Ukraine-Krieg: Wie private Spender Milliarden für Waffen sammeln
Als ich vor einem unscheinbaren grauen Gebäude in einem der abgenutzten Viertel Kiews ankomme, ist nicht zu erkennen, ob ich überhaupt am richtigen Ort bin. Dem Bolt-Fahrer ist das egal. Er hat mich zur angegebenen Adresse gebracht, die Fahrt wurde bereits bezahlt.
Natürlich weist nichts darauf hin, dass hier die Organisation Come Back Alive ihren Sitz hat. Sie wäre ein offensichtliches Ziel für einen russischen Luftangriff. Dabei kauft die Organisation Waffen für die ukrainischen Streitkräfte. Viele Waffen. Sie werden direkt an Regimenter und Bataillone geliefert, die genau angeben, welche Ausrüstung sie benötigen, um russische Truppen zu bekämpfen.
Ich schreibe meiner Kontaktperson über Signal und frage, ob ich richtig bin. Nichts deutet darauf hin, dass sich hinter diesen Mauern eine riesige Beschaffungsorganisation verbirgt, deren einziger Zweck darin besteht, die Armee mit möglichst vielen und möglichst wirksamen Waffen auszustatten.
Zwei Männer in Tarnuniform lassen mich hinein und führen mich zu einem großen Ukraine-Kartenbild, das mit den Emblemen zahlreicher Regimenter übersät ist. Nachdem meine Tasche kontrolliert wurde, werde ich gemeinsam mit meiner Kontaktperson Zola Krasovskav in einen anderen Raum gebracht. Zu keinem Zeitpunkt darf ich mich allein im Gebäude bewegen, betont sie.
Für die Darstellung der Arbeit von Come Back Alive ist der 28-jährige Vladyslav Urobkov zuständig. Er trägt den Titel Division Lead im Militärbereich der Organisation.
Warum private Waffenbeschaffung notwendig wurde
Für Urobkov liegt die Erklärung für die besondere Rolle privater Waffenlieferungen in der Ukraine auf der Hand.
„Wir arbeiten weniger bürokratisch als die Armee. Wir sind schneller, flexibler und stehen ständig mit den Bataillonen in Kontakt. Dadurch erfahren wir unmittelbar, welche Ausrüstung fehlt. Wenn sich etwas als ungeeignet erweist, beschaffen wir Alternativen“, sagt er.
Selbst nach Jahren des Krieges seien bürokratische Strukturen und Korruption aus der Sowjetzeit nicht vollständig verschwunden. Private Waffenlieferungen seien deshalb zu einer Notwendigkeit geworden.
„Wir begannen mit Nachtsichtgeräten, Wärmebildtechnik und Ausrüstung für Scharfschützen. Die ukrainische Armee war damals in nahezu allen Bereichen katastrophal ausgestattet“, erklärt Urobkov.
Die ausführlichere Erklärung findet sich in einer Broschüre der Organisation, so das Portal Borsen in einem Bericht vor Ort. Dort heißt es, Millionen von Spendern unterstützten die Armee, da diese heute keine abgeschlossene Institution mehr sei. Die meisten Soldaten und Offiziere stammten aus dem zivilen Leben und hinterließen Lücken in Familien, Unternehmen und Gemeinden.
Deshalb werde nicht nur gespendet, um den Krieg zu gewinnen, sondern auch, damit die mehr als eine Million Soldaten eines Tages wieder nach Hause zurückkehren können. Daher stammt auch der Name der Organisation. Als Russland 2014 die Krim und Teile des Donbas besetzte, fehlte der ukrainischen Armee nahezu jede Ausrüstung. Auf die ersten beschafften Schutzwesten wurden kleine Etiketten mit der Aufschrift „Come Back Alive“ genäht.
Seitdem ist die Organisation von rund 30 Freiwilligen auf etwa 200 Vollzeitbeschäftigte gewachsen. Private Personen und Unternehmen haben bislang mehr als eine Milliarde Dollar für Waffen und militärische Ausrüstung gespendet.
Come Back Alive gilt als die größte und älteste private Organisation dieser Art in der Ukraine. Daneben existieren weitere ähnliche Initiativen, weshalb Beobachter inzwischen von einer teilweisen Privatisierung der Kriegsführung sprechen.
Drohnen, Luftabwehr und neue Kriegsformen
Inzwischen beschafft die Organisation nicht nur klassische Ausrüstung, sondern auch eigene Drohnen und Systeme zur Drohnenabwehr. Zu den bekanntesten Projekten gehört Dronefall. Dabei werden günstige FPV-Drohnen eingesetzt, um russische Angriffsdrohnen zu bekämpfen. Diese Lösung ist deutlich preiswerter als der Einsatz teurer Flugabwehrraketen.
Darüber hinaus hat Come Back Alive zahlreiche ukrainische Brigaden mit lokal produzierten Shark-Drohnen ausgestattet, die gegen russische Störmaßnahmen besonders widerstandsfähig sind.
Urobkov selbst diente während des Krieges in der Armee. Aufgrund persönlicher Umstände konnte er den Dienst verlassen. Auf Details möchte er nicht eingehen. Nach mehreren Kriegsjahren steht diese Formulierung oft für persönliche Verluste oder familiäre Tragödien.
Ein Ende des Ukraine-Krieges sieht er derzeit nicht.
„Ich glaube nicht, dass der Krieg in den nächsten zwei Jahren endet. Die Russen werden weitermachen. Aber wir werden erfolgreicher werden. Wir werden Moskau treffen, so wie sie heute Kyjiw treffen. Das haben sie verdient“, sagt der frühere Frontsoldat.
Auf die Frage, ob Angriffe auf Moskau nicht weitere russische Angriffe provozieren würden, antwortet er:
„Die Russen brauchen keine Begründung, um uns zu bombardieren. Sie hassen uns und wollen, dass möglichst viele Ukrainer sterben. Das Einzige, was sie bisher nicht eingesetzt haben, sind Atomwaffen. Das wäre allerdings eine Katastrophe.“
Russland verfüge über ausreichend Ressourcen, um die Front zu halten. Gleichzeitig müsse Moskau einen möglichst hohen Preis zahlen. Die Zahl der getöteten und schwer verwundeten russischen Soldaten habe nach Einschätzung unabhängiger Experten inzwischen die Marke von einer Million überschritten.
„Der Oktober 2023 war der letzte Monat, in dem Russland nennenswerte Fortschritte vorweisen konnte. Die Frage ist, wie lange Verluste von 50 bis 100 Soldaten pro Quadratkilometer akzeptiert werden“, sagt Urobkov.
Milliarden für die Verteidigung
Gemeinsam mit dem staatlichen Spendenfonds United24 und der Serhij-Prytula-Stiftung zählt Come Back Alive zu den wichtigsten privaten Unterstützern der ukrainischen Kriegsanstrengungen. Zusammen haben diese Organisationen schätzungsweise zwischen 2,2 und 2,4 Milliarden Dollar gesammelt. Alle privaten Fonds zusammen dürften seit 2022 mehr als drei Milliarden Dollar eingeworben haben. Beobachter sprechen von einer der größten zivilen Crowdfunding-Kampagnen für militärische Zwecke in der modernen Geschichte.
„Wir sind dafür verantwortlich, dass die Endnutzer genau das erhalten, was sie benötigen. Das erfordert viel Kommunikation und Zeit. Trotzdem sind wir schneller als der Staat“, sagt Urobkov.
Kommandeure und Offiziere würden sich häufig lieber an die Organisation wenden als an das Verteidigungsministerium oder die militärische Beschaffungsverwaltung. Während staatliche Stellen alle Einheiten versorgen müssten, könne Come Back Alive gezielt einzelne Verbände unterstützen.
„Wir ersetzen den Staat nicht. Wir unterstützen ihn“, betont Urobkov.
Seine Heimatstadt im Donbas, aus der er 2014 als 16-Jähriger fliehen musste, befindet sich noch immer unter russischer Kontrolle. Deshalb betrachtet er den Krieg nicht aus der Distanz. Für ihn ist die Front nicht eingefroren. Täglich werde gekämpft, täglich gebe es Bewegungen entlang der Frontlinien.
Trotz der anhaltenden Kämpfe sinkt die Spendenbereitschaft. Die wirtschaftliche Lage vieler Menschen hat sich verschlechtert, gleichzeitig werden wichtige Verteidigungssysteme immer schwerer verfügbar. Dennoch entwickelt die Organisation neue Wege der Finanzierung.
An großen Tankstellenketten können Kunden inzwischen bei jedem Tankvorgang oder Kaffeekauf einen kleinen Betrag spenden. Auf diese Weise kamen bereits mehr als eine Million Dollar zusammen. Das genügte für den Kauf von 25 Shark-Drohnen.
„Wir sind dankbar für die 90 Milliarden Euro aus der EU. Sie halten die Wirtschaft am Laufen. Aber sie helfen unserer Stiftung nicht direkt“, sagt Urobkov.
Er erinnert daran, dass die ersten Kriegswochen völlig anders gewesen seien.
„Damals kamen die Spenden in einer Größenordnung herein, bei der wir kaum wussten, wie wir das Geld ausgeben sollten.“
Leben im Ausnahmezustand
Inzwischen arbeitet die Organisation auch mit großen staatlichen Energie- und Ölunternehmen zusammen.
„Sie wollen helfen, wissen aber oft nicht wie. Dieses Know-how bringen wir mit“, sagt Urobkov.
Als mein Besuch endet, ist es längst nach 18 Uhr. Für viele Menschen wäre Feierabend. Nicht für Vladyslav Urobkov. Seine Hoffnung ist, dass die Ukraine Russland so hohe Kosten auferlegt, dass der innenpolitische Druck in Moskau wächst.
Auch meine Kontaktperson Zola macht sich auf den Heimweg. Sie lebt im 15. Stock eines Hochhauses in Kiew. Wenn Luftalarm ausgelöst wird, geht sie weder in den Schutzraum ihres Hauses noch in die Metro. Der Schutzraum sei zu kalt, die Metro zu laut. Danach könne sie weder schlafen noch am nächsten Tag arbeiten.
„Außerdem habe ich die Statistik berechnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade meine Wohnung getroffen wird, ist nicht besonders hoch“, sagt sie.
Deshalb bleibt sie auch während schwerer Luftangriffe in ihrer Wohnung. In der Nacht vor unserem Treffen hatte Russland erneut massive Angriffe auf Kyjiw und andere Großstädte geflogen. Ich selbst suchte den Schutzraum meines Hotels auf. Zola hingegen wollte ausgeschlafen sein, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Für sie ist das ihr persönlicher Beitrag zum ukrainischen Widerstand gegen die russische Invasion.
