Unternehmen

Deutschland gehen die Handwerker aus: Tausende Stellen unbesetzt

Krisenfester Job in der Krise: Obwohl sich junge Menschen am Anfang für eine Karriere im Handwerk interessieren, entscheiden sie sich oft für andere Berufe. Das belegt eine aktuelle Umfrage: Nur 10 Prozent bleiben beim Handwerk. „In zehn Jahren wird man keinen Handwerker mehr bekommen. Das sollte uns Sorgen machen“ warnt Stepstone-Chef Sebastian Dettmers. Stirbt das Handwerk aus?
30.10.2024 18:29
Lesezeit: 3 min

Der Fachkräftemangel weitet sich aus: Was aktuell seit der Corona-Krise in Deutschlands Cafés und Restaurants passiert, liefert einen Vorgeschmack auf das, was bald auch mit Handwerkern passiert, sagt Stepstone-Chef Sebastian Dettmers bei ntv.

Zukünftig fallen fünf Millionen Arbeitskräfte weg

Für die Menschen in Deutschland könnte sich ein Ärgernis bald deutlich ausweiten: Als die Gastronomen ihre Restaurants und Cafés nach der Corona-Pandemie wieder öffneten, fanden sie kaum Personal. Ehemalige Angestellte sind in andere Berufe abgewandert. Deutlich weniger neue Interessenten kamen nach. Also schlossen viele Gasthäuser oder verkürzten ihre Öffnungszeiten. Ein ähnliches Schicksal droht bald laut Dettmers auch den Handwerkern.

Hintergrund der Vorhersage ist die alternde Gesellschaft. In den nächsten zehn Jahren gehen in Deutschland rund fünf Millionen Menschen mehr in den Ruhestand als in den Arbeitsmarkt nachrücken. Die gleiche Arbeit muss also von deutlich weniger Leuten erledigt werden. Fallen nun noch mehr Angestellte weg, drohe sich die Personalnot auszuweiten. In zehn Jahren werden die Menschen in Deutschland „keinen Handwerker oder Pflegekraft mehr bekommen“, sagt Dettmers.

Hinzukommt, dass es schon längst ein Fachkräftemangel in den Handwerksbetrieben gibt und nicht genügend Nachwuchs nachkommt.

Handwerker gesucht: Stirbt das Handwerk aus?

Dem Handwerk fehlen nach einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bundesweit 113.000 Fachkräfte. Besonders würden Fachkräfte für Bauelektrik und Kfz-Technik gesucht, berichtete das IW. Zuletzt seien es rund 18.300 Stellen für Bauelektriker und 16.300 für Kfz-Techniker gewesen, für die es rechnerisch keinen passend qualifizierten Arbeitssuchenden gegeben habe. Die Fachkräftelücke im Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik liege bei 12.200 Stellen.

Zwar steige die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in diesen Berufen langsam an, doch der Bedarf der Unternehmen wachse schneller, so das IW. „Die Lücke wird deshalb von Jahr zu Jahr größer“, erklärte Studienautorin Lydia Malin.

Wo bleibt der Handwerker-Nachwuchs?

Bei der Berufsauswahl wird das Handwerk bei den jungen Menschen zunächst in Betracht gezogen. Aber am Ende entscheidet sich die Mehrheit dann für einen anderen Beruf. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Consult) im Auftrag des Sanierungsunternehmens Isotec.

Nur 10 Prozent bleiben im Handwerk

Demnach ergab die Umfrage, dass sich 29,4 Prozent der Befragten eine Karriere im Handwerk durchaus vorstellen könnten. Unentschlossen sind neun Prozent. Doch nur jeder Zehnte wird am Ende tatsächlich im Handwerk tätig. Dies zeigt die deutliche Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung und dem tatsächlichen Verhalten. „Jugendliche sehen also durchaus, dass Handwerksberufe eine sinnvolle und erfüllende Tätigkeit sind“, betont Isotec-Marketingleiter Marcel Kluge, der die Erarbeitung des Handwerkskompasses begleitet hat.

Warum doch keine Karriere als Handwerker?

Seiner Meinung nach sind es Informationsdefizite, warum sich die Jugendlichen doch für einen anderen Beruf entscheiden. Kaum einer weiß, wie es um die Verdienstmöglichkeiten und Karrierechancen im Handwerk bestellt ist. Ein weiteres Problem ist die Anerkennung des Handwerks in der Gesellschaft. Das erfordert ein Umdenken, um Nachwuchskräfte für das Handwerk zu gewinnen. „Der Stolz der Handwerker auf ihre Leistung, auf das Ergebnis ihrer Arbeit, muss stärker kommuniziert, das Ergebnis ihrer Leistungen und ihrer Arbeit für die Gesellschaft neu herausgestellt werden“, empfiehlt Kluge.

Handwerk greifbar und attraktiver machen

Der „Isotec-Handwerkskompass“ betrachtet es als gemeinsame Aufgabe, Schwachstellen zu benennen und Lösungsvorschläge zu bieten: Denn um junge Menschen für den Handwerksberuf zu gewinnen, müssen unterschiedliche Personengruppen angesprochen werden. Das sind die jungen Menschen vor der Berufswahl, aber auch die Arbeitnehmer, die mit ihrem jetzigen Job unzufrieden sind. Helfen können aber auch Politiker, die als Botschafter tätig werden müssen. Letztendlich ist jeder davon betroffen, ob Handwerker vorhanden sind oder nicht.

„Bereits Kinder sollten schon erfahren, dass ihr Kindergarten von Handwerkern gebaut wurde. Wie wäre es in diesem Zusammenhang mit Handwerkspraxistagen im Kindergarten oder in der Grundschule?“, so Marketingexperte Marcel Kluge.

Praxisnahe Kommunikation auf allen Kanälen

Zudem nehmen einzelne Handwerker auf ihren Social-Media-Kanälen ihre Follower mit in den Berufsalltag und ermöglichen damit einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeit und ihre beruflichen Möglichkeiten. Auf Instagram versammelt zum Beispiel eine Maurermeisterin fast 1 Mio. Follower, die sie mit auf ihre Baustellen nimmt und dort kurzweilig von ihrem Arbeitsalltag berichtet. Oder Sandra Hunke, Anlagenmechanikerin und bekannte Handwerker-Influencerin mit 600.000 Follower auf Social-Media, wo sie erfolgreich mit dem verstaubten Image aufräumt.

So erhalten Jugendliche vor der Berufswahl, Menschen, die sich beruflich neu orientieren wollen, aber auch Kunden authentische Einblicke in den Praxisalltag eines Handwerkers oder einer Handwerkerin.

Doch es ist auch wichtig unattraktive Umstände offen zu benennen: Unattraktive Arbeitszeiten, Bürokratie, schwierige Rahmenbedingungen, veraltete Betriebsstrukturen und Führungsmethoden: Hier gilt es, Best-Practice-Beispiele proaktiv zu kommunizieren, ganz nach dem Motto: „Wir hatten dieses Problem in unserem Betrieb und haben es wie folgt gelöst.“

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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