Unternehmen

Abwanderung nach Osteuropa: Zughersteller Alstom schließt Werk im sächsischen Görlitz

Die Abwanderung der Industrie geht weiter: Der französische Zugbauer Alstom kündigt die Werk-Schließung an und verlässt Deutschland Richtung Osteuropa. Betroffen ist das 175 Jahre alte Werk im ostsächsischen Görlitz mit 700 Mitarbeitern. Ein Rüstungskonzern will das Alstom-Werk offenbar übernehmen. Werden zukünftig dort Panzer statt Waggon produziert?
04.10.2024 16:01
Lesezeit: 3 min
Abwanderung nach Osteuropa: Zughersteller Alstom schließt Werk im sächsischen Görlitz
Einweihung einer neuen Produktionslinie der Alstom Transportation Germany GmbH: Jetzt wird das Werk in Görlitz wohl 2026 schließen. (Foto: dpa) Foto: Robert Michael

In Ostsachsen wird das Werk des Zugbauers Alstom in rund eineinhalb Jahren geschlossen. Doch auch andere deutsche Standorte sind von den Plänen des französischen Konzerns betroffen.

Zughersteller Alstom schließt Werk in Görlitz

Der französische Zugbauer Alstom hat beschlossen, sein traditionsreiches Werk im ostsächsischen Görlitz bis Ende März 2026 zu schließen. Betroffen sind rund 700 Mitarbeiter. Am Standort wurden 175 Jahre lang Schienenfahrzeuge produziert, unter anderem Doppelstockwagen für Israel, jetzt soll die Produktion nicht mehr in Deutschland, sondern in Osteuropa weitergehen. Alstom begründet die Schließung mit einer „strategischen Verlagerung von Rohbauarbeiten nach Osteuropa“.

Deutsche Standorte sollen umstrukturiert werden

Mit Blick auf den 175 Jahre alten Standort im ostsächsischen Görlitz hieß es, dass „fortgeschrittene vertrauliche Gespräche mit einem industriellen Partner über ein mögliches Engagement am Standort“ liefen. Ziel sei, insbesondere für die Industriearbeitsplätze eine nachhaltige Perspektive zu schaffen. Derlei Pläne sind schon länger bekannt, nun machte Alstom Details zur geplanten Umstrukturierung öffentlich. Die Maßnahme sei Teil einer umfassenden Neuausrichtung.

Der Konzern spricht von einer „Spezialisierung der deutschen Standorte“. Neben Görlitz sind auch die Werke in Hennigsdorf, Kassel und Mannheim von den Plänen betroffen.

Hoffnungsschimmer für Angestellte?

Am Standort Hennigsdorf sollen den Alstom-Plänen zufolge keine neuen Fahrzeuge mehr gebaut werden, laufende Projekte sollen an die Standorte Bautzen und Salzgitter verlagert werden. Hennigsdorf in Brandenburg soll stattdessen „zum Schlüsselstandort für die zentralen Wachstumsbereiche Digitalisierung und Service ausgebaut werden“. Das Service-Geschäft – also etwa Reparatur und Wartung – von den Standorten Görlitz, Mannheim und Kassel soll dort gebündelt werden. Das Arbeitsvolumen am Standort Hennigsdorf solle nicht sinken.

Mannheim soll sich den Angaben zufolge auf die Wachstumsbereiche Digitalisierung und Entwicklung konzentrieren. Ein Werksgebäude solle verkauft werden. Die Entwicklungsarbeiten und das Projektmanagement für alternative Antriebstechnik sollten nach Frankreich verlagert werden. Kassel bleibt den Plänen nach Produktionsstandort.

Betriebsrat warnt vor Verlagerung

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, René Straube, bezeichnete die Alstom-Entscheidung als „ganz bitter“. „Ich finde das unglaublich tragisch“, sagte Straube, der auch Betriebsratsvorsitzender für den Standort Görlitz ist, der DPA. Er warnte vor Qualitätsverlusten aufgrund der Verlagerung ins Ausland. Bislang werden in Görlitz unter anderem Doppelstockwagen für Israel produziert. Die Hoffnung aus Teilen der Belegschaft, dass dieser Auftrag in Görlitz erweitert wird, hat sich offenbar nicht realisiert.

Rüstungskonzern an Alstom-Werk Görlitz interessiert?

Nach Informationen von MDR INVESTIGATIV interessiert sich der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS als potenzieller Investor für das Görlitzer Alstom-Werk. Nachdem die Konzernleitung des französischen Schienenfahrzeugherstellers Ende Juli auf einer Mitarbeitendenversammlung bekannt gegeben hatte, dass das Görlitzer Alstom-Werk verkauft werden soll, hieß es zunächst, dass es mehrere Interessenten aus dem Bereich Maschinenbau für das Werk gebe.

KNDS ist MDR-Informationen zufolge auf der Suche nach Produktionsstätten für seinen Radschützenpanzer Boxer und an den Hallen des Alstom-Produktionsstandortes Görlitz und Teilen der Belegschaft interessiert. Der Alstom-Konzern hat gegenüber dem MDR bisher nur Gespräche mit einem industriellen Partner bestätigt. Mit dem Hinweis auf Vertraulichkeit nannte er aber keine Namen. Ziel sei es, eine nachhaltige Perspektive für die Industriearbeitsplätze am Standort Görlitz zu schaffen.

KNDS baut Radschützenpanzer Boxer

Zu den Abnehmern des Radschützenpanzers Boxer gehört die Bundeswehr, die demnächst die Beschaffung von bis zu 150 Exemplaren beschließen will. In der Ukraine hat KNDS eine Tochterfirma eröffnet. Diese soll die ukrainische Industrie befähigen, Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten an den Kampfpanzern, Flakpanzern, Panzerhaubitzen, Lkw-Artillerie und Spähpanzern selbst durchzuführen und so die Verfügbarkeit für den Einsatz deutlich zu erhöhen.

Auch wenn die Zukunft der Schienenfahrzeug-Produktion letztendlich eine privatwirtschaftliche Entscheidung sei, habe man in den vergangenen Jahren immer wieder gemeinsam für die Arbeitsplätze in Görlitz kämpfen müssen, erklärte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) am Mittwoch. Das werde man auch weiterhin tun, „zusammen mit dem Betriebsrat, der Gewerkschaft und mit allen, die unterstützen können“.

Der Rüstungskonzern KNDS ging aus dem Zusammenschluss von Krauss-Maffei Wegmann und Nexter hervor, zwei der führenden europäischen Hersteller militärischer Landsysteme mit Sitzen in Deutschland und Frankreich. Heute hat KNDS seinen Sitz in Amsterdam. Der Konzern beschäftigt rund 9.500 Mitarbeiter und wies 2023 einen Umsatz von 3,3 Mrd. Euro sowie Auftragseingänge von 7,8 Mrd. Euro aus. (Quelle: KNDS)

 

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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