Politik

Deutsche Soldaten an Russlands Grenze: Ein Zeichen der Stärke für das Baltikum?

Estland, Lettland und Litauen rüsten auf, auch mit deutscher Hilfe. Kann die Machtdemonstration einen weiteren Konflikt mit Russland verhindern?
06.10.2024 16:03
Lesezeit: 4 min

Am 13. September unterschrieben Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius und der litauische Amtskollege Laurynas Kasčiūnas ein Abkommen zur dauerhaften Stationierung einer deutschen Brigade in Litauen. Rund 5.000 Soldaten sollen im südlichsten der baltischen Länder Präsenz zeigen, Manöver abhalten und das lokale Militär stärken. Bis Ende 2027 sollen die Deutschen in Südwestlitauen, nahe der polnischen Grenze, stationiert und mit eigener Infrastruktur versorgt werden. Nicht nur Panzerhaubitzen 2000 und Leopard-Panzer, auch Kindergärten, Schulen und eigene Geschäfte werden den Bundeswehrangehörigen bereitgestellt.

Ferner ist die Bundeswehr im gesamten Raum involviert, sie trainiert etwa die estnische Luftwaffe und leistet bei Manövern ideelle und materielle Unterstützung. Während die Bundeswehr aber vor allem in Litauen stationiert wird, zeigen kanadische Truppen in Lettland und britische Truppen in Estland vermehrt Präsenz.

Laut Oliver Morwinsky, dem Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Riga, soll die Brigade zugleich abschrecken als auch Stärke gegen Russland demonstrieren, und das langfristig. Doch nicht nur in Litauen, auch in Lettland und Estland engagieren sich westliche Partner für die Aufrüstung des Baltikums. Wieso kommt es ausgerechnet in diesem kleinen Gebiet an der Ostsee mit gerade einmal sechs Millionen Einwohnern zu dieser scheinbar schlagartigen Militarisierung

Der Kampf um das Baltikum: Ein sowjetisches Trauma

Um die Bedeutung des Baltikums für die westlichen NATO-Partner zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Auf dem zugefrorenen Peipussee wurde im Jahr 1242 der Deutsche Orden vernichtend von den Truppen Alexander Newskis geschlagen. Im Nordischen Krieg schlugen Russische Truppen die Schweden bei Narva und schufen die Grundlage für das moderne St. Petersburg, welches bis heute den wichtigsten Zugang Russlands zur Ostsee darstellt.

Auch Napoleons Truppen gelangten über Riga in Richtung Moskau. Im Zweiten Weltkrieg konnten die Achsenmächte hier von Februar bis Juli 1944 feindliche Angriffe abwehren und den sowjetischen Truppen herbe Niederlagen zufügen. Erst als Stalin die Eroberung Narvas zum Ausgangspunkt des Vorstoßes nach Ostpreußen deklarierte, schaffte es die Rote Armee unter immensen Verlusten, sie einzunehmen. Bis heute ist das unscheinbare Gebiet ein Drehpunkt für geostrategische Entscheidungen.

Herzland-Theorie: Wer Osteuropa beherrscht, beherrscht die Welt

Schon im Jahr 1904 erkannte der Geograf Halford Mackinder in seiner „Herzland“-Theorie die Bedeutung des Raumes für Großmächte und deren Widersacher. Wer Osteuropa beherrscht, so Mackinder, beherrscht das Herzland der Welt, Eurasien. Wer Eurasien wiederum beherrscht, beherrscht die ganze Welt. Und die Eroberung Osteuropas setzt die Kontrolle über das Baltikum voraus. Die Osteuropäische Ebene ist nämlich ein flaches, weites Land, das von jeglichen Truppengattungen zügig überrannt werden kann. Die östliche Grenze des Baltikums bildet hier eine natürliche Grenze: Der Fluss Narva, die dunklen Wälder und weitläufige Sümpfe machen das Gebiet beinahe unpassierbar.

Aus Sicht Moskaus handelt es sich also um ein geografisch schwierig einzunehmendes Gebiet direkt in seinem Vorhof. Die NATO plagen hingegen andere Sorgen; als kleine Halbinsel ist das Baltikum schwierig für westliche Truppen zu erreichen, ist es einmal erobert, ragt Russlands Macht tief in Europa hinein und endet erst an der polnischen Grenze in Königsberg. Anthony Lawrence, Leiter des Defence Policy & Strategy Programme in Tallinn, drückt es wie folgt aus: „Die baltischen Staaten sind aus verschiedenen historischen und geografischen Gründen ein verwundbarer Teil der NATO. Es ist eine Art isolierte Halbinsel im Nordosten, die ziemlich schwer zu erreichen ist.“ Aufgrund dieser schwierigen Lage müsse die Ostflanke der NATO in besonderem Maße geschützt werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass Russland die Westbindung der baltischen Staaten ein Dorn im Auge ist. Der NATO-Beitritt aller drei Länder im Jahr 2004 wird entsprechend immer noch als aggressiver Akt des Westens wahrgenommen. Wie die Ukraine galten die drei baltischen Staaten als Pufferzonen zwischen Russland und dem Westen, in denen keine der beiden Mächte Aufrüstung betreiben sollte. Doch indessen sind die autochthonen Bevölkerungen des Baltikums enger an den Westen gerückt.

