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Dotcom 2.0? Zehn Thesen zum verrückten Aktienboom der letzten Wochen

Lesezeit: 11 min
23.12.2023 08:57  Aktualisiert: 23.12.2023 08:57
Ein paar taubenhafte Worte von Fed-Chef Powell reichten aus, um die Märkte in Ekstase zu versetzen und neue Allzeithochs zu erreichen. Die Parallelen des aktuellen Marktumfelds zum Dotcom-Crash sind frappierend. Wir analysieren die verrückte Jahresendrally und kommen dabei zu interessanten Ergebnissen.
Dotcom 2.0? Zehn Thesen zum verrückten Aktienboom der letzten Wochen
Der neue Bullenmarkt scheint unaufhaltsam zu sein. (Foto: dpa)
Foto: Kay Nietfeld

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Der Aktienboom der letzten Wochen hatte etwas Verrücktes an. Jahresendrallys sind nichts neues, den „Vorweihnachtsbonus“ gibt es im Durchschnitt wirklich. Aber so heftig fallen diese Dezember-Kurssprünge normalerweise nicht aus.

Geradezu übereuphorisch war die Reaktion auf den jüngsten Zins-Entscheid der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed). Deren Chef Jerome Powell änderte seine Verbalakrobatik von Inflationsbekämpfung in Richtung Lockerung der restriktiven Geldpolitik. Die Fed müsse mit Zinssenkungen beginnen, „lange bevor“ die Inflation den Zielwert von 2 Prozent erreiche. Zudem räumte Powell ein, im Ausschuss bereits darüber diskutiert zu haben, wann mit Zinssenkungen begonnen werden könnte. Die Worte verfehlte ihre Wirkung nicht und die Märkte drehten geradezu durch.

Was die meisten Marktteilnehmer nun erwarten, ist offensichtlich: Zinssenkungen und das nicht zu knapp. Das lang ersehnte Ende der restriktiven Geldpolitik nach dem schnellsten Zinserhöhungszyklus aller Zeiten. Das sollte den Märkten einen ordentlichen Schub nach oben verleihen, wobei eben jener zu erwartende Schub nun eigentlich schon vorweggenommen wurde.

Das Endergebnis der großen Rally war, dass der Technologieindex „NASDAQ 100“ ein neues Allzeithoch erklomm und der breitgefasste Index „S&P 500“ kurz davor steht.

In charttechnischer Sprache: Der Nasdaq und analog der SP500 haben ein „Double Top“ gebildet. Jetzt ist die große Frage, ob dieser Hochpunkt dauerhaft nach oben durchbrochen wird oder nicht. Zur Erinnerung: Der letzte Bullenmarkt endete vor fast exakt zwei Jahren zum Jahreswechsel 2021/2022, als die Kurse im Verlauf der folgenden Monate mit einigen Gegenbewegungen nach unten stürzten.

Solide Unternehmens-Zahlen und eine robuste Verbrauchernachfrage tragen zur positiven Marktstimmung bei. Unterstützung für Aktien kam vom Anleihemarkt, wo die Rendite zehnjähriger US-Staatspapiere weiter unter der viel beachteten Marke von vier Prozent bleibt. Entscheidend ist, dass es der Fed bisher gelungen ist, das Preiswachstum zu bremsen, ohne einen für die Aktienmärkte schmerzhaften Wirtschaftsabschwung auszulösen. Die Inflationsrate ist zuletzt auf 3,1 Prozent gesunken, der Zielwert von 2,0 Prozent ist in Reichweite. Anleger setzen darauf, dass die Zinsen 2024 deutlich sinken werden. Derzeit werden am Terminmarkt fünf Zinsschritte eingepreist, obwohl der Fed-Vorstand eigentlich nur drei Schritte andeutete.

Wie üblich haben die Analysten ihre Prognosen im Einklang mit dem Kursfeuerwerk nach oben katapultiert. So rechnet etwa Goldman Sachs im kommenden Jahr für den SP500 mit einem Anstieg von 4700 auf 5100 Punkte. Das wäre ein Kurspotential von 8 Prozent. Aber wie groß ist das Risiko nach unten? Eine von vielen interessanten Aspekten des gegenwärtigen Marktumfelds. Die DWN analysieren 10 Beobachtungen und Fragestellungen zum vorweihnachtlichen Aktienboom.

