Technologie

Zeitenwende? Google will seine KI mit eigener Atomkraft füttern

Google und Microsoft rüsten ihre KIs mit Atomkraft auf. Denn die künstlichen Intelligenzen (KI) benötigen immer mehr Strom. Google will sogar eigens modulare Reaktoren bauen lassen, die anstelle von Wasser mit geschmolzenem Salz gekühlt werden.
17.10.2024 19:41
Lesezeit: 4 min

Ist das die Atomkraft-Zeitenwende? Mittlerweile lassen private Konzerne wie Google und Microsoft eigens Atomkraftwerke bauen oder nehmen stillgelegte Reaktoren wieder ans Netz, um ihre künstlichen Intelligenzen (KI) mit Energie zu versorgen. Braucht Deutschland doch eigene Atomkraft, um heil durch die ganzen Dauerkrisen zu kommen, von der Wirtschaftskrise über die Energiekrise bis hin zur Klimakrise? Die CDU sagt ja, die Grünen sagen nein, die Mehrheit der Deutschen (51,6 Prozent) hielt im April laut einer Umfrage des Vergleichsportals Verivox den Ausstieg aus der Atomkraft rückblickend für einen Fehler, 28,4 Prozent standen hinter dieser Entscheidung. 20 Prozent waren unentschieden.

Der Strombedarf der Welt steigt. KIs wie Google Gemini und ChatGPT verbrauchen Unmengen an Saft. Google und Microsoft setzen nun auf Atomkraft, um ihre energiehungrigen Programme zu füttern. Doch die Entwicklung geht gerade erst los – noch sind die KI-Assistenten immer noch am Lernen. Sie stolpern wie neugierige Kleinkinder durch das Netz, saugen alles auf, was ihnen begegnet, ziehen ihre eigenen Schlüsse und werden teilweise noch streng an die Kandare genommen von Mama Microsoft und Papa Google. Was aber, wenn sie in einigen Jahren groß werden? Wie viel Energie werden sie dann benötigen? Und wird die KI dann Amok laufen und uns alle killen? Fragen, auf die es noch keine Antwort gibt.

Sechs bis sieben Atomkraftwerke für Google

Google jedenfalls sorgt vor und will ab 2030 Energie aus neuartigen kleinen Reaktoren des Entwicklers Kairos Power einkaufen. Bis spätestens 2035 sollen die Reaktoren eine Leistung von 500 Megawatt erreichen und liefern können, wie das Unternehmen laut eigenen Angaben mit Kairos Power als Zielmarke vereinbart hat. Es gehe um sechs oder sieben Kraftwerke, sagte Google-Manager Michael Terrell der „Financial Times“. Es sei noch offen, ob Strom aus den Reaktoren ins Netz gehen solle oder ob sie direkt mit den Rechenzentren verbunden werden. Unklar blieben auch finanzielle Details des Deals – sowie ob Google den Bau der Kraftwerke mitfinanzieren oder nur Strom nach der Fertigstellung beziehen will.

Eine Besonderheit der kompakten modularen Reaktoren von Kairos ist, dass sie nicht mit Wasser, sondern mit geschmolzenen Fluorid-Salzen gekühlt werden. Das Unternehmen betont, dass seine Konstruktion allein schon dadurch sicherer als herkömmliche Reaktoren sei, dass die Kühlflüssigkeit nicht verkoche. Im vergangenen Jahr bekam Kairos die Genehmigung zum Bau eines ersten Testreaktors im US-Bundesstaat Tennessee. Es gibt also noch keinen funktionierenden Reaktor dieser Art.

Klimaversprechen kollidieren mit stromhungriger KI

Die großen Tech-Konzerne verpflichteten sich zum klimaneutralen Wirtschaften und griffen in den vergangenen Jahren immer stärker auf erneuerbare Energien zurück. Doch dann kam der KI-Boom. So will Google zum Jahr 2030 unterm Strich klimaneutral sein. Zum Erreichen solcher Ziele wird der CO2-Ausstoß durch Gegenmaßnahmen wie das Pflanzen von Bäumen ausgeglichen. Im vergangenen Jahr lag der Anteil CO2-freier Energie im Verbrauch von Googles Rechenzentren und Büros bei 64 Prozent. Unterdessen stiegen die CO2-Emissionen des Konzerns binnen eines Jahres um 13 Prozent. Google versucht, mit Rückenwind seiner Suchmaschinen-Dominanz eine Vorreiter-Rolle beim Einsatz von KI zu übernehmen.

