Politik

Ukraine-Krieg: Selenskyj deutet Verrat an - Militärhilfe im Fokus

Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn vor über zwei Jahren hat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj offiziell zu Verlustzahlen geäußert. Außerdem deutete er Verrat an im Zusammenhang mit der ukrainischen Gegenoffensive des vergangenen Herbstes. Derweil wird für die Ukraine weitere Militärhilfe immer dringender benötigt.
26.02.2024 07:27
Aktualisiert: 26.02.2024 07:27
Lesezeit: 3 min
Ukraine-Krieg: Selenskyj deutet Verrat an - Militärhilfe im Fokus
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich zum ersten Mal seit Kriegsbeginn offiziell zu Verlustzahlen geäußert. (Foto: dpa) Foto: President Of Ukraine

Bei einer Pressekonferenz am Sonntag in Kiew berichtete Selenskyj, es seien bisher 31.000 ukrainische Soldaten gefallen. Die Verluste des russischen Militärs bezifferte er mit 180.000 Toten und 500.000 Verwundeten. Bisher hatte keine der beiden Kriegsparteien offiziell eigene Opferzahlen genannt. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

In einer ersten Reaktion aus Moskau wurde Selenskyj der Lüge bezichtigt. "Dass Selenskyj lügt, erkennt jeder Ukrainer, allen voran die Soldaten", zitierte die Staatsagentur Tass die Sprecherin des russischen Außenamtes, Maria Sacharowa. Die ukrainischen Behörden blieben bemüht, die wahren Verlustzahlen zu verbergen. Zu den genannten russischen Verlusten äußerte sie sich nicht.

In einem kurzen militärischen Rückblick auf das Vorjahr gestand Selenskyj den Misserfolg der Herbstoffensive seiner Streitkräfte ein. Diese war unter anderem an einer tief gestaffelten russischen Abwehr und tiefen Minenfeldern zerschellt. "Und ich kann es offen zugeben - unsere Gegenoffensive lag schon auf dem Tisch im Kreml, noch ehe sie begann", deutete er Verrat an. Daher wolle er auch nicht weiter über die nächsten Pläne reden. "Je weniger Leute davon wissen, desto schneller kommen der Erfolg und unerwartete Ergebnisse für die Russen."

Allerdings hänge bei der Planung vieles von den Partnern der Ukraine ab. "Aber die Hauptsache ist, überhaupt einen Plan zu haben", sagte Selenskyj. "Und den Plan gibt es."

Russen erschießen angeblich sieben ukrainische Kriegsgefangene

Russische Truppen sollen nach offizieller Darstellung aus Kiew sieben ukrainische Kriegsgefangene erschossen haben. Die Hinrichtung sei am Samstag in der Nähe der von Russen eroberten Stadt Bachmut im Osten des Landes erfolgt, berichtete der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez, am Sonntagabend auf Telegram. Er berief sich dabei auf eine Videoaufnahme, die ukrainische Soldaten "mit erhobenen Händen" bei der Kapitulation zeige. "Die Russen sollten sie gefangen nehmen, erschossen sie aber stattdessen gnadenlos." Die Angaben aus Kiew konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

"Eine solche Hinrichtung ist ein Kriegsverbrechen", schrieb Lubinez weiter. Dieser Fall müsse als eine weitere Verletzung des humanitären Völkerrechts durch Russland registriert werden, forderte er.

Erst vor wenigen Tagen war russischen Soldaten vorgeworfen worden, sie hätten bei der Einnahme von Awdijiwka mindestens sechs verwundete ukrainische Soldaten hingerichtet, die nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten. Auch in diesem Fall berief sich Kiew auf Videoaufnahmen einer Drohne. Auch dieser Vorwurf konnte nicht unabhängig überprüft werden.

Neue russische Raketen- und Drohnenangriffe

Eine Serie von Explosionen erschütterte indes am Sonntagabend die Vororte der ostukrainischen Großstadt Dnipro. Nach Angaben der örtlichen Militärverwaltung soll die russische Armee die Region mit mehreren Raketen beschossen haben. Mindestens vier Menschen seien dabei verletzt und mehrere Häuser zerstört worden.

Am späten Abend wurde in der Region Dnipro sowie im benachbarten Charkiw Luftalarm ausgelöst. Anlass waren Erkenntnisse der Luftaufklärung über anfliegende Kampfdrohnen.

Macron organisiert Ukraine-Konferenz - Militärhilfe im Fokus

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron organisiert an diesem Montag in Paris eine internationale Unterstützerkonferenz für die Ukraine. Dazu werden 20 Staats- und Regierungschefs erwartet, darunter nach Angaben des Élysée-Palasts auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Weitere Länder sind auf Ministerebene an dem Treffen zwei Jahre nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine beteiligt. Angesichts der militärisch schwierigen Lage der Ukraine gehe es bei dem Arbeitstreffen darum, die dringend nötige Verteidigungshilfe für die Ukraine besser zu koordinieren und Russland gegenüber ein Signal der europäischen Einheit und Entschlossenheit zu senden, hieß es in Paris. Der ukrainische Präsident Selenskyj soll per Videoschalte an dem Treffen teilnehmen.

Die Zukunft Europas stehe in der Ukraine auf dem Spiel, sagte ein Präsidentenberater in Paris vor dem kurzfristig organisierten Treffen. Entsprechend müsse die militärische Hilfe der Europäer der angespannten Lage an der Front in der Ukraine gerecht werden. Es gebe eine Verhärtung des russischen Auftretens und Russland gewinne zu viel Raum. Das Land aber dürfe den Krieg nicht gewinnen und die Stabilität Europas dürfe nicht noch mehr leiden.

Im laufenden Jahr soll die Ukraine von Frankreich Militärhilfe im Umfang von bis zu drei Milliarden Euro erhalten, Deutschland will fast acht Milliarden Euro an Hilfe bereitstellen.

Während in Paris die Unterstützerkonferenz für die Ukraine tagt, sind entlang der Fronten in dem von Russland angegriffenen Land neue schwere Kämpfe zu erwarten. (dpa)

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