Politik

Der Chefredakteur kommentiert: Wie Israel seine eigene Existenz bedroht

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch emotional diskutieren. An dieser Stelle lasse ich Sie jeden Freitag an meinem Standpunkt teilhaben - immer kritisch, selbstverständlich unabhängig, meist unbequem. Lesen Sie, was in dieser Woche auf meinem Schreibtisch lag!
05.04.2024 16:30
Aktualisiert: 08.04.2024 13:19
Lesezeit: 4 min
Der Chefredakteur kommentiert: Wie Israel seine eigene Existenz bedroht
Palästinenser inspizieren die Schäden nach einem israelischen Luftangriff (Foto: dpa). Foto: Abed Rahim Khatib

Der Krieg im Gazastreifen hat eine neue Dimension erreicht. Israel macht Jagd auf die Mitglieder der radikal-islamischen Hamas und bringt damit nicht nur die palästinensische Zivilbevölkerung täglich in Lebensgefahr, mit seiner Kriegsführung bedroht Israel auch seine eigene Existenz – offenbar ohne sich dessen bewusst zu sein.

Israel bedroht seine eigene Existenz? Was meine ich konkret damit? Zunächst müssen wir uns die schwierige Situation im Gaza-Israel-Krieg aktuell vor Augen führen. Dabei hilft ein schneller Blick zurück: Am 7. Oktober 2023 beschoss die Hamas, die von der Europäischen Union und den USA seit 2003 als Terrororganisation eingestuft wird, den Süden Israels mit Raketen. Unter dem Schutz der Raketenangriffe drangen annähernd 3.000 radikale Hamas-Kämpfer in das Staatsgebiet Israels ein und töteten nach israelischen Angaben 1.200 Menschen im Süden Israels, über 200 Personen wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt.

Israel rief daraufhin den Kriegszustand aus und bombardierte den von der Hamas beherrschten Gazastreifen. "Wir werden die Hamas vernichten und wir werden siegen, aber es wird Zeit brauchen", sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in einer Fernsehansprache. Einige Tage später entsendete Israel auch Bodentruppen in die Region.

Israels wichtigster Verbündeter wendet sich ab

Nun ist nichts mehr wie es war: Das israelische Volk ist nach dem Terrorangriff der Hamas schwer traumatisiert, der 7. Oktober wird deshalb auch als Israels „9/11“ bezeichnet – ein Vergleich mit den islamistischen Terrorattacken auf die USA am 11. September 2001. Und im Gazastreifen steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. Wenn in den Medien beispielsweise davon gesprochen wird, dass Kämpfe in der Al-Schifa-Klinik in Gaza-Stadt stattfinden, dann geht das an der Realität vorbei: Von diesem Krankenhaus stehen höchstens noch die Grundmauern, es ist ein Häuserkampf ohne Häuser. Die palästinensische Zivilbevölkerung, längst vor den Kämpfen in den Süden des Gazastreifens geflüchtet, ebenfalls schwer traumatisiert.

Die Bilder in den Nachrichten von verzweifelten Zivilisten im Gazastreifen sind unerträglich. Ohne die internationale Luftbrücke wäre die Not der Menschen noch größer, eine Hungersnot droht dennoch. Die Staaten, die Israel direkt nach dem Terrorangriff ein Recht auf Verteidigung zugestanden und das Land nicht nur verbal unterstützt hatten, kritisieren das Vorgehen der israelischen Armee mehr und mehr. Schlimmer noch: Mit den Ereignissen der vergangenen Tage ist Israel auf dem besten Weg sich komplett zu isolieren – und seine eigene Existenz zu bedrohen.

Sogar die Vereinigten Staaten von Amerika, Israels wichtigster Verbündeter, wenden sich langsam ab. Als vor wenigen Tagen im UN-Sicherheitsrat über eine sofortige Waffenruhe in Gaza abgestimmt wurde, votierten die USA nicht mit und machten die entsprechende Resolution zur „sofortigen Waffenruhe“ so erst möglich.

