Technologie

EUDI-Wallet nicht vor 2026: Warum Deutschland bei der digitalen Ausweis-App auf Gründlichkeit setzt

Während Italien die digitale Brieftasche bereits eingeführt hat, wird das EUDI-Wallet in Deutschland nicht vor 2026 kommen. Thorsten Lodderstedt, Lead Architect des deutschen EUDI-Wallet-Projekts, erklärt, warum die deutsche Version mehr Zeit braucht und welche Vorteile sie bieten soll.
02.01.2025 06:01
Lesezeit: 3 min
EUDI-Wallet nicht vor 2026: Warum Deutschland bei der digitalen Ausweis-App auf Gründlichkeit setzt
Im Bild: Ein Mann zeigt auf seinem iPhone die digitale Version seines Führerscheins in einer digitalen Ausweis-App. (Foto: dpa) Foto: Christoph Dernbach

Seit dem 4. Dezember ist es in Italien möglich, sich per Smartphone auszuweisen. Personalausweise, Führerscheine und Gesundheitskarten werden dort in einer App sicher aufbewahrt und sind jederzeit abrufbar. In Deutschland hingegen wird an einer wesentlich vielseitigeren und stärker auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnittenen Variante gearbeitet, deren Fertigstellung für Ende 2026 geplant ist.

„Wir entwickeln eine umfassendere und langfristig tragfähigere Lösung, die nicht nur technisch sicher ist, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert wird”, sagt Thorsten Lodderstedt, Lead Architect des deutschen EUDI-Wallet-Projekts bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) auf Nachfrage der DWN. „Das braucht intensive Abstimmungen und eine sorgfältige Planung.“

Der europäische Rahmen: Einheitlich und sicher

Grundlage für die europaweite Einführung der digitalen Brieftasche bildet die novellierte eIDAS-Verordnung, die im Mai 2024 in Kraft trat. Das Kürzel steht für „European Identification, Authentication and Signature Regulation“. Sie verpflichtet alle EU-Mitgliedsstaaten, ihren Bürgerinnen und Bürgern bis spätestens 2027 eine Lösung anzubieten, mit der sie hoheitliche Nachweise wie Ausweise oder Zeugnisse sicher und unkompliziert digital verwalten können.

Die EU-einheitliche Lösung wird unter dem Namen EUDI-Wallet („European Digital Identity Wallet“) entwickelt und soll die Grundlage für eine europaweit einheitliche digitale Identität schaffen. Ziel ist es, nicht nur die Interoperabilität zwischen den Ländern sicherzustellen, sondern auch höchste Sicherheitsstandards und eine einfache Nutzbarkeit zu garantieren.

Darum braucht Deutschland mehr Zeit

„Wir haben uns bewusst für ein gründliches und partizipatives Vorgehen entschieden, das nicht nur die Sicherheit und den Datenschutz, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz in den Fokus stellt“, so Projektleiter Thorsten Lodderstedt. Dies sei notwendig, da die Wallet eine zentrale digitale Infrastruktur für die gesamte Gesellschaft werde.

Außerdem sei es aus deutscher Sicht essenziell, nicht nur eine technisch funktionierende Lösung bereitzustellen, sondern auch eine, die den Anforderungen der Bürger in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit und Vertrauen gerecht werde. „Wir müssen sicherstellen, dass die Wallet so gestaltet ist, dass sie sich nahtlos in den Alltag integriert. Besonders technikferne Nutzer und barrierefreie Zielgruppen stehen dabei im Fokus“, erklärt er.

Entwicklung in Deutschland: Prototypen und Wettbewerb

Aktuell arbeiten staatliche und private Entwicklerteams in einem Innovationswettbewerb an Prototypen, die den Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit gerecht werden sollen. Lead-Architect Thorsten Lodderstedt: „Der Innovationswettbewerb ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Verschiedene Teams arbeiten daran, die bestmögliche Lösung zu finden, und ihre Ergebnisse fließen in die weitere Entwicklung ein.“

Bis Mai 2025 soll ein erster Prototyp vorliegen, der als Basis für die schrittweise Weiterentwicklung dient. „Derzeit arbeitet unser Entwicklerteam intensiv an der Identifizierungsfunktion der Wallet. Diese Funktion bildet das Herzstück der Wallet und ist entscheidend für die Implementierung weiterer Elemente wie die qualifizierte elektronische Signatur und verschiedene Nachweise“, führt Lodderstedt aus.

Schwerpunkte der deutschen Lösung

Der Projektleiter betont, dass die deutsche Wallet auf mehrere zentrale Prinzipien setzt: Souveränität, Sicherheit und Interoperabilität. „Die Bundesregierung hat entschieden, eine eigene staatliche Wallet zu entwickeln, um die digitale Souveränität Deutschlands zu gewährleisten. Gleichzeitig werden wir auch alternative Wallets von privaten Anbietern zulassen, die nach einem deutschen Zertifizierungsschema geprüft werden“, erklärt er.

Die Möglichkeit, aus mehreren sicheren und geprüften Wallets zu wählen, sei aus Sicht des Architekten der deutschen Lösung ein großer Vorteil: „Das fördert nicht nur Innovation und Wettbewerb, sondern stärkt auch das Vertrauen der Bürger, da sie selbst entscheiden können, wem sie ihre Daten anvertrauen wollen.“

Ein weiteres Ziel ist es, die Wallet als Plattform für eine Vielzahl von Anwendungsfällen zu etablieren. „Nutzer sollen nicht nur ihre hoheitliche Identität, sondern auch Nachweise wie Führerscheine, Zeugnisse oder sogar Tickets in der Wallet verwalten können“, erklärt Lodderstedt im Gespräch mit den DWN.

Lodderstedt: „Das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen, ist eine der Hauptanforderungen“

Bis Ende 2026 soll die deutsche EUDI-Wallet mit vollem Funktionsumfang verfügbar sein. Der Weg dahin ist jedoch nicht ohne Herausforderungen. „Der gesamte Entwicklungsprozess wird durch regelmäßige Konsultationen mit Interessengruppen begleitet, um sicherzustellen, dass die Lösung den tatsächlichen Bedürfnissen entspricht. Das Feedback wird kontinuierlich in die Weiterentwicklung integriert“, sagt Lodderstedt.

Besonders wichtig sei die Einbindung der Öffentlichkeit. „Wir setzen auf Transparenz und Partizipation, um das Vertrauen in die digitale Infrastruktur zu stärken. Nach Abschluss des Architektur- und Konsultationsprozesses Ende 2025 werden wir auch weiterhin partizipative Formate anbieten“, kündigt er an.

Italien als Vorreiter? Nicht ganz

Italien konnte seine digitale Brieftasche schneller umsetzen, da es auf bestehende digitale Infrastrukturen zurückgreifen konnte. Die App basiert auf einer Technologie, die bereits während der Corona-Pandemie für den Nachweis des Impfstatus verwendet wurde. Deutschland hingegen setzt auf eine eigens entwickelte, umfassendere Lösung, die sich stärker an die lokalen Bedürfnisse anpasst.

Die digitale Brieftasche verspricht, grenzübergreifende Verwaltungsprozesse, Unternehmensgründungen oder Studienanmeldungen zu erleichtern. Für Deutschland bleibt der Weg bis zur Marktreife jedoch steinig. Thorsten Lodderstedt bleibt optimistisch: „Die EUDI-Wallet ist eine zentrale Infrastruktur für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Mit einer sorgfältigen Planung und Einbindung der Öffentlichkeit schaffen wir eine Lösung, die europaweit Maßstäbe setzt.“

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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