Finanzen

Angstbarometer der Wall Street auf Tiefstständen - was bedeutet das für Anleger?

An der Wall Street erwartet man kaum noch Schwankungen am Aktienmarkt, wie der niedrige VIX-Index zeigt. Was können Privatanleger daraus ableiten? Ist der Markt etwa schon wieder im Gier-Modus unterwegs?
12.12.2023 09:06
Aktualisiert: 12.12.2023 09:06
Lesezeit: 5 min
Angstbarometer der Wall Street auf Tiefstständen - was bedeutet das für Anleger?
Sind Anleger im aktuellen Umfeld zu sorglos? (Foto: dpa) Foto: Tannen Maury

Der Volatilitäts-Index des US-Aktienmarktes, oftmals als "VIX" abgekürzt, notiert so tief wie selten zuvor. Aktuell ist der wichtige Indikator mit einem Wert von 12,35 Punkten so niedrig wie zuletzt vor vier Jahren.

Der historische Durchschnitt beträgt 21. Werte unter 15 deuten auf sehr ruhige Märkte hin. Ende 2017 wurde ein Rekordtief von 9,14 gemessen. Werte über 30 werden nur in turbulenten Marktphasen wie zuletzt im Corona-Crash (Rekordhoch von 82,6 im März 2020) und im Bärenmarkt 2022 erreicht.

Werte unter 12 sind sehr selten. Aus Daten des Researchhauses DataTrek geht hervor, dass der VIX in den letzten fünf Jahren nur an 25 Handelstagen einen Wert von 12 oder niedriger hatte, davon fünfmal im Januar 2022. Die damalige Zeit kann man als Ruhe vor dem Sturm bezeichnen, denn kurz darauf kam der Einbruch am Aktienmarkt.

Implizite Volatilität

Der VIX bezieht sich auf den amerikanischen Leitindex SP500 und wird von der Optionsbörse CBOE veröffentlicht. Der Volatilitätsindex bildet nicht exakt die tatsächliche Schwankung im SP500 ab, sondern misst die von den Marktteilnehmern erwartete Volatilität monatlich anhand der Preise von 30-Tages-Optionen. Genauer gesagt wird ein Durchschnittspreis aller SP500-Optionen mit Restlaufzeiten zwischen 23 und 37 Tagen ermittelt.

Der VIX-Index gilt als das Angstbarometer der Wall Street. Je höher der VIX, umso höhere Optionsprämien bezahlen Anleger, um sich gegen Schwankungen ihres Portfolios (nach oben oder unten) abzusichern. Der VIX wird deshalb auch als "implizite Volatilität" definiert.

Der VIX tendiert zu einem Muster aus schnellen Anstiegen und relativ langsamen Rückgängen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Volatiltät bei einem Crash besonders hoch ist, weil viele Marktteilnehmer in kürzester Zeit panikhaft verkaufen. Dann steigt der VIX im Regelfall sprunghaft an. Es ist aber auch möglich, dass die Volatilität im Bullenmarkt stark ansteigt, wenn etwa viele Anleger auf einmal in den Markt strömen, oder es ständig zu temporären Abverkäufen im Aufwärtstrend kommt. Außerdem hängt der Wert des VIX entscheidend am Optionsmarkt und wenn dort mehr Bewegung ist als am Aktienmarkt selbst, kann der Index unerwartet hoch sein - und umgekehrt.

Übereuphorische Anleger?

Der äußerst niedrige VIX impliziert, dass Anleger Anfang 2024 mit einer Fortsetzung des 2023er-Bullenmarktes rechnen. Andere Indikatoren sprechen eine ähnliche Sprache. Der "CNN Greed and Fear Index" liegt bei 68 von 100 Punkten und deutet auf sehr bullishe Anleger hin. Über 75 wird als extreme Gier definiert.