1. Der Bärenmarkt ist längst vorbei

In den letzten grob zwei Jahren wurde die ein oder andere Kurserholung schnell als Bärenmarkt-Rally abgetan. Inzwischen muss man feststellen: Mit dem Tangieren der großen Indizes an den alten Allzeithochs ist der Bärenmarkt spätestens jetzt endgültig vorbei. Ein neuer Bullenmarkt hat begonnen – nach der gängigen Definition ist das bei einem Anstieg des breiten Aktienmarkts von 20 Prozent oder mehr der Fall.

Die Frage ist jetzt, wie lange dieser neue Bullenmarkt andauern wird. Der kürzeste Bullenmarkt der Geschichte (1. Juni 1932 bis zum 7. September 1932) dauerte 98 Tage. Rein historisch betrachtet müsste man sich also zumindest im ersten Quartal 2024 keine Sorgen machen. Auch für das Gesamtjahr lässt dieser Blickwinkel Positives erahnen. Nach einem Kursanstieg von mindestens 20 Prozent im Kalenderjahr erzielte der S&P im Folgejahr eine durchschnittliche Rendite von knapp 9 Prozent.

2. Ist das Dotcom 2.0?

Der längste Bullenmarkt dauerte übrigens 4.494 Tage, begann Ende 1987 und endete erst im Frühjahr 2000 mit der ersten Welle des Dotcom-Einbruchs. Die Dotcom-Blase platzte aber nicht über Nacht. Bevor der kolossale Einbruch kam, gab es eine große Gegenbewegung, die zwar in einem kürzeren Zeitfenster passierte und nicht ganz das alte Top erreichte, aber dem aktuellen Nasdaq-Chart doch verdächtig ähnlich sieht.

Man kann die schnelllebigeren und von Algorithmen dominierten Märkte von heute nur bedingt mit denen von damals vergleichen. Aber einige Dinge, wie zum Beispiel der gigantische Hype um KI- und Technologie-Aktien, ist nicht so viel anders wie damals, als es um Internetfirmen ging. Dazu passt auch die erneute Kursexplosion der Kryptowährungen, allen voran Bitcoin mit plus 162 Prozent in den letzten 12 Monaten.

Der amerikanische Buchautor Mark Twain sagte einst: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“. Hedgefonds-Legende „Mr. Big Short“ Michael Burry wies schon 2022 auf die Ähnlichkeiten zum Dotcom-Crash hin und schrieb dazu auf Twitter durchaus im Sinne von Twain: „Man muss die Natur des Menschen einfach lieben. Nichtmal im entferntesten Sinne inkonsistent“.

Sollte auf das Top nun doch ein großer Crash folgen, ist zu hoffen, dass dieser milder ausfällt als 2000-2002. Damals verlor der Nasdaq mehr als 80 Prozent seines Wertes und brauchte knapp 15 Jahre, um wieder die alten Höchststände zu knacken.

3. Der Aktienmarkt ist massiv überkauft

Der breite Markt ist überverkauft, wie der RSI-Indikator („Relative Strength Index“) anzeigt. Ab Werten über 70 gilt der Markt als überverkauft und per 21. Dezember liegt der RSI des SP500-Index bei 70,43 (Nasdaq: 69,93). Ein paar Tage zuvor betrug der Wert sogar mehr als 80 (respektive über 78 beim Nasdaq).

Der Markt steigt und steigt. Selbst die am meisten leerverkauften Aktien („Goldman Sachs Most Shorted Stocks Basket“), die im Sommer und Herbst mitunter ziemlich litten, konnten letzte Woche um 11,3 Prozent zulegen und haben damit bei Shortsellern ein kleines Blutbad angerichtet.

Investoren strömen so schnell wie seit zwei Jahren nicht mehr in den Aktienmarkt. Indexfonds auf den SP500 verzeichnen derzeit Rekord-Zuflüsse. An einem einzigen Tag flossen 20 Milliarden Dollar, innerhalb einer Woche rund 40 Milliarden Dollar in den großen SPY-ETF. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich größtenteils um Privatanleger handelt, die etwas verspätet noch auf der Gewinnwelle mitreiten wollen.

4. Sind Anleger zu sorglos?

Der Volatilitäts-Index des US-Aktienmarktes („VIX“) notierte zuletzt mit einem Wert von 12,5 Punkten so tief wie zuletzt vor vier Jahren. Werte unter 12 kommen extrem selten vor. Zuletzt stieg der VIX wieder etwas in Richtung 14 Punkte, aber auch das ist immer noch sehr niedrig.

