Politik

EU-Austritt für Deutschland? Der Wissenschaftliche Dienst gibt Aufschluss!

Seit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) gibt es auch in Deutschland Diskussionen um einen möglichen „Dexit“. Doch gestattet unsere Verfassung ein Referendum über einen EU-Austritt? Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat sich dieser Frage angenommen, mit interessantem Ergebnis.
20.04.2024 12:04
Aktualisiert: 20.04.2024 12:24
Lesezeit: 3 min
EU-Austritt für Deutschland? Der Wissenschaftliche Dienst gibt Aufschluss!
EU-Austritt: Wie realistisch ist ein deutscher Dexit? (Foto: iStock, rarrarorro) Foto: rarrarorro

Das Brexit-Votum hat über die Grenzen des Vereinigten Königreichs hinaus Wellen geschlagen, indem es europaweit den Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung verstärkt hat. In diesem Kontext hat die Alternative für Deutschland (AfD) die Idee einer Volksabstimmung über einen EU-Austritt Deutschlands ins Spiel gebracht.

Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD, betrachtet das britische Beispiel als richtungsweisend und plädiert für tiefgreifende Reformen innerhalb der EU. Sie stellt klar: Sollten solche Reformen unerreichbar bleiben, sollte das Volk über Deutschlands EU-Zukunft entscheiden dürfen.

„Wir könnten ein Referendum abhalten – über den deutschen Ausstieg aus der EU“, so Weidel. Ursprünglich vertrat die Partei die Idee einer „geordneten Auflösung der EU“, nahm jedoch später von diesem Ansatz Abstand.

Die rechtliche Lage: Erlaubt das Grundgesetz Volksabstimmungen zum EU-Austritt?

Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Referendum? Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages, der die Abgeordneten berät, hat sich in die Untiefen unserer Verfassung vorgewagt, um eine Antwort zu finden.

Laut den Experten gibt es in der deutschen Verfassung keine Grundlage für ein Referendum. „Den Begriff des Referendums kennt das Grundgesetz nicht“, so die Ausführungen ihrer aktuellen Kurzinformation. Der Artikel 20 des Grundgesetzes (GG) spricht zwar von der Macht des Volkes, die durch Wahlen und Abstimmungen ausgeübt wird, aber ein EU-Austritt? Fehlanzeige.

Für verbindliche Volksentscheide bedarf es einer Verfassungsänderung!

Doch das bedeutet nicht, dass der Weg für immer versperrt ist. Theoretisch könnte das Grundgesetz geändert werden, um eine Volksentscheidung zu ermöglichen. Die sogenannte Ewigkeitsklausel in Artikel 79 des Grundgesetzes, die die grundlegenden Prinzipien unserer Demokratie schützt, würde einer solchen Erweiterung nicht im Weg stehen. Allerdings bedarf eine Verfassungsänderung der breiten Zustimmung von Bundestag und Bundesrat. Die nötige Zweidrittelmehrheit für solch fundamentale Veränderungen ist eine Hürde, die nur schwer erreichbar scheint.

Weitere rechtliche Voraussetzungen für einen EU-Austritt

Außerdem verbietet das Grundgesetz einen Austritt aus der EU, solange es nicht geändert wird. Nach den derzeitigen Regeln, wie sie Artikel 23 des Grundgesetzes formuliert, ist Deutschland ein aktiver Gestalter der EU - und ein Alleingang aus dem Staatenbund ist rechtlich nicht vorgesehen! Nicht nur, dass es einer gesetzlichen Grundlage entbehrt – das Bundesverfassungsgericht unterstreicht, dass Deutschland verpflichtet ist, zum Zusammenwachsen Europas beizutragen.

Es ist also nicht einfach nach Belieben möglich, sich von der EU zu trennen. Ein EU-Austritt ähnelt dem Szenario, dass ein Bundesland versucht, sich aus Deutschland zu lösen – nahezu undenkbar. Auch eine solche Verfassungsänderung bedürfte einer breiten politischen Mehrheit, die kaum denkbar erscheint. Somit bleibt die Möglichkeit einer bindenden Volksentscheidung zum EU-Austritt Deutschlands vorerst eine theoretische Überlegung, die von verfassungsrechtlichen Schranken begleitet wird.

Wachsende EU-Skepsis in Europa: Eine Herausforderung für Parteien und Wirtschaft

Aktuell befindet sich die AfD im Fokus der EU-skeptischen Diskussion in Deutschland, mit Forderungen nach einer grundlegenden Transformation der Union hin zu einem „Bund europäischer Nationen“. Ihr Ziel: Mehr nationale Autonomie und ein Gegenentwurf zum föderalen Europa. Keine der anderen etablierten Parteien in Deutschland stellt ähnliche Forderungen. Die AfD stellt also in dieser Hinsicht eine Ausnahme im deutschen politischen Spektrum dar.

