Wirtschaft

Ein neuer China-Schock? Wie neue Exportwellen aus China die deutsche Industrie treffen könnten

Chinas Wirtschaft scheint dieser Tage unberechenbar. Nun könnte ein neuer China-Schock die Kernindustrie Europas bedrohen. Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?
17.09.2024 14:29
Aktualisiert: 17.09.2024 14:29
Lesezeit: 4 min
Ein neuer China-Schock? Wie neue Exportwellen aus China die deutsche Industrie treffen könnten
In Australien hat BYD Tesla bereits als meistverkaufte E-Auto-Marke überholt – eine Entwicklung, die sich auch in Europa abzeichnen könnte. (Foto: dpa) Foto: Matthias Balk

Die negativen Meldungen über Chinas Wirtschaft reißen nicht ab. Von der rückläufigen Geburtenrate und dem drohenden demografischen Kollaps des Landes bis hin zur schwachen Inlandsnachfrage, der Immobilienkrise und den drakonischen Strafzöllen auf seine Exportgüter in den USA— die Zeiten des chinesischen Aufstiegs scheinen seit den quälenden Corona-Jahren zum Stillstand gekommen zu sein. Doch ist das wirklich so?

Einige Ökonomen vermuten, dass ein neuer China-Schock bevorsteht. Ein „China-Schock“ bezeichnet die schlagartige Überschwemmung von Märkten mit günstigen chinesischen Produkten. Der erste Schock dieser Art traf in den frühen 2000er Jahren insbesondere die USA, doch dieses Mal könnten Europas Kernindustrien einen nachhaltigen Schaden davontragen. Denn anders als vor 20 Jahren fokussieren sich die chinesischen Produzenten jetzt auf hochwertige Branchen und setzen auf ein gewachsenes Lieferkettennetzwerk, um ihre Fabrikate in die ganze Welt zu exportieren.

Made in China: Billigware erobert den Westen

Der erste China-Schock erfasste hauptsächlich die USA in den frühen 2000er Jahren. Die schlagartige Überschwemmung des nordamerikanischen Marktes mit billigen Textilien, Unterhaltungselektronik und weiteren Massenwaren Made in China kostet die Vereinigten Staaten bis heute rund 5,7 Millionen Jobs. Europas Volkswirtschaften blieben von dem Schock weitgehend verschont, denn Produkte aus dem Maschinenbau und der Auto- und Chemieindustrie waren zu spezialisiert und zu teuer, um von China ersetzt zu werden. Das sieht indessen anders aus.

Im Vergleich zu den frühen 2000er Jahren könnte ein China-Schock heute Europas Kernindustrie empfindlich treffen. Dieses Mal handelt es sich nämlich um fortgeschrittene Technologien und rare Rohstoffe, die Peking im Westen absetzen möchte. Besonders gefährdet wäre dabei der Wirtschaftsstandort Deutschland, konstatiert der Ökonom Sander Tordoir vom Centre for European Reform. Das liegt seiner Ansicht nach an folgenden Gründen:

Peking hält an der Überproduktion fest

Peking wird attestiert, es könne seine marode Wirtschaft nur auf zwei Arten lösen: durch die Stimulation der Binnennachfrage oder den Absatz seiner Güter im Ausland. Doch dabei wird verkannt, dass letztere Praxis schon lange von der Kommunistischen Partei Chinas favorisiert wird. Seit den 1980er Jahren beruht Chinas Wachstumsmodell laut Tordoir auf chronisch niedrigem Konsum im Inland und einer permanenten Überproduktion von Waren für das Ausland.

Einerseits will China sich zwar unabhängig von ausländischen Importen machen und versucht daher, Kerntechnologien wie Halbleiter, Elektroautos oder KI-Modelle möglichst gut zu kopieren. An seinen Exporten ins Ausland hält das Land aber fest und stützt diese mit massiven Subventionen.

