Wirtschaft

IWF-Wachstumsprognose 2024: Deutschland bleibt weltweites Schlusslicht

Für Deutschland hat der IWF in seiner neuen Prognose keine guten Nachrichten: Sie dürfte auch 2024 unter allen Industriestaaten am wenigsten wachsen. Die Weltwirtschaft zeigt sich hingegen trotz eines schlechten Umfelds recht widerstandsfähig.
16.04.2024 18:07
Aktualisiert: 18.04.2024 18:07
Lesezeit: 4 min
IWF-Wachstumsprognose 2024: Deutschland bleibt weltweites Schlusslicht
Die neue Wachstumsprognose des IWF verdeutlicht: Deutchland wird nach unten durchgereicht. (Bild: iStock.com, Elif Bayraktar) Foto: Elif Bayraktar

Deutschland bleibt nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds auch 2024 das Sorgenkind der Weltwirtschaft. Der IWF senkte am Dienstag seine Prognose für die deutsche Wirtschaft deutlich, wie die Finanzorganisation in Washington mitteilte. Demnach wird nur noch ein mageres Wachstum von 0,2 Prozent für möglich gehalten. Ende Januar hatte der IWF Deutschland noch ein Plus von 0,5 Prozent zugetraut.

Keine andere große Wirtschaftsnation auf der Welt muss sich mit derart schlechten Werten begnügen. Der IWF verwies zur Begründung unter anderem auf den anhaltend schwachen Konsum. Deutschland war stärker als andere große Volkswirtschaften vom russischen Angriff auf die Ukraine betroffen, der hierzulande zu höheren Energiekosten führte. Langfristig sorgt sich der IWF vor allem um strukturelle Probleme wie den Rückgang der arbeitenden Bevölkerung, den Fachkräftemangel und Hürden bei Investitionen.

Was der IWF nicht erwähnt, aber sicherlich eine große Rolle spielt, ist der schwache Bausektor, wo hohe Baukosten und Zinsen sowie regulatorisches Chaos für gravierende Hemmungen sorgt.

Für die Weltwirtschaft insgesamt verbesserte der Währungsfonds die Prognose hingegen leicht - von 3,1 Prozent auf nun 3,2 Prozent. „Die Weltwirtschaft ist nach wie vor bemerkenswert widerstandsfähig, das Wachstum bleibt stabil, und die Inflation kehrt zum Zielwert zurück“, heißt es.

So blickt der IWF auf Deutschland

Im vergangenen Jahr war die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent geschrumpft, während viele andere Länder in Europa und Übersee deutlich auf Wachstumskurs waren. Für die Bundesrepublik prognostiziert der IWF für das laufende Jahr das schwächste Wachstum aller führenden westlichen G7-Industriestaaten. 2025 traut der IWF Deutschland dann ein Plus von 1,3 Prozent zu. Schlusslicht der G7-Staaten wäre dann Italien mit nur 0,7 Prozent.

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren für Deutschland für das laufende Jahr ein noch schlechteres Wachstum von 0,1 Prozent. Für das kommende Jahr ist der Ausblick mit 1,4 Prozent demnach etwas besser als der des Fonds.

So blickt der IWF auf die Weltwirtschaft

Wie für das laufende Jahr prognostiziert der IWF für die Weltwirtschaft auch für 2025 ein Wachstum von 3,2 Prozent. Trotz vieler „düsterer Vorhersagen“ sei die Welt von einer Rezession verschont geblieben, so IWF-Chefvolkswirt Pierre-Oliver Gourinchas. Dabei habe es in den vergangenen Jahren zahlreiche Herausforderungen gegeben: Unterbrechungen der Lieferketten im Zuge der Coronapandemie, eine weltweite Energie- und Nahrungsmittelkrise wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, einen beträchtlichen Anstieg der Inflation und als Reaktion eine straffe Geldpolitik mit Zinsanhebungen.

Positiv sei, dass die hohe Inflation keine unkontrollierte Lohn-Preis-Spirale ausgelöst habe, so der IWF. Dennoch sei das Weltwirtschaftswachstum historisch schwach. Das gehe etwa auf kurzfristige Faktoren wie die höheren Kosten für Kredite oder auch die weiter anhaltenden Folgen des Kriegs in der Ukraine oder der Pandemie zurück. Angesichts der hohen Staatsverschuldung in vielen Volkswirtschaften könnten Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen die Wirtschaftstätigkeit allerdings weiter schwächen.

