Politik

Warum ausgerechnet im Eichsfeld die AfD niemals eine Chance haben wird

Die genauen Wahlergebnisse wird der Landeswahlleiter erst in der Nacht bekanntgeben. Es mag - hie und da - Überraschungen geben. Dass die AfD in Thüringen so stark ist wie sonst nirgendwo im Lande, wird Realität. Aber sicher ist auch, dass es Orte gibt, wo Björn Höckes Rhetorik nicht verfängt. Im Eichsfeld, dort wo man ihn gut kennt, gewinnt die AfD nicht. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten erklären, warum Höcke hier zwar wohnen mag, doch trotzdem fehl am Platze scheint. Sein Direktmandat verpasste er.
01.09.2024 21:09
Aktualisiert: 01.09.2024 21:21
Lesezeit: 4 min

Björn Höcke, der AfD-Chef Thüringens, wohnt und lebt in Bornhagen - unterhalb der Burgruine Hanstein. Der Ort liegt idyllisch im westlichen Teil des Eichsfeldes. Wer diese Gegend immer nur auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Erfurt durchfährt, wird gar nicht wissen, dass der Landkreis in seiner Widerborstigkeit gewissermaßen ein gallisches Dorf ist. Im Eichsfeld begehrten die Katholiken seit Jahrhunderten zunächst gegen Luthers Protestanten auf und zuletzt in DDR-Zeiten gegen die gottlose SED sowie die agnostische Bevölkerung Thüringens. Es scheint da ein Zusammenhang zu bestehen, der jetzt auch der rechten AfD zu schaffen macht.

Wo die Bürger mit den Blauen über Kreuz liegen

Marion Frant (CDU) hat die Landratswahl im Eichsfeld zwar klar per Stichwahl mit 70 zu 30 Prozent gegen den parteilosen AfD-Kandidaten Marcel König gewonnen. Aber der Stachel vom Dornenkranz schmerzt gewaltig. Gesprochen wird in der Kreisstadt Heiligenstadt zwar nicht viel über Höcke und seine Anhänger. Im schmucken Heilbad im Obereichsfeld sagt man nur vieldeutig, dass man „mit den Blauen über Kreuz liegt“, was den Kern in Wirklichkeit besonders gut trifft, wenn man mal den Thesaurus zu Rate zieht.

Bemerkenswert ist, dass es gar nicht vordergründig um einen politischen Dissens geht, der die Eichsfelder immunisiert. „Ein Rezept gegen ,extremistische Kräfte' ist am ehesten so etwas wie ein eigenes Ehrgefühl, sich auch dann noch nicht mit den hier zu erlebenden ungeschlachten Verhaltensweisen gemein zu machen, wenn die darin gerügten Sachverhalte durchaus nachvollziehbar sind“, das sagt Werner Henning (67), zuletzt Heiligenstadts dienstältester Landrat ganz Deutschlands und seit Juli 2024 im Ruhestand.

Er kennt seine Pappenheimer. Henning erklärt die Haltung der Mitbürger: „Die christliche Prägung, besonders im katholischen Format, ist im Sozialverhalten der Eichsfelder auch heute noch bestimmend, ganz ungeachtet einer auch hier schwächer werdenden Kirchenbindung. Aus dieser Haltung erklärt sich eine große Nachfrage nach politischen Angeboten, die der eigenen Haltung einen Rahmen geben.“

Was die Bischofskonferenz sagt, hat hier Gewicht

Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hatte bereits im Winter die Richtung gewiesen. Rechtsextreme Parteien wie die AfD sind nach Auffassung der katholischen Bischöfe Deutschlands für Christen nicht wählbar. Die AfD wurde dabei klar benannt. Zum Abschluss ihres Frühjahrstreffens in Augsburg hatte die Bischofskonferenz eine scharfe Absage „an jede Form von völkischem Nationalismus“ veröffentlicht. Der sei „unvereinbar mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild“.

In der stark von Landwirtschaft und früher vor allem der Tabakverarbeitung geprägten Kulturlandschaft im nordwestlichen Grenzgebiets Thüringens mit den Städten Duderstadt und Dingelstädt geht es um die Moral. Das hilft in der Auseinandersetzung. Man darf politisch anderer Meinung sein, aber die Umgangsformen müssen stimmen.

Bemerkenswert ist, dass es auch in der Oberlausitz Ecken gibt, die genauso ticken. Im serbischen Siedlungsgebiet bei Bautzen etwa, ein weiteres Gebiet, in dem die DDR-Oberen nicht viel zu melden hatten, während ihrer Regentschaft. Sind gläubige Christen immun gegen die Verführung von Populisten und Hetzern? Man ist geneigt, sogleich in die NS-Zeit zurückzudenken und Parallelen zu erkennen. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand hat das Thema erforscht und ist zu folgendem Urteil gekommen: Viele Katholiken standen „den neuen Machthabern distanziert gegenüber“ und „hofften, dass das Konkordat mit dem Vatikan im Juli 1933 die Eigenständigkeit ihrer Kirche sichert“. Seit 1935 verstärkte die NS-Führung ihren „Weltanschauungskampf gegen die katholische Kirche mit einer Diffamierungskampagne gegen Priester und Ordensleute“. Viele Gläubige beugten sich „dem totalitären Herrschaftsanspruch des Nationalsozialismus“ allerdings nicht.