Und was macht Israel? Netanjahu kritisiert die USA – und lässt weiterkämpfen. Doch spätestens seitdem im Gazastreifen sieben Mitarbeitende der NGO World Central Kitchen (WCK) durch israelischen Beschuss getötet wurden, ist das Verständnis für Israel auf einem Tiefpunkt angekommen. Auch die Bundesregierung forderte Israel auf, mehr humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu ermöglichen. „Keine Ausreden mehr“, forderte Außenministerin Annalena Baerbock.

Auch innenpolitisch gibt es Druck für die israelische Regierung: Täglich demonstrieren Tausende Menschen in Israel gegen Netanjahus Kriegsführung im Gazastreifen. Zu den schärfsten Kritikern des Regierungschefs zählen die Familien der 134 Geiseln, die die radikale Palästinenserorganisation noch immer im Gazastreifen gefangen hält. Netanjahu ist angezählt.

Droht ein Krieg mit dem Iran?

Doch als wäre das alles nicht genug, bombardierte Israel – mutmaßlich – in dieser Woche auch noch die iranische Botschaft in der syrischen Stadt Damaskus. Bei dem Luftangriff wurden sieben Mitglieder der mächtigen iranischen Revolutionsgarden (IRGC) getötet, darunter zwei ranghohe Vertreter der Al-Kuds-Brigaden.

Das Motiv des Angriffs scheint klar: Der Iran als mutmaßlicher Drahtzieher hinter dem Terrorangriff am 7. Oktober und Unterstützer der radikal-islamischen Hamas soll sich nicht sicher fühlen.

Dennoch: War es klug, in der aktuellen Situation eine zweite Front zu eröffnen? Die (verbale) Reaktion auf den Angriff ließ nicht lange auf sich warten: Der Iran kündigte in Richtung Israel einen Gegenschlag an. Wie und wann dieser erfolgen könnte, ist derzeit unklar.

Was, wenn der Iran tatsächlich zurückschlägt? Eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran kann nicht im Sinne Israels sein, auch und gerade weil das Land inzwischen politisch isoliert scheint. Ohne die Unterstützung seiner Verbündeten, allen voran der USA, könnte Israel in bei Kampfhandlungen mit dem Iran in große Schwierigkeiten geraten – schließlich kokettiert der Iran offen mit der Vernichtung Israels.

Kämpfe an zu vielen Fronten

Unter Netanjahus Regierung wirkt Israel wie ein taumelnder Boxer, der vor dem Sturz auf die Ringmatte noch um sich schlägt. Israel spielt mit dem Feuer, vor allem auf Kosten der Menschen in Gaza. Dass ein Großteil israelischer Bodentruppen am Wochenende den Abzug aus Gazas Süden angekündigt hat, scheint die Gesamtsituation auch nicht zu verändern, im Gegenteil: Laut Verteidigungsminister Jo'aw Gallant ist dies Teil einer Umgruppierung. Kriegsbeobachter rechnen nun mit einen Angriff auf die palästinensische Stadt Rafah, wo noch weitere Hamas-Truppen vermutet werden, oder gar mit einer Offensive im Libanon gegen die schiitische Miliz Hisbollah, die vom Iran unterstützt wird und mit der Hamas verbündet ist - eine weitere Front.

Für die zweite These spricht, dass Israel am Sonntag Luftangriffe auf eine Hochburg der Hisbollah-Miliz im Osten des Libanons flog - eine Reaktion Israels auf Hisbollah-Chef, Hassan Nasrallah, der am Freitag Israel gedroht hatte: Die Hisbollah fürchte keinen Krieg und sei "vollständig vorbereitet".

Indessen hat ein Berater des obersten iranischen Führers, Ajatollah Ali Chamenei, Drohungen gegen Israel ausgesprochen: Botschaften Israels könnten weltweit könnten Ziele von Angriffen werden. "Keine israelische Botschaft weltweit ist sicher davor", sagte der ehemalige Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden (IRCG), General Jajhja Rahim-Safawi, am Sonntag laut Staatssender Al-Alam.

Die Fakten sind eindeutig: Israel kämpft an vielen Fronten, möglicherweise an zu vielen Fronten - und bedroht damit seine eigene Existenz!

Ihr Markus Gentner (DWN-Chefredakteur)

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Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

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