Politik

AfD-Brandmauer in Sachsen soll weg: CDU-Widerstand gegen BSW-Bündnis

Die CDU Sachsen arbeitet mit dem BSW zusammen – dagegen regt sich Widerstand in der Union: Frühere Parteigrößen und Repräsentanten der friedlichen Revolution von 1989 fordern statt einer Brombeer-Koalition eine CDU-Minderheitsregierung. In einem offenen Brief kritisieren sie vor allem BSW-Parteigründerin Sahra Wagenknecht. Ihr Vorwurf: Die Partei fange sich den „Betonflügel der SED“ ein.
22.10.2024 14:00
Lesezeit: 3 min

Innerhalb der Union wächst der Widerstand gegen eine Regierungsbildung mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Ein offener Brief liegt vor, der von neun CDU-Politikern unterzeichnet wurde. Darin heißt es, man lehne eine solche Koalition ab und fordere die CDU Sachsen dazu auf, nach den Regularien der sächsischen Verfassung eine CDU-Minderheitsregierung anzustreben.

Kritik an Kretschmers „Brandmauer“ geht weiter

Zuvor hatten CDU, BSW und SPD sich auf eine Verhandlungsgrundlage geeinigt. Als Partner einer möglichen Brombeer-Koalition legten sie ein gemeinsames Papier vor. Auf der Grundlage sollen nun die Partei-Vorstände über die Aufnahme von Sondierungsverhandlungen entscheiden. Dabei sind Vorschläge zur Einigung in Bereichen wie Asyl-Gesundheit, Finanz- aber auch Schulpolitik aufgezeigt.

Im Vorfeld hatten sächsische CDU-Mitglieder einen Monat nach der Landtagswahl bereits in einem ersten offenen Brief gefordert, die Brandmauer gegen die AfD fallen zu lassen. Darunter ein ehemaliger sächsischer Staatsminister, Landräte, Bundestags- und Landtagsabgeordnete sowie ein früherer CDU-Generalsekretär. Ministerpräsident Kretschmer ist nicht auf die Forderung nach Gesprächen mit der AfD eingegangen. Jetzt folgt der zweite offene Brief weiterer CDU-Politiker gegen eine „Brombeer-Koalition“.

CDU-Widerstand gegen BSW-Bündnis in Sachsen

Innerhalb weniger Tage hat sich erneut eine Gruppe von bekannten CDU-Politikern kritisch zu den Verhandlungen mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht über ein mögliches neues Regierungsbündnis in Sachsen zu Wort gemeldet: Die Unterzeichner des offenen Briefes werfen Sahra Wagenknecht, der Vorsitzenden und Namensgeberin des Bündnisses, vor, die friedliche Revolution von 1989 als „Konterrevolution“ betrachtet zu haben und ihre politischen Wurzeln in den kommunistischen Idealen von Ulbricht und Stalin zu sehen.

So habe Wagenknecht in den „Weißenseer Blättern“ unter dem Titel „Marxismus und Opportunismus – Kämpfe in der Sozialistischen Bewegung gestern und heute“ 1992 geschrieben: „Die Geschehnisse jenes Zeitabschnitts gaben Lenin und den Bolschewiki das unzweifelhafte historische Recht, ihr politisches Konzept als das einzig gangbare zu betrachten“.

„Anschlag auf Fundamente der Bundesrepublik“

Außerdem: „Nicht zu leugnen ist, dass Stalins Politik – … wohl auch in ihrer Herangehensweise – als prinzipientreue Fortführung der Leninschen gelten kann“. Ferner: „Was immer man … gegen die Stalin-Zeit vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung, sondern die Entwicklung eines über Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Gesellschaft“.

Wagenknecht habe diese Ausführungen als mündige und erwachsene Frau getroffen, so die CDU-Initiatoren des offenen Briefs. Auch wenn sie diese Positionen in letzter Zeit nicht wiederholt habe, so ist sie deren Geist jedoch stets treu geblieben. Auch deshalb kommen die CDU-Politiker zu dem Schluss:

„Mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht und einer Neobolschewistin als Galionsfigur fängt sich die sächsische CDU den Betonflügel der früheren SED ein, dem die verbliebene Linkspartei zu westlich und zu demokratisch geworden ist. Die heute vertretene Programmatik der Wagenknecht-Partei ist ein Anschlag auf die Westintegration und die Soziale Marktwirtschaft und damit auf die politischen Fundamente der Bundesrepublik Deutschland.“

Die Autoren sehen zudem die Gefahr, dass eine Zusammenarbeit mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht die CDU Sachsen in eine ideologische Abhängigkeit bringen könnte, ähnlich der früheren Zugehörigkeit zum sogenannten „Demokratischen Block“ in der DDR – „aber diesmal freiwillig aus reinem Opportunismus und ohne den Druck von Sowjetpanzern, KGB-Kerkern und Genickschüssen.“

Zweierlei Maß im Umgang mit Rechts- und Linksparteien

Auch wird kritisiert, dass die CDU im Umgang mit Rechts- und Linksparteien mit zweierlei Maß messe. „Während viele Linkspartei-Wähler zum BSW überliefen, wählte ein großer Teil unserer früheren Wähler die AfD. Mit einer vergleichenden Analyse, aus der hervorgeht, was die AfD so viel gefährlicher macht als das BSW, sodass sich ihr gegenüber eine Brandmauer der Ausgrenzung erforderlich macht, während andererseits Pilgerfahrten an den Hof von Frau Wagenknecht stattfinden, ist die CDU bisher nicht hervorgetreten“, heißt es in dem Schreiben.

Und: „Eine Mauer gebaut und 17 Millionen Menschen darin fast dreißig Jahre lang eingesperrt hat die AfD jedenfalls nicht.“ Mit Brandmauern werde man Wähler gewiss nicht zurückgewinnen. „Im Gegenteil: Wer Wählern, die seit Jahren von Wahl zu Wahl immer stärker gegen eine allgegenwärtige linke Bevormundung aufbäumen, als Konsequenz eine immer linkere Regierung präsentiert, der verhöhnt deren politischen Willen und untergräbt deren Vertrauen in die Demokratie.“

Forderung: CDU-Minderheitsregierung statt „Brombeer-Koalition“

Bei den Landtagswahlen in Sachsen im September schnitt die CDU als stärkste Partei ab und holte 31,9 Prozent der Stimmen – dicht gefolgt von der AfD mit 30,6 Prozent der Stimmen. Der große Wahlsieger war das Bündnis Sahra Wagenknecht, das aus dem Stand 11,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Da die CDU eine Zusammenarbeit mit der AfD prinzipiell ausschließt, muss sie Mehrheiten links der Mitte finden. Deshalb sondierten Politiker von CDU, SPD und des linkspopulistischen Bündnisses Sahra Wagenknecht die Möglichkeiten einer sogenannten „Brombeer-Koalition“.

Der Ausgang ist dabei ungewiss – ein relevanter Teil der CDU aber spricht sich gegen eine solche Regierung aus. Der Brief ist unterzeichnet von Dr. Matthias Rößler, Arnold Vaatz, dem ehemaligen Dresdener Oberbürgermeister Dr. Herbert Wagner, Manfred Kolbe, Gerhard Gey, Volker Schimpff, Volker Bandmann, Frank Kupfer und Angelika Pfeiffer.

Die Initiatoren des Vorstoßes sind einstige langjährige Bundestagsabgeordnete, Staatsminister, Landtagspräsidenten und Bürgermeister. Ihre Stimme dürfte Gewicht habe.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Finanzen
Finanzen Greg Abel vor Bewährungsprobe: Anleger prüfen Berkshire Hathaway-Aktie
17.05.2026

Die Berkshire Hathaway-Aktie steht nach dem Machtwechsel von Warren Buffett zu Greg Abel vor einer neuen Vertrauensprobe. Kann der Konzern...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Kommission pocht auf Reformen bei ARD und ZDF
17.05.2026

Gehälterdeckel, Beitragsbremse, mehr Sparsamkeit: Eine Enquete-Kommission in Sachsen-Anhalt hat vor der Landtagswahl ehrgeizige Pläne...

DWN
Finanzen
Finanzen Trauringe aus Gold: Nachhaltig und fair Gold kaufen
17.05.2026

Viele Paare wünschen sich Trauringe aus Gold - möglichst hochwertig und langlebig. Doch die Herkunft des Edelmetalls spielt eine...

DWN
Panorama
Panorama Deutsche Bahn startet günstiges Familienticket für Sommerreisen
17.05.2026

Mit einem neuen Familienticket will die Deutsche Bahn Familien in den Sommerferien entlasten. Für unter 100 Euro sind Hin- und...

DWN
Immobilien
Immobilien Marode Gebäude und Brücken: Sanierungsstau in Berlin erreicht neue Dimensionen
17.05.2026

Von der Technischen Universität bis zum Schloss Bellevue: In Berlin häufen sich gravierende Baumängel und kostspielige...

DWN
Technologie
Technologie KI-Arbeitswelt: Wie Algorithmen den Menschen zur Restgröße machen
17.05.2026

Künstliche Intelligenz verspricht Entlastung, Effizienz und neue Chancen. Doch in der KI-Arbeitswelt zeigt sich eine andere Realität:...

DWN
Finanzen
Finanzen Eurokurs schwächelt weiter: Warum Währungsschwankungen für Unternehmen teuer werden
17.05.2026

Der Eurokurs steht seit vielen Monaten unter Druck – und für Unternehmen kann das langsam zum Problem werden. Zwischen geopolitischen...

DWN
Panorama
Panorama Trügerische Sicherheit: Warum Ihr Lieblingspasswort eine Gefahr ist
16.05.2026

Die meisten Internetnutzer wiegen sich in Sicherheit, während sie Hackern die Tür sperrangelweit offen stehen lassen. Obwohl die...