Investoren strömten zuletzt so schnell wie seit zwei Jahren nicht mehr in den Aktienmarkt. Das sollte Alarmglocken läuten lassen, denn das wirtschaftliche und geopolitische Umfeld ist nicht gerade rosig. Analysten warnen davor, dass scheinbar ruhige Märkte Instabilitäten erzeugen, wenn Anleger ihre Aktienpositionen erhöhen und mehr mit Kredithebel operieren.

Es ist denkbar, dass Anleger sorglos geworden sind und zu stark darauf vertrauen, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) schon in der ersten Jahreshälfte 2024 mit Zinssenkungen beginnen wird. Entscheidend ist, dass es der Fed bisher gelungen ist, das Preiswachstum zu bremsen, ohne einen für die Aktienmärkte schmerzhaften Wirtschaftsabschwung auszulösen. Die Inflationsrate ist zuletzt auf 3,2 Prozent gesunken. Anleihen haben eine kleine Rally hingelegt. Solide Unternehmens-Zahlen und eine robuste Verbrauchernachfrage trugen zur positiven Marktstimmung bei.

Der SP500 ist im Aufwind und nähert sich nach dem Durchbrechen der 4.600er-Marke wieder seinem Allzeithoch. Der US-Aktienmarkt hängt allerdings stark von den sieben Schwergewichten (Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta, Tesla und Nvidia) ab, die 30 Prozent der Marktkapitalisierung im SP500 ausmachen und 2023 um rund 100 Prozent zulegten. Während der originale SP500 seit Jahresbeginn knapp 20 Prozent im Plus ist, ist der gleichgewichtete Index nur 6 Prozent gestiegen.

Die Volatilität war im Jahr 2023 trotz hoher Zinsen, schwächerer Wirtschaftsdaten und erhöhter geopolitischer Spannungen bisher "ungewöhnlich niedrig", so US-Aktien- und Quantitative-Strategen von JPMorgan gegenüber der Financial Times. Die Bank macht dafür unter anderem die zunehmende Beliebtheit von Aktienoptionen mit kurzer Laufzeit verantwortlich, die vom Hauptindex VIX nicht erfasst werden.

Außerdem seien viele Gefahren unzureichend eingepreist. "Der Markt ist weit davon entfernt, die bekannten Risiken im Zusammenhang mit Gewerbeimmobilien, zunehmenden Insolvenzen und Kreditausfällen sowie die unbekannten Unbekannten, die sich aus der Abkehr von 15 Jahren extrem niedriger Zinsen ergeben, zu bewerten", fügten die Analysten hinzu. Für 2024 rechnen die JPMorgan-Strategen mit einem in den hohen Zehnerbereich steigenden VIX, bei einer harten Wirtschaftslandung könne das Angstbarometer sogar wieder 20 überschreiten.

VIX-Index ist nicht die ganze Wahrheit

Der niedrige VIX ist in gewisser Hinsicht trügerisch. Die sehr beliebteten ODTE-Optionen (Zero-Days-to-Expiration), die noch am selben Tag verfallen, werden hier nicht erfasst und in dieser Kategorie ist sehr viel mehr Bewegung als bei den Einmonats-Papieren. 2023 machten ODTE-Optionen teilweise mehr als die Hälfte des gesamten Optionsvolumens im SP500 aus.

Unterdessen implizieren längerfristige Optionen deutlich höhere Schwankungen für die Zukunft als der offizielle VIX-Index. Es bleibt eben das Risiko, dass die aktuelle Aktien-Rally nicht nachhaltig ist. Außerdem ist eine harte Wirtschaftslandung bis hin zu einer längeren Rezession nach wie vor möglich. Warren Buffets Investment-Gesellschaft Berkshire Hathaway hält zurzeit so viel Cash wie noch nie, was Privatanleger aufhorchen lassen sollte.

Manchmal liegt der VIX kurz vor einem Crash besonders niedrig. Es wäre aber falsch, den VIX sozusagen als Kontraindikator zu verwenden. Die Volatilität kann lange Zeit sehr gering sein und wer in solchen Phasen nicht im Markt investiert ist, verliert einiges an Performance.