Produkte aus China werden spezieller, besser und günstiger

Angesichts der drohenden Immobilienkrise setzt Xi Jinping alles daran, die Auto-, Chemie-, die Halbleiterindustrie und den Maschinenbau zu fördern. Und das mit Erfolg: So kamen 2,3 Prozent aller weltweiten Exporte des verarbeitenden Gewerbes im Jahr 1991 aus China; 2013 waren es bereits 19 Prozent. Und dieser Trend reißt nicht ab: Allein die Exporte von Fahrzeugen aus China haben sich seit 2020 versechsfacht. Player wie BYD und NIO holen technologisch auf und können westliche Produzenten nicht nur in preislicher, sondern auch in qualitativer Hinsicht herausfordern. In Australien löste BYD bereits Tesla als meistverkaufte E-Auto-Marke ab, eine Entwicklung, die sich auch in Europa wiederholen könnte.

Hinzu kommt, dass China in elementaren Feldern wie der Künstlichen Intelligenz und der Robotik aufholt. Bereits jetzt lässt sich beobachten, wie chinesische Robotikhersteller in den deutschen Markt drängen und dort günstige, hochwertige Produkte absetzen. Auch konnte sich auf Pekings Initiative hin ein solider Markt für Halbleiter entwickeln. Die chinesische Forschung setzt alles daran, hochmoderne NVIDIA-Chips zu ergattern und zu kopieren.

Auch im Bereich der erneuerbaren Energien können die Chinesen aufholen und überholen. Nicht nur sind etwa Windkraftanlagen in der Produktion um 65 % günstiger als in Europa, auch sind sie qualitativ nahezu gleichwertig. Ähnlich sieht es bei PV-Anlagen und Wärmemaschinen wie Wärmepumpen aus; diese werden zunehmend in China hergestellt. Die Zeiten, in denen Länder wie Deutschland als führend in der Entwicklung solcher Technologien galten, sind längst vorbei.

Chinesische Produktionsstätten und Servicenetzwerke werden in Europa ausgebaut

Immer mehr chinesische Produzenten errichten ein Servicenetzwerk auf europäischem Boden und verlagern auch ihre Produktion direkt in die Nähe ihrer westlichen Absatzmärkte, so etwa die Fabriken von BYD und CATL in Ungarn.

Somit entsteht nicht nur ein Produktions-, sondern auch ein hervorragendes Servicenetzwerk in Europa, das sich mit den einheimischen Anbietern messen kann. In Verbindung mit äußerst effizienten Lieferketten werden weitere Hürden abgebaut, die westliche Kunden vormals vom Kauf abhielten.

Washington will Protektionismus, Brüssel nur De-Risking

Washington will einen erneuten China-Schock unbedingt vermeiden und greift deshalb auf rigorose Mittel zurück. Dazu zählen etwa Strafzölle von 100 % auf chinesische E-Autos, um eigene Marken vor Pekings günstigeren und oft gleichwertigen Fahrzeugen zu schützen. Brüssel hingegen fokussiert sich auf das De-Risking, also die Unabhängigkeit von Chinas Marktmacht. Um aber gleichzeitig die eigenen Exporte nach China zu schützen, wird von allzu hohen Strafzöllen abgesehen.

Diese Strategie ist laut Tordoir besonders riskant, da sie Chinas Exporteuren genug Raum böte, die eigenen Produkte günstig in Europa abzusetzen. Sinkende Absatzzahlen zeigen zudem, dass europäische Produkte in China selbst zunehmend verdrängt werden, wie der kometenhafte Aufstieg von BYD zulasten Teslas und VWs deutlich gemacht hat.

Mario Draghi: Ohne Wettbewerbsfähigkeit stirbt Europas Industrie einen langsamen Tod

Lohnt es sich also überhaupt noch, die eigene Kernindustrie zu schützen? The Economist titelte, Europa sollte günstige Güter aus China kaufen, um die Energiewende zu vollziehen und somit wenigstens einen Vorteil aus dem „chinesischen Vorstoß“ zu ziehen. Ökonomen wie Sander Tordoir und Mario Draghi halten dagegen.