3 Prozent des BIP für Verteidigung, Bevölkerung unter Waffen: Das Baltikum rüstet auf

Hier holt der Westen nach, was er in der Ukraine versäumte: die Aufstellung eigener Kräfte zur Abschreckung Russlands. Sollten die russischen Truppen in der Ukraine einen aus Moskaus Sicht annehmbaren Sieg erlangen, könnte das Baltikum in nur wenigen Jahren Ziel weiterer Angriffe werden. „Russland versteht nur eine Sprache: die der Macht“, urteilte der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur. Um sicher leben zu können, sei die Aufrüstung Estlands und des gesamten Baltikums unerlässlich.

So zeigt der Reformpolitiker öffentlichkeitswirksam, wie das kleine Land an Russlands Grenze verhältnismäßig zu den größten Unterstützern der Ukraine aufsteigen und gleichzeitig seinen Verteidigungsetat auf 3,4% des BIP erhöhen konnte. Geplant sind 4 Prozent. Das ist viel für ein Land, dessen nominales BIP um ein Drittel niedriger ist als das deutsche. Zudem stellt die Nationalgarde, der Verteidigungsbund „Kaitseeliit“ mit 15.000 Mitgliedern, das Rückgrat der Estnischen Streitkräfte. Ferner gelten vergleichsweise lockere Waffengesetze in Estland, sodass selbst große Teile der Zivilbevölkerung mit Kleinwaffen ausgestattet sind. Man erinnert sich noch lebhaft an die Waldbrüder, baltische Partisanenkämpfer, die nach der Eroberung des Baltikums durch die Sowjetunion Widerstand leisteten. Die mögliche Neuformierung solcher Kämpfer soll Russland möglichst von einer Aggression in diesen Ländern abhalten.

Anders sieht man die Dinge freilich in Russland. Die Aufrüstung des Baltikums provoziere sogar einen weiteren Konflikt mit Russland. So konstatiert der russische Politologe Pavel Klachkov: „Provokationen aus den baltischen Staaten oder Finnland, einst hypothetische Szenarien, scheinen nun wahrscheinlicher. Dazu gehören die Blockade der Schifffahrt im Finnischen Meerbusen oder die Sperrung des Zugangs zur Region Kaliningrad, was zu Vergeltungsmaßnahmen Russlands führen könnte.“ Speerspitze der NATO bildeten laut Klachkov aggressive Attachés wie der estnische Chef des Generalstabs Vahur Karus, der sogar Präventivschläge gegen Russland forderte.

Lettlands Präsident Rinkēvičs: Russland wird NATO „nicht militärisch angreifen“

Ob Russland tatsächlich plant, die mittlerweile stark gerüsteten baltischen Staaten und Finnland anzugreifen, scheint fraglich. Dafür werden zu viele Kräfte in der Ukraine gebunden, zu groß ist der Druck des Globalen Südens, endlich den Konflikt zu beenden. Doch auch hier liegt die Gefahr eines Angriffs, allerdings nicht eines militärischen. So konstatiert Lettlands Präsident Edgars Rinkēvičs, Russland greife die NATO-Länder bereits jetzt mit hybriden Mitteln an, ein klassisch militärischer Angriff sei hingegen unwahrscheinlich. Seit 2018 würde die hybride Kriegsführung vorwiegend im Baltikum verstärkt werden, so Rinkēvičs. Dazu gehörten öffentliche Forderungen, bestimmte Gebiete als „russisch“ zu bezeichnen, aber ebenso Brandanschläge auf Kultureinrichtungen wie das lettische Okkupationsmuseum.

Ähnlich sieht man es bei der jährlichen baltischen Verteidigungskonferenz (ACBD) in Tallinn. So würden russische Spione per Telegram angeworben werden, um Sabotageaktionen zu verüben und „Angst in westlichen Gesellschaften schüren — was schließlich politische Parteien stärkt, die sich gegen eine weitere Ukraineunterstützung aussprechen“, so Indrek Kannik vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und Sicherheit (ICDS) in Estland. Das sei „Terrorismus in Reinform.“

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Virgil Zólyom

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Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

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