobilien- und Handelsinvestors René Benko, zu der in Deutschland zahlreiche Gewerbeimmobilien sowie der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof gehören. Auch andere bekannte Unternehmen gerieten 2023 in Turbulenzen wie der Modehändler Peek & Cloppenburg KG Düsseldorf (P&C), dessen Sanierung im Oktober abgeschlossen wurde, oder die SB-Warenhauskette Mein Real.

Der Insolvenzantrag der Signa Real Estate Germany und der Signa Holding zeigt Creditreform zufolge, wie schwierig die Lage für Projektentwickler und Bauträger geworden ist. Der Bau- und Immobiliensektor hat seit Beginn des Ukraine-Krieges mit gestiegenen Kosten sowie höheren Zinsen zu schaffen. Mit 81 Pleiten je 10 000 Unternehmen hat die Baubranche derzeit die höchste Insolvenzquote in Deutschland.

Gerade kleinen Firmen geht das Geld aus

Über alle Branchen hinweg sind unter den Pleitefirmen den Zahlen von Creditreform zufolge mehr als 80 Prozent kleine Firmen mit höchstens zehn Mitarbeitern. Einer Analyse der Beratungsgesellschaft Falkensteg zufolge geben aber deutlich häufiger als vor Jahresfrist auch größere Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz ihr Geschäft auf. In dieser Kategorie könnte die Zahl der Insolvenzen von 190 in den ersten drei Quartalen noch auf 260 im Gesamtjahr steigen, wie Falkensteg schätzt. In den vergangenen sieben Jahren gab es demnach nur im Jahr 2020 mit 292 Großinsolvenzen mehr Fälle.

Zu beobachten sei eine Art «Corona-Bumerang», sagte Hantzsch: Dank staatlicher Hilfen aufrechterhaltene Geschäftsmodelle träfen nun auf harten Wettbewerb, verschleppte Strukturreformen belasteten angesichts der neuen Herausforderungen besonders. Um eine Pleitewelle infolge der Pandemie abzuwenden, hatte der Staat zeitweise Ausnahmeregelungen ermöglicht. Bereits 2022 waren die Insolvenzzahlen erstmals seit der Wirtschaftskrise 2009 wieder gestiegen.

Normalisierung statt Pleitewelle

Der momentane Anstieg sei vor allem eine Normalisierung des Insolvenzgeschehens nach dem Auslaufen der staatlichen Hilfen, sagte unlängst Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID): «Einen Anstieg, wie wir ihn Mitte der Nullerjahre gesehen haben, mit über 30 000 Insolvenzen pro Jahr, werden wir zukünftig nicht mehr sehen.»

Ähnlich sieht das der Informationsdienstleister Crif, der im laufenden Jahr mit einem Anstieg um 22,8 Prozent auf 17 900 Firmeninsolvenzen rechnet. Im kommenden Jahr könnte die Zahl demnach auf bis zu 20 000 Fälle klettern. Das wären immer noch weniger als der Durchschnitt von knapp 26 200 Insolvenzen jährlich seit 1999. Den Höchststand gab es 2003 mit 39 320 Fällen.

Nach Einschätzung von Crif-Deutschland-Geschäftsführer Frank Schlein ist der Großteil der Unternehmen finanziell weiter gut aufgestellt. Allerdings könne die steigende Zahl von Großinsolvenzen zu weiteren Pleiten führen. «In einigen Fällen werden Dominoeffekte dafür sorgen, dass zahlungsunfähige Firmen zeitversetzt weitere Unternehmen mit in die Insolvenz ziehen», erläuterte Schlein.

Bei den Verbraucherpleiten verhindert bislang die robuste Lage auf dem Arbeitsmarkt eine Zunahme der Zahlen. Zwar setzte sich der rückläufige Trend des Vorjahres nicht fort, die Zahl der Verbraucherinsolvenzen wird Creditreform zufolge mit geschätzt 66 200 Fällen im laufenden Jahr aber nahezu unverändert bleiben (2022: 65 930). Allerdings erwartet die Auskunftei erwartet wegen schwacher Konjunkturaussichten auch hier steigende Zahlen, zumal sich die Überschuldungssituation vieler Menschen deutlich verschlechtert habe. (dpa)

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