Auch Microsoft setzte sich ehrgeizige Klimaziele. So kündigte der Windows-Konzern Anfang 2020 an, bis zum Jahr 2030 seine CO2-Emissionen mehr als auszugleichen. Bis 2050, so versprach es Microsoft, solle sogar der gesamte Kohlendioxid-Ausstoß des Unternehmens seit der Firmengründung bereinigt werden. Microsoft verbündete sich in den vergangenen Jahren mit dem ChatGPT-Erfinder OpenAI und integriert die Technologie hinter dem Chatbot in praktisch alle seine Produkte. Experten der Bank Goldman Sachs verwiesen in einer Analyse auf Schätzungen, wonach eine Anfrage bei ChatGPT sechs bis zehn Mal mehr Energie verbrauchen könne als eine klassische Google-Suche. Laut Google selbst verbraucht eine Suchanfrage etwa 0,0003 kWh - 20 Mal googeln benötigt etwa soviel Strom wie eine Taschenlampe in einer Stunde. Mit all seinen Diensten wie Google Maps, YouTube oder Google Drive ist der Stromverbrauch von Google insgesamt höher als der Stromverbrauch einzelner Städte und Länder. Laut Google selbst verbraucht eine Suchanfrage etwa 0,0003 kWh. Mit all seinen Diensten wie Google Maps, YouTube oder Google Drive ist der Stromverbrauch von Google insgesamt höher als der Stromverbrauch einzelner Städte und Länder.

Ein eigener Atomreaktor für Microsoft

Um seine Klimaziele nicht zu gefährden, setzt auch Microsoft auf Atomkraft – aus einer Anlage mit Vorgeschichte. Ein Reaktor im stillgelegten US-Atomkraftwerk Three Mile Island wird wieder hochgefahren, um Strom für Rechenzentren von Microsoft zu liefern. Der Software-Riese sagte zu, die produzierte Energie 20 Jahre lang abzunehmen, wie die Betreiberfirma Constellation Energy mitteilte. Der Reaktor hat eine jährliche Leistung von gut 800 Megawatt. Es wäre das erste Mal, dass ein stillgelegtes Atomkraftwerk in den USA wieder ans Netz geht. Constellation-Chef Joe Dominquez sagte Bloomberg, die Anlage könne 2027 wieder laufen, wenn bis dahin die Einspeisung ins Stromnetz geklärt werde. Der Konzern hatte den Reaktor 2019 mit der Begründung stillgelegt, dass dessen Betrieb unwirtschaftlich geworden sei.

Im anderen Reaktor von Three Mile Island war es 1979 zu einem Unfall mit einer teilweisen Kernschmelze gekommen. Die Strahlung der radioaktiven Wolke wurde noch mehrere hundert Kilometer vom Unglücksort entfernt gemessen, mehr als 200 000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Der Zwischenfall gilt bis heute als der folgenschwerste in der kommerziellen Nutzung von Atomenergie in den USA.

Kalkulierte Risiken eingehen

Und das Fazit? Die Welt braucht immer mehr Energie, gleichzeitig soll weniger CO₂ in die Atmosphäre geblasen werden. Für viele ist Atomkraft die Lösung. Befürworter verweisen auf den geringen CO₂-Ausstoß und neue Entwicklungen in der Forschung, Gegner auf die Gefahren und versteckten Kosten durch Bau, Wartung und Endlagerung. Ähnliche Argumente hört man übrigens bezüglich der Risiken und Chancen künstlicher Intelligenz: Für die einen ist sie das Allheilmittel, das alle Probleme der Menschheit lösen soll, für die anderen vernichtet sie nicht nur Jobs, sondern auch irgendwann uns und lässt sich dann nicht mehr stoppen, Stichwort Singularität. Sollen wir Technologien dieser Art also fürchten oder verehren? Oder schlichtweg so gut nutzen, wie wir können, ohne zu viel kaputtzumachen – also kalkulierte Risiken eingehen? Klar ist: Wenn wir als Staat das nicht machen, machen es Konzerne irgendwo anders.

Die Debatte über Atomkraft in Deutschland ist noch nicht vorüber. Sie geht gerade erst richtig los. Und dürfte im Wahlkampf für die Bundestagswahl 2025 eine essenzielle Rolle spielen.

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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