Auch einzelne evangelische Geistliche und Gemeindemitglieder widersetzten sich den Absichten der den Nationalsozialisten nahestehenden „Deutschen Christen“. Sie schlossen sich 1933 im Pfarrer-Notbund zusammen und ab 1934 der Bekennenden Kirche an. Nur wenige Pfarrer nahmen eine grundsätzliche Gegnerschaft zu den Nazis ein. Die Folge: „Sie wurden aus ihren Gemeinden ausgewiesen oder inhaftiert.“ Christen des evangelischen Glaubens, die sich gegen das Regime gewendet hatten, schöpften Kraft aus Glaubensprinzipien, „ohne auf ihre Kirche hoffen zu können“.

Im Sorbenland bei Bautzen ist die Lage ganz ähnlich

Zum Schluss noch ein Vergleich mit dem jüngsten Wahlergebnis der AfD im niedersächsischen Cloppenburg, der gleichfalls als Glaubensbastion und deshalb Hochburg der CDU gilt. Hier holte die Union 47,2 Prozent, während die AfD mit 16, 6 Prozent nur deshalb zweistellig wurden weil fast zehn Prozent dem Bündnis 90/Grüne davongelaufen sind und als Proteststimmen konservativen Oppositionsparteien zufielen.

Auch das untermauert deutlich die These, dass ein gefestigtes Weltbild und moralische Integrität, wie sie in christlich orientierten Kreisen verbreitet ist, sich von der Tonart der AfD eher wenig beeindrucken lassen. Das zeigt womöglich auf, wie die rechtsextremen Partei angreifbar ist: Mit einem Kompass und nicht mit einem Überbietungs-Wettbewerb in destruktiver Rhetorik und Populismus.

Höcke verpasst Direktmandat in Ostthüringen

Björn Höcke hat übrigens (wegen der Ablehnung im Eichsfeld) lange vor der Wahl die persönliche Konsequenz daraus gezogen und ist stattdessen andernorts zur Wahl angetreten. Thüringens umstrittener AfD-Chef hat dennoch das Direktmandat in seinem Wahlkreis in Ostthüringen verpasst, obwohl seine Partei insgesamt ihr bisher bestes Ergebnis in Thüringen erzielt hat. Das gab Thüringens Wahlleiter frühzeitig bekannt.

Der 52-Jährige Höcke erhielt laut vorläufigem Ergebnis 38,9 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Greiz II. Die meisten Stimmen gingen freilich an CDU-Bildungspolitiker Christian Tischner, der 43 Prozent bekam. Björn Höcke hatte lange nach einem aussichtsreichen Wahlkreis gesucht, nachdem er bei der Landtagswahl vor fünf Jahren im katholisch geprägten Thüringer Eichsfeld gegen die CDU verloren hatte. Die Wahlkreissuche für den AfD-Rechtsaußen hatte auch den Hintergrund, dass er bei einem Scheitern als Direktkandidat bei guten AfD-Ergebnissen in anderen Wahlkreisen Gefahr laufen könnte, als Spitzenkandidat nicht in den Landtag zu kommen. Er hat jetzt allerdings noch die Chance, als AfD-Spitzenkandidat über die Parteiliste ins Parlament zu kommen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Microsoft zahlt 6,3 Milliarden Dollar an Steuern in der EU – Deutschland bekommt wenig
01.07.2026

Microsoft zahlt in der EU 6,3 Milliarden US-Dollar Steuern – doch Deutschland erhält davon trotz hoher Umsätze nur einen kleinen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tech-Giganten streichen Tausende von Stellen: Experte glaubt nicht, dass KI den Menschen ersetzen wird
01.07.2026

Oracle hat im Laufe des letzten Jahres 21.000 Mitarbeiter entlassen, während das Unternehmen massiv in künstliche Intelligenz investiert....

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen im Überblick: Chip-Aktien bescheren der Wall Street das beste Quartal seit 2020
30.06.2026

Erfahren Sie, welche Triebkräfte den US-Markt zu neuen Höhen verhalfen und welche Aktien jetzt die Trends setzen.

DWN
Politik
Politik Nato-Abschreckung an der Ostflanke: Neues Hauptquartier
30.06.2026

Macht Europa genug für seine militärische Sicherheit? Deutschland und die Niederlande wollen im Baltikum ein Zeichen für mehr...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fallende Ölpreise und Tankrabatt: Inflation sinkt deutlich
30.06.2026

Die Inflation verliert überraschend an Tempo, weil Ölpreise fallen und der Tankrabatt die Spritkosten drückt. Doch die Entlastung...

DWN
Politik
Politik Arzneimittelpreise: Warum Berlin plötzlich für Amerikas Pillenproblem zahlen soll
30.06.2026

Donald Trump verspricht den Amerikanern billigere Medikamente, doch die Rechnung dafür könnte in Europa landen. Nach Großbritannien...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Monatlich 15.000 Arbeitslose aus der Industrie
30.06.2026

Es geht weiter bergab mit der deutschen Industrie. Tausende von Menschen in der Branche verlieren monatlich ihren Job - ohne Aussicht auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn muss Trassen abgeben
30.06.2026

Die Deutsche Bahn verliert auf wichtigen Fernverkehrsstrecken exklusiven Zugriff auf begehrte Trassen. Die Bundesnetzagentur stärkt neue...