So konstatiert Tordoir, mit gezielten Zöllen und Einfuhrbeschränkungen könnte Europa seine Kernindustrien noch beschützen. Insbesondere beschäftigungsintensive Sektoren wie die Autoindustrie und die Windkraft müssten geschützt werden, damit die EU einer kompletten Deindustrialisierung entgehe. Andere Sektoren wie die Solartechnik hingegen seien schon fest in chinesischer Hand und bedürften deshalb keiner schwerwiegenden Zölle. Es sei wichtig zu verstehen, dass China seinen Zugang zum amerikanischen und europäischen Markt nicht aufgeben könne, und dass der Spielraum der EU zum Schutz ihrer Industrien nicht unterschätzt werden dürfe.

Mario Draghi hielt am 9. September eine lang erwartete Rede in Brüssel und forderte, die EU müsse wettbewerbsfähig bleiben, da ihre Industrie sonst in Agonie verfallen werde. Es seien öffentliche und private Investitionen vonnöten, um die EU wettbewerbs- und verteidigungsfähig zu machen, so Draghi. Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank mutmaßte, es seien etwa 800 Milliarden Euro jährlich für die Stärkung von Industrie und Verteidigung vonnöten, was etwa 5 Prozent des BIP der EU entspricht. Zum Vergleich: Der Marshallplan der USA umfasste weniger als 2 Prozent des europäischen BIP.

Ob die EU diese gewaltigen Summen aufbringen will und wird, bleibt aber vorerst ungewiss. Doch ein energisches Handeln scheint besonders dringlich zu sein, denn je angeschlagener Chinas Wirtschaft ist, desto aggressiver wird Peking versuchen, Europas Industrie abzuhängen und den Block mit seinen eigenen Produkten zu überschwemmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Virgil Zólyom

                                                                            ***

Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nachhaltigkeitsberichterstattung: Droht Investoren ein Datenblindflug?
24.02.2026

Weniger Berichtspflichten, weniger Bürokratie, mehr Entlastung für Unternehmen. Doch ausgerechnet bei der...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: Schäden höher als erwartet – Ukraine-Wiederaufbau kostet 500 Milliarden Euro
24.02.2026

Der Ukraine-Krieg hat gewaltige Zerstörungen hinterlassen – mit Folgen für Wirtschaft, Infrastruktur und Millionen Menschen. Eine neue...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Aktien fallen aufgrund von Zollentscheidung und KI-Ängsten
23.02.2026

Die US-Aktienmärkte schlossen am Montag im Minus, während Investoren die Auswirkungen der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur...

DWN
Politik
Politik Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie nah ist der Frieden wirklich?
23.02.2026

Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs ist ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht. Diplomatische Initiativen laufen, doch die Fronten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Globale Konjunkturerholung gewinnt an Breite: Asien stark, Deutschland überrascht
23.02.2026

Immer mehr Indikatoren sprechen dafür, dass die Weltwirtschaft in eine Phase breiterer Erholung eintritt. Die ersten...

DWN
Politik
Politik Tausende Kinder von Sanktionen beim Bürgergeld betroffen
23.02.2026

Immer mehr Familien geraten durch Sanktionen beim Bürgergeld unter Druck – mit spürbaren Folgen für Kinder. Neue Zahlen zeigen eine...

DWN
Politik
Politik Geheimer Deal: Iran einigt sich mit Russland auf Kauf tragbarer Raketensysteme
23.02.2026

Ein geheimer Rüstungsdeal zwischen Iran und Russland sorgt für neue Spannungen im Nahen Osten. Für rund 500 Millionen Euro soll Teheran...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue US-Zölle: Wie riskant ist Trumps Kurs für die Finanzmärkte?
23.02.2026

Donald Trump bringt erneut globale Strafzölle ins Spiel – nur Tage nach einer juristischen Schlappe vor dem Supreme Court. Die Märkte...