Wirtschaft

Woran krankt die deutsche Wirtschaft? Ursachen, Herausforderungen und Zukunftschancen

Einst als „kranker Mann Europas“ bezeichnet, präsentiert sich Deutschland heute erneut angeschlagen. Die Wirtschaft des Landes verlