Unternehmen

Schluss mit Just-in-Time: Warum Lagerhaltung ein Comeback feiert

Just in time war der Kern weltweiter Wertschöpfungsketten: ohne Lagerhaltung produzieren, aber pünktlich liefern. Das funktioniert nicht mehr. Krisen, Personal- und Teilemangel bremsen vielerorts die Produktion. Unternehmen setzen deshalb wieder auf Lagerhaltung.
30.12.2024 10:54
Aktualisiert: 30.12.2024 11:02
Lesezeit: 4 min
Schluss mit Just-in-Time: Warum Lagerhaltung ein Comeback feiert
Die Blockade der Ever Given im Suezkanal 2021: Symbol für die fragilen globalen Lieferketten und die Schwächen des Just-in-Time-Prinzips. (Foto: dpa) Foto: Bodo Marks

Als am Morgen des 23. März 2021 die „Ever Given“ im Suezkanal auf Grund läuft, blockiert das mit 18.300 Containern beladene Schiff sechs Tage lang eine der wichtigsten Transportrouten von Asien nach Europa. In der Folge stauten sich mehr als 370 Frachtschiffe in diesem Nadelöhr des Welthandels. Das führte zu einer Überlastung der europäischen Seehäfen, die in der Lage sind, gigantische Containerschiffe wie die „Ever Given“ zu entladen. Es kam zu einer Verknappung wichtiger Vorprodukte und Bauteile, die nach Deutschland importiert und dort weiterverarbeitet werden sollten.

Wenn Just-in-Time zum Stillstand führt

Vorfälle wie diese zeigen, wie anfällig die globalen Lieferketten auch nach dem Ende der Corona-Pandemie sind - und dass das Just-in-time-Prinzip (JiT) nicht mehr funktioniert. Das vor Corona jahrzehntelang perfektionierte Just-in-time-Prinzip besagt, dass Unternehmen Material und Vorprodukte so bestellen, dass die Produkte genau dann zur Verfügung stehen, wenn der Kunde sie bestellt. Dadurch können Firmen bei der eigenen Lagerhaltung Kosten sparen. Allerdings funktioniert das Prinzip nur, wenn die Komponenten pünktlich, also Just-in-Time, geliefert werden. Das ist seit zwei Jahren nicht mehr die Norm, denn die globale Logistik ist aus dem Takt geraten. Stattdessen bringen Personal- und Teilemangel die Produktion vielerorts zum Stillstand.

Alle 3,7 Jahre steht die Fertigung 4 Wochen still

In der Studie „Risk, resilience, and rebalancing in global value chains“ geht das McKinsey Global Institute (MGI) davon aus, dass Unternehmen in ihrer Risikokalkulation etwa alle 3,7 Jahre mit einem 1-monatigen Produktionsstillstand rechnen müssen. Für ihre Erhebung haben die MGI-Analysten die Wertschöpfungs- und Lieferketten in 23 Branchen hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für bestimmte Risiken untersucht, etwa Cyberattacken, Pandemien, Handelskriege sowie Natur- und Klimakatastrophen. Die Ergebnisse haben offenbart, dass vier Sektoren besonders gefährdet sind: Bergbau, Erdölförderung, Luftfahrt und die Chip-Industrie.

Im Jahr 2020 hätte man eine solche Situation noch für unmöglich gehalten, so der Schweizer Logistikexperte Jens Fankhänel in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Jetzt steht die Produktionssicherheit ganz oben auf der Agenda der Unternehmensleitungen. Dort wird vor allem diskutiert, wie man von Just-in-time zu Just-in-case kommt, also zu einer Lieferkette, die belastbarer ist und Störungen besser verkraften kann.

E-Commerce befeuert Flächennachfrage

Die Verlagerung des Konsums vom stationären Einzelhandel zum Onlinehandel hat während der Corona-Pandemie einen kräftigen Schub erhalten. „Gleichzeitig benötigen Onlinehändler aufgrund fehlender Verkaufsflächen, einer hohen Sortimentstiefe, kleinteiliger Lieferungen und einer hohen Retourenquote gut dreimal so viel Lagerfläche wie stationäre Detailhändler“, heißt es etwa im Real Estate Focus 2024 der Schweizer Großbank USB. Im Wettbewerb der Onlinehändler sei zudem die Logistik ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, so die UBS-Analysten, „denn die Kunden wünschen neben einer möglichst schnellen und flexiblen Belieferung auch eine effiziente Retourenabwicklung.“

Diese gestiegene Nachfrage nach effizienter Logistik spiegelt sich auch in den aktuellen Bautätigkeiten innerhalb der Branche wider. Nach Zahlen des Münchner Logistikimmobilienberaters Logivest stieg die Neubaufläche für Logistikimmobilien in Deutschland im ersten Halbjahr 2024 auf 2,3 Millionen Quadratmeter nach 2,1 Millionen Quadratmetern im Vorjahreszeitraum. Die Top-Logistikregion ist demnach der Großraum Leipzig/Halle.

Interroll: Schweizer Effizienz für die globale Logistik

Die steigende Nachfrage nach Logistiklösungen wirkt sich auch positiv auf die Schweizer Interroll-Gruppe aus, einen globalen Marktführer im Bereich Materialfluss. Die Förder- und Sortieranlagen des Unternehmens kommen zum Beispiel bei Post- und Paketdiensten, im E-Commerce, an Flughäfen sowie in Branchen wie Lebensmittel, Mode oder Automotive zum Einsatz. Zu den Kunden zählen Amazon, Bosch, Coca-Cola, DHL und Zalando.

Interroll vertreibt seine Anlagen hauptsächlich über Systemintegratoren, die Lager und Logistikzentren für Unternehmen wie Amazon oder DHL ausrüsten. Im ersten Halbjahr 2024 erzielten die Schweizer einen Umsatz von 247,4 Millionen CHF (rund 259 Millionen Euro), was einem Rückgang von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Allerdings verbesserte sich die Profitabilität: Die EBIT-Marge stieg von 11,2 Prozent auf 12,1 Prozent, während das Ergebnis um 8,5 Prozent auf umgerechnet 22,0 Millionen Euro zulegte.

Laut CEO Ingo Steinkrüger verzeichnete Interroll im ersten Halbjahr 2024 eine Erholung im Produktgeschäft im Vergleich zur zweiten Jahreshälfte 2023. Dabei habe die abgeschlossene Phase des Lagerabbaus eine wichtige Rolle gespielt. “Das Wachstum im Produktgeschäft ist ermutigend und kann das Fehlen größerer Projekte teilweise kompensieren”, so Steinkrüger im Halbjahresbericht 2024.

Amazon: Von Milliardenverlusten zu globalen Lager-Investments

Ein Blick zurück auf die Logistikbranche zeigt, dass nicht jede Investition automatisch zum Erfolg führt. So hat etwa Amazon während der Corona-Pandemie massiv in seine Logistikinfrastruktur in den USA investiert und verdoppelte seine Lagerfläche von rund 17 Millionen Quadratmetern auf über 34 Millionen Quadratmeter.

Doch als das Wachstum der Online-Bestellungen nach dem Ende der Pandemie ausblieb, schrieb der weltgrößte Onlinehändler in den ersten beiden Quartalen des Jahres 2022 Milliardenverluste, Hauptgrund dafür: Überkapazitäten im Logistiknetzwerk. Man habe zu viel Personal und zu viel Platz, erklärte Amazon-Finanzchef Brian Olsavsky damals.

Zwei Jahre später sieht die Lage des Versandhändlers diesseits und jenseits des Atlantiks positiver aus: 2024 eröffnete der Konzern drei neue Logistikzentren in Erfurt (Thüringen), Großenkneten (Niedersachsen) und Horn-Bad Meinberg (Nordrhein-Westfalen). Die drei Standorte umfassen zusammen eine Fläche von mehr als 300.000 Quadratmetern, sind mit modernster Automatisierungstechnik ausgestattet und schaffen mehr als 4.000 neue Arbeitsplätze. In den USA wurde in Shreveport, Louisiana, ein Logistikzentrum mit knapp 280.000 Quadratmetern in Betrieb genommen.

Bundesvereinigung Logistik: Automatisierung wichtiger als Fläche

Die Zukunft der Lagerhaltung ist jedoch weniger eine Frage der Fläche als vielmehr der Automatisierung, wie eine Studie der Bundesvereinigung Logistik (BVL) aus dem Jahr 2023 zeigt. Demnach wird die Branche vor allem vom Trend zur Automatisierung getrieben, die Logistikprozesse effizienter gestaltet und menschliche Arbeitskraft teilweise ablöst.

Moderne Systeme setzen dafür auf autonome Fahrzeuge, Robotik-Technologie und Drohnen, um dynamische, personalfreie Abläufe zu ermöglichen. Technologien wie Auto-ID mit RFID und Barcodes sorgen für eine präzise Identifikation und lückenlose Verfolgung von Produkten und Frachtgütern während des gesamten Transportprozesses. Gleichzeitig ermöglichen digitale Supply-Chain-Systeme eine Echtzeitüberwachung und -steuerung aller logistischen Abläufe.Ein Beispiel für diese Logistik 4.0 ist das Zentrallager des Möbelretailers Höffner in Barsbüttel bei Hamburg. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern beherbergt es ein Hochregalsystem mit 33.000 Stellplätzen, die über zwölf vollautomatische Regalbediengeräte in 16 Etagen befüllt werden. Der gesamte Prozess – vom Barcode-Scan bis zur Lagerung – läuft komplett automatisiert. Die maximale Verweildauer der Ware beträgt zehn Tage. Sollte also das nächste Containerschiff im Suezkanal stecken bleiben, ist Höffner zumindest für kurze Zeit gerüstet, um seine Kunden trotzdem beliefern zu können.

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