Insgesamt verstärkt sich in Europa der Trend zur Unterstützung rechter und EU-skeptischer Kräfte. Beispiele hierfür sind Italien unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, sowie die politischen Entwicklungen in Finnland und Griechenland. Auch in anderen Ländern könnte sich ein ähnlicher politischer Wandel anbahnen. Es ist daher anzunehmen, dass die Europa-Kritik weiter zunehmen wird.

Das Für- und Wider eines EU-Austritts Deutschlands

Die politischen Strömungen spiegeln eine Stimmung wider, die auch die Wirtschaft erfasst. Laut dem neuesten Unternehmensbarometer der Industrie- und Handelskammer (DIHK) zur Europawahl betrachten Firmen die EU zunehmend skeptischer. Eine kritische Haltung gegenüber der EU scheint sich auch in der wirtschaftlichen Landschaft zu etablieren.

Was würde ein EU-Austritt für Deutschland bedeuten? In der Debatte prallen zwei Welten aufeinander: Befürworter des „Dexit" sehen darin die Chance für Deutschland, wieder das Ruder in der eigenen Hand zu halten – gerade in Kernfragen der Rechtsprechung und Einwanderung. Sie malen das Bild eines Landes, das unabhängig agiert, selbstbestimmte Handelsverträge schließt und sich von den finanziellen und regulativen Fesseln der EU befreit, was, so die Hoffnung, zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führt.

Kritiker hingegen warnen, dass ein „Dexit“ zu erheblichen wirtschaftlichen Turbulenzen führen könnte, darunter eine Destabilisierung der Handelsbeziehungen und potenzielle Investitionsrückgänge. Sie betonen, wie sehr Deutschlands Export vom Zugang zum EU-Binnenmarkt abhängt und befürchten den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze sowie Einbrüche im Bruttoinlandsprodukt. Die Finanzmärkte könnten durch diese politischen Unsicherheiten in heftige Schwankungen geraten, was wiederum Kredite und staatliche Finanzierungen verteuern würde. Dies zeigt: Die Frage eines EU-Austritts bleibt eine komplexe Angelegenheit mit weitreichenden Konsequenzen in vielen Bereichen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Welche Funktionen sind 2026 bei Trading-Plattformen wirklich wichtig?

Trading-Plattformen entwickeln sich rasant weiter. Im Jahr 2026 geht es längst nicht mehr nur darum, Wertpapiere oder andere...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktie: Der Chip-Hersteller, dessen Aktienkurs raketenartig gestiegen ist, hat einen hohen Preis
31.07.2026

Intel ist an der Börse wieder auf der Startrampe. Die Intel-Aktie ist seit Jahresbeginn explodiert, die Quartalszahlen überraschten...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Tsuga: Datenseilakt mit Netz und doppeltem Boden
31.07.2026

KI lässt die Datenmengen in Unternehmen explodieren – und stellt bisherige Cloud-Modelle infrage. Tsuga-Gründer Gabriel-James Safar...

DWN
Finanzen
Finanzen Kospi-Index: Wie der KI-Boom Anleger in die Schuldenfalle lockte
31.07.2026

Einige Anleger wollten mit KI-Aktien schnell reich werden, nun kämpfen sie um ihre Ersparnisse. Der Kospi-Index ist nach einer...

DWN
Politik
Politik Zeitfaktor im EU-Prozess: Moldaus Präsidentin Sandu drängt auf zügige Beitrittsverhandlungen
31.07.2026

Im Ringen um den Beitritt zur Europäischen Union fordert Moldau mehr Tempo von den Partnerstaaten. Präsidentin Maia Sandu unterstreicht...

DWN
Politik
Politik FIFA Krise: Infantino gerät wegen Investorenplänen unter Druck - Länder drohen WM mit Boykot
31.07.2026

FIFA-Präsident Gianni Infantino verliert wegen seiner Investorenpläne weiter an Rückhalt. Die UEFA droht mit einem WM-Boykott, Verbände...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schaeffler-Aktie bricht ein: Schwache E-Auto-Aussichten schocken Anleger
31.07.2026

Die Schaeffler-Aktie gerät nach gekappten Mittelfristzielen massiv unter Druck. Der Auto- und Industriezulieferer rechnet wegen der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preisoffensive im Handel: Wie Sie jetzt bei Haushaltswaren und Hörbüchern kräftig sparen können
31.07.2026

Sommerzeit ist Angebotszeit: Während Verbraucher ihre Ausgaben genauer planen, überbieten sich Händler mit attraktiven Preisaktionen....

DWN
Politik
Politik Westen rüstet weiter auf: Nato plant Ausbau der atomaren Abschreckung
31.07.2026

Die Nato bereitet sich auf eine stärkere nukleare Abschreckung in Europa vor. Wegen der Bedrohung durch Russland ist auch die...