Der VIX misst die von den Marktteilnehmern erwartete Volatilität monatlich anhand der Preise von 30-Tages-Optionen. Der Index reflektiert damit auch, welche Optionsprämien Anleger zu zahlen bereit sind, um ihr Portfolio nach unten abzusichern. Aktuell ist die Absicherung ziemlich billig. Das zeigt, wie optimistisch die meisten Anleger für die Zukunft gestimmt sind.

Bedeutende Stimmungs-Indikatoren sprechen eine ähnliche Sprache. Bei der neuesten AAII-Umfrage waren 53 Prozent der Investoren positiv, 26 Prozent neutral und 21 Prozent negativ gestimmt. Einen so hohen Anteil positiver Einschätzungen gab es zuletzt im April 2021. Der „CNN Greed and Fear Index“ liegt derweil bei 74 von 100 Punkten und deutet auf sehr optimistische Anleger hin. Über 75 wird als extreme Gier definiert.

Es ist denkbar, dass Anleger sorglos geworden sind und zu stark darauf vertrauen, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) schon in der ersten Jahreshälfte 2024 mit Zinssenkungen beginnen wird. Auch europäische Anleger wetten auf baldige Zinssenkungen, obwohl die EZB davor gewarnt hat.

Das wirtschaftliche und auch das geopolitische Umfeld ist nicht gerade rosig. Die Leading Economic Indicators“ (LEI) in den USA liefern allesamt negative Signale – mit Ausnahme des Aktienmarkts. Analysten warnen davor, dass scheinbar ruhige, stetig steigende Märkte Instabilitäten erzeugen, wenn Anleger ihre Aktienpositionen erhöhen und mehr mit Kredithebel operieren. Ist es die berüchtigte und gefährliche „Fear of Missing Out“, die Anleger umtreibt?

5. Die Kern-Korrelation ist wichtig, aber man muss aufpassen

Setzt man geldpolitische Indikatoren (zum Beispiel Bilanzsummen der Zentralbanken Fed, EZB und Bank of Japan als Schätzwert für die Entwicklung der Geldmenge in den Industrieländern) ins Verhältnis zum Aktienmarkt (SP500-Index oder MSCI World Index), so ergibt sich eine Langzeit-Korrelation von circa 0,9 – ein perfekter linearer Zusammenhang wäre bei einem Wert von 1 gegeben. Es gibt heutzutage keinen Faktor, der einen größeren Einfluss auf die Aktienkurse hat, als das Verhalten der Notenbanken.

Der Bullenmarkt vom Jahresauftakt 2023, aber in gewisser Hinsicht auch die jüngste Rally widersprechen dieser wichtigen Korrelation komplett. Denn zurzeit ist das Zinsumfeld ja noch sehr restriktiv und die Geldmengen schrumpfen. Es handelt sich eben um eine Langzeit-Korrelation, die man nicht überbewerten und niemals für kurzfristige Entscheidungen heranziehen sollte. Hochrelevant ist sie dennoch, denn die Mathematik lügt nicht und modernste Handels-Algorithmen arbeiten mit solchen Korrelationen. Außerdem gibt es ja den realen Effekt: Je billiger das Geld, umso leichter kann es in die Finanzmärkte fließen und die Assetpreise nach oben treiben.

Es wird im kommenden Jahr interessant zu beobachten sein, wie viel von dem Effekt der wahrscheinlich kommenden Zinssenkungen bereits heute eingepreist wird und wie positiv die Märkte noch auf die eigentlichen Zinsschritte reagieren werden.

6. Big-Tech-Risiko: Die fehlende Marktbreite bleibt ein Problem

Der breite US-Aktienmarkt wird entscheidend von ein paar wenigen Schwergewichten nach oben getrieben. Die „großen Sieben“ (Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta, Tesla und Nvidia) machen rund ein Drittel der Marktkapitalisierung des SP500 Index aus und konnten zusammengenommen 2023 um mehr als 100 Prozent an Kurswert zulegen. Alleine die Top Fünf stehen für ein Viertel des Börsenwerts. Das letzte mal, dass die Top Fünf eine so große Konzentration im Benchmark-Index hatten, war 1964 mit AT&T, General Motors, Exxon, IBM und Texaco.

Laut Indexanbieter Standard & Poors wäre der SP500 ohne die Performance der „glorreichen Sieben“ nur leicht im Plus statt der gegenwärtigen plus 24 Prozent. Der Russell 2000, ein Index für Nebenwerte, ist 2023 bisher „nur“ um 15 Prozent gestiegen. Einige Themen-Aktien, zum Beispiel im Bereich grüner Energien, wurden sogar massiv abverkauft. Der „iShares Global Clean Energy ETF“ notiert seit Jahresbeginn 24 Prozent im Minus.

7. Nvidia ist die Hype-Aktie einer ganzen Anleger-Generation

Der größte Outperformer unter den „großen Sieben“ war Nvidia. Der Grafikchip-Hersteller hat sich 2023 im Kurs mehr als verdreifacht und entwickelt sich zunehmend zu der Hype-Aktie einer ganzen Anleger-Generation. Offensichtlich profitiert die Aktie enorm vom großen KI-Boom, der etwa auch die Anteilsscheine von anderen Tech-Giganten wie Microsoft und Meta sowie von Datenspezialisten wie Palantir und C3.ai ordentlich anfachte.

Basierend auf dem erwarteten Gewinn für 2023 notiert Nvidia aktuell mit einem sportlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 65. Investoren bezahlen zum aktuellen Kurs also das 65-fache des jährlichen Nettogewinns (kumulierter Gewinn der letzten vier Berichtsquartale), um sich an der Firma zu beteiligen. Der aktuelle Kurs reflektiert die Erwartungen der Analysten, dass sich der Umsatz bis 2027 fast verdreifachen und der Gewinn alleine 2024 vervierfachen wird. Schon fürs dritte Quartal 2023 wurden tolle Zahlen und ein Nettogewinn von über 9 Milliarden Dollar vermeldet. Das KGV lag zuvor noch bei über 100.

Müssen sich Besitzer von Nvidia-Aktien Sorgen machen? Nur bedingt. Der Chipkonzern ist kein typisches junges Wachstums-Unternehmen, sondern ein gestandener Konzern, der regelmäßig Spitzenplätze in der Rangliste der besten Wertschöpfer belegt, die jedes Jahr von der Boston Consulting Group ermittelt wird.

Nvidia ist für die Zukunft sehr gut aufgestellt. Man produziert nicht mehr nur Grafikchips für Gaming-Anwendungen und KI-Software, sondern ist auch im lukrativen Cloudgeschäft aktiv. Überall, wo AWS, Azure oder Google Cloud ein neues Data-Center eröffnen, führt an Grafikprozessoren aus dem Hause Nvida kein Weg vorbei. Auch die Rechenleistung für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz basiert damit größtenteils auf Nvidia-Chips. Das Rechenzentren-Segment macht mittlerweile mehr als die Hälfe des Umsatzes aus.

Unter dem Strich schreien die Bewertungs-Kennzahlen aber nach dem, was man im Englischen als „priced to perfection“ bezeichnet. Alles Positive ist abgebildet, die Risiken werden größtenteils ausgeblendet. Zuletzt gab es bei Nvidia Insiderverkäufe im großen Stil. Auch andere Big-Tech-Konzerne wie Meta waren betroffen.

8. Ist der DAX inzwischen ein Proxy auf den SP500?

Auch der deutsche Aktienindex erreichte zuletzt Rekordwerte. Die letzten Monate folgte der DAX ziemlich synchron dem SP500 – wenn auch in leicht abgeschwächter Form. Scheinbar hat sich der Index zumindest temporär komplett von Deutschlands prekärer Wirtschaftsentwicklung entkoppelt. Es ist aber zu beachten, dass der DAX die fehlende Wirtschaftsdynamik einpreiste und deshalb jahrelang äußerst günstig zu haben war.

Die tolle Performance 2023 (18,6 Prozent) kann das aber nur bedingt erklären. Ausländische Gelder und Handels-Algorithmen dürften eine große Rolle spielen. Privatanleger sollten sich aus diesem Spiel heraushalten. Mit dem dynamischeren US-Index oder noch besser, einem Weltaktien-ETF ist man besser bedient.

Wer gerne mehr darüber lesen möchte, wie man in diesen turbulenten Zeiten am besten investiert, sollte unbedingt in unserer Geldanlage-Rubrik stöbern und diese abonnieren.

9. Alles steigt – außer China-Aktien, die fallen immer weiter

Während gefühlt alles steigt, auch Schwellenländer-Aktien (MSCI Emerging Markets plus 8 Prozent in den letzten 30 Tagen), ist im Reich der Mitte Totengräber-Stimmung angesagt. Der CSI 300 Index hat seit Jahresbeginn 14 Prozent und im letzten Monat 6 Prozent verloren. Ausländische Investoren verlassen in Scharen das Land. Warum das so ist, haben die DWN bereits ausführlich analysiert, weshalb wir an dieser Stelle auf die jeweiligen Artikel zur Kapitalflucht sowie den Chancen und Risiken des chinesischen Aktienmarkts verweisen.

Brandaktuell hat China dem fragilen Kapitalmarkt und insbesondere dem Tech-Sektor mit einer neuen Regulierung gegen exzessiven Videospielkonsum einen weiteren Schlag versetzt. Die Anteilsscheine von Tencent sanken infolgedessen an einem einzigen Handelstag um 12,4 Prozent, was einer verlorenen Marktkapitalisierung von umgerechnet 43 Milliarden Dollar entsprecht.

Kann die allgemeine Euphorie auch noch auf China-Aktien überschwappen? Vermutlich nicht. Peking macht momentan wirklich alles, um das Vertrauen der Investoren und Anleger dauerhaft zu untergraben.

10. Der US-Aktienmarkt ist sehr teuer

Zinssenkungsfantasien trieben die Märkte auf alte Höchststände. Wirklich nachhaltig ist dieser Zustand jedoch nicht, wenn man historische Bewertungs-Bandbreiten heranzieht.

Der Milliardär Warren Buffett hat für den breiten Markt seine eigenen Bewertungs-Kennzahl entwickelt, den sogenannten Buffett-Indikator. Es handelt sich um das Verhältnis der Marktkapitalisierung der 5000 größten börsennotierten US-Firmen (Wilshire 5000 Index) zur Wirtschaftsleistung (nominales BIP). In der folgenden Graphik ist dieser Indikator in Blau dargestellt. Je höher der Wert, umso unattraktiver sind US-Aktien.

Der Indikator liegt mit 175 Prozent aktuell mehr als eine Standardabweichung über dem langfristigen Mittel von 128 Prozent. Man kann verstehen, dass der berühmte Investor nicht unbedingt erpicht darauf ist, Aktien zu solchen Preisen akkumulieren. Buffetts Investment-Gesellschaft Berkshire Hathaway hält derzeit so viele Barmittel wie noch nie.

In eine ähnliche Kerbe schlägt das CAPE-Ratio des Nobelpreisträgers Robert Shiller, meist „Shiller-KGV“ genannt. Dieses nimmt für das KGV eine Normalisierung vor, indem statt den aktuellen nominalen Gewinnen die durchschnittlichen inflationsbereinigten Gewinne der letzten 10 Jahre herangezogen werden. Ein Blick auf das Shiller-KGV für den SP500-Index untermauert die Erkenntnisse des Buffett-Indikators. US-Aktien sind äußerst sportlich bewertet.

Interessant ist auch das sogenannte Q-Ratio, manchmal „Tobins-Q“ genannt. Vereinfacht gesagt misst es das Verhältnis von Börsenwert zum Wiederbeschaffungswert. Mit 1,54 liegt das Q-Ratio für den SP500 circa 90 Prozent und damit zwei Standardabweichungen über dem langfristigen Mittelwert (0,81). Der höchste Q-Wert wurde übrigens 1961 mit 1,71 erreicht, der niedrigste 1982 mit 0,29.

Wichtig: All diese Indikatoren sind keine Timing-Indikatoren. Die Kennzahlen können viele Jahre lang auf extrem hohen Niveau liegen. Es ist lediglich ein Hinweis darauf, dass der US-Aktienmarkt aktuell ziemlich teuer ist.

Fazit: Vorsicht ist angesagt

Historisch gesehen gibt es keine Bärenmärkte nach einer Vermögensblase, die nur 6 Monate gedauert haben“. Dieses Zitat stammt aus einem Interview, das der legendäre Investor Stanley Druckenmiller im Sommer 2022 der „Sohn Conference Foundation“ gegeben hat. Der Hedgefonds-Veteran und Ex-Partner von George Soros rechnete damals – mitten im Bärenmarkt – offensichtlich nicht mit den Marktbewegungen, die wir 2023 beobachten konnten. Einen Abschwung gab es dieses Jahr nur am Immobilienmarkt.

An der Börse werden Zukunftserwartungen gehandelt und aktuell scheinen Anleger übertrieben optimistisch zu sein. Nach dem schnellsten Zinserhöhungszyklus aller Zeiten und inmitten einer fragilen, überschuldeten Weltwirtschaft sollte man wachsam bleiben und nicht Haus und Hof auf eine Fortsetzung der Rally setzen. Teuer ist aber vor allem der US-Markt, im Rest der Welt gibt es günstigere Einstiegschancen. Und mit einer passiven Strategie via weltweit gestreuter ETFs muss man sich über solche Fragen gar nicht erst den Kopf zerbrechen.


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