USA als „Überperformer“

Die US-Wirtschaft entwickelt sich laut IWF deutlich besser als erwartet. Die Wachstumsprognose für dieses Jahr wurde um 0,6 Prozentpunkte auf 2,7 Prozent nach oben korrigiert. Im kommenden Jahr soll die größte Volkswirtschaft der Welt dann aber nur noch um 1,9 Prozent wachsen (Januarbericht: 1,7 Prozent). Die USA und mehrere Schwellenländer zeigten eine “Überperformance“. Das liege etwa an einer großen privaten Nachfrage und einer guten Lage auf den Arbeitsmärkten.

So sieht es in China und Russland aus

Chinas Wirtschaft werde durch den anhaltenden Abschwung im Immobiliensektor weiter beeinträchtigt, urteilt der IWF. Die Inlandsnachfrage werde noch einige Zeit schwach bleiben, wenn es keine weitreichenden Reformen gebe. Wie im Januar rechnet der IWF in diesem Jahr mit einem Wachstum von 4,6 Prozent und für 2025 mit 4,1 Prozent.

Seine Prognose für Russland hat der Fonds nach oben korrigiert: Im laufenden Jahr sagt der IWF ein Wachstum von 3,2 Prozent (Januarbericht: 2,6 Prozent) voraus, kommendes Jahr sollen es nur noch 1,8 Prozent (Januarbericht: 1,1 Prozent) sein. Dies liege daran, dass „die Auswirkungen der hohen Investitionen und des robusten privaten Verbrauchs, unterstützt durch Lohnzuwächse auf einem angespannten Arbeitsmarkt, verblassen“, so der IWF.

Zuletzt hatten Experten darauf verwiesen, dass die russische Wirtschaft von einem hohen Anteil an Militärausgaben profitiere, was die Produktion anrege. Zudem habe es Sozialtransfers gegeben, die den Konsum ankurbelten. Als problematisch könnte sich aus Sicht von Ökonomen erweisen, dass Russland vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten sei und nur eingeschränkten Zugang zu Technologien habe.

Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat der Westen Russland mit weitreichenden Sanktionen belegt. Russisches Öl, das vorwiegend nach China und Indien exportiert wird, wird aber oberhalb der von den G7-Staaten und der Europäischen Union auferlegten Preisobergrenze von 60 US-Dollar gehandelt. Russland setzt auf eine sogenannte Schattenflotte - also Schiffe, die nicht in der Hand westlicher Reedereien oder auf westliche Versicherungen angewiesen sind.

So entwickeln sich die Verbraucherpreise

Für 2024 rechnet der IWF weltweit mit einer Teuerungsrate von im Schnitt 5,9 Prozent, 0,1 Prozentpunkte mehr als noch im Januar prognostiziert. Im kommenden Jahr soll sie dann bei 4,5 Prozent (Januar: 4,4 Prozent) liegen. Für die Industrienationen hat der IWF deutlich positivere Aussichten mit einer Inflationsrate vom im Schnitt 2 Prozent im kommenden Jahr. „Etwas besorgniserregend ist, dass die Fortschritte bei der Erreichung der Inflationsziele seit Anfang des Jahres etwas ins Stocken geraten sind“, schreibt IWF-Volkswirt Gourinchas. Dies könne ein vorübergehender Rückschlag sein, aber es gebe Gründe, wachsam zu bleiben.

Das macht dem IWF Sorgen

Der Fonds sieht Risiken, die das Wachstum ausbremsen können. Neue Preissteigerungen aufgrund geopolitischer Spannungen könnten zu dauerhaft höheren Leitzinsen führen. Zentralbanken heben im Kampf gegen steigende Verbraucherpreise die Zinsen an, um die Nachfrage auszubremsen. Steigen Zinsen, müssen Privatleute und Wirtschaft mehr für Kredite ausgeben. Das Wachstum nimmt ab, Unternehmen können höhere Preise nicht unbegrenzt weitergeben - und idealerweise sinkt die Inflationsrate.

Der IWF warnt außerdem davor, dass eine zunehmende geopolitische Fragmentierung mit Blick auf Lieferketten sowohl ein geringeres Wachstum als auch eine höhere Inflation zur Folge haben könnten. Gerate das Wachstum in China dauerhaft ins Stocken, könnte das dem Fonds zufolge auch Handelspartner schwächen. Eine beunruhigende Entwicklung sei außerdem die wachsende Kluft zwischen vielen ärmeren Ländern und dem Rest der Welt.

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