Absicherungs-Geschäfte mit dem VIX

Einige Leser werden sich jetzt fragen: Wenn der VIX derart niedrig ist, sollte ich dann nicht einfach auf einen Anstieg setzen? Bei einem Wert von 12 sind solche Gedanken alles andere als abwegig. Und spekulativ veranlagte Anleger, die sich gut mit Derivaten auskennen, können den VIX tatsächlich handeln - nicht nur als reine Wette, sondern auch als Absicherung gegen einen Aktiencrash. Hier gibt es in Wesentlichen zwei Möglichkeiten.

1. Call-Optionen auf den VIX-Index. Wenn der VIX steigt, dann steigt auch der Wert der Option und umgekehrt. Das Verlustrisiko ist auf die bezahlte Optionsprämie begrenzt. Man sollte hierfür ausreichend Kenntnisse über Optionen haben, also etwa den Zeitwert abschätzen können, den Ausübungspreis beachten und verstehen, was der faire Preis einer Option ist. Je nach Ausübungspreis der VIX-Option sichert man sich gegen kleinste Schwankungen oder nur gegen kolossale Markteinbrüche ab. Letztere Optionen verfallen meist wertlos, können aber gigantische Renditen produzieren, wenn der Markt von unvorhergesehenen Ereignissen überrascht wird.

2. Der Kauf von Futures auf den VIX-Index. Das ist einfacher als der Optionshandel, aber das Verlustrisiko mitunter deutlich höher. Für Kleinanleger ist der VIX-Mini-Future (Kürzel VXM) besonders interessant. Der kurze Einmonats-Future ist am besten für Einsteiger geeignet, weil er liquider und bezüglich der Preisfindung besser einzuschätzen ist als die längerfristigen Kontrakte.

Der Hebel bezogen auf den Basiswert liegt hier bei 100. Ein Beispiel: Wenn der Durchschnitt aller Marktteilnehmer für den Verfallstermin einen VIX von 20 Punkten erwartet, kostet zu diesem Zeitpunkt der VIX-Mini-Future 20 mal 100, also 2000 Dollar. Weil man als Käufer im Future "long" ist, sind 2000 Dollar auch der maximale Verlust. Steht der VIX zum Verfallstermin höher als 20, ist man im Gewinn. Wenn der Futures-Kontrakt vorher im Preis gestiegen ist, hätte man natürlich auch schon frühzeitig den Gewinn durch einem Verkauf des Kontrakts realisieren können.

Logischerweise lohnt sich eine Absicherung über den VXM erst dann, wenn das Portfolio eine gewisse Größe hat. Wenn der Portfolio-Wert nicht mindestens zehnmal so groß ist wie der Preis des VIX-Mini-Futures, ist der Nutzen fraglich. Im obigen Beispiel sollte das Portfolio also mindestens 20.000 Dollar schwer sein.

Vorsicht: Manche Futures sind rollierend, das heißt sie werden nach dem Verfall automatisch neu gekauft. In diesem Fall können sogenannte Rollverluste entstehen. Anleger kaufen idealerweise nur VIX-Kontrakte, die selbständig gerollt werden müssen.

Vom "Shorten" des VIX-Futures ist abzuraten. Hier nimmt man die Gegenseite des Käufers ein. Die Gewinnchancen sind überschaubar, das Verlustrisiko aber theorethisch unbegrenzt. In der Vergangenheit haben sich selbst große Finanzhäuser bei starken Marktausschlägen mit VIX-Shorts ordentlich die Finger verbrannt. Da wurden schon mal in einigen Jahren angehäufte Millionen-Gewinne innerhalb von wenigen Wochen zu Milliarden-Verlusten.

Dieser Text ist keine Anlageberatung. Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs, Investmentfonds oder Derivaten unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.
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Jakob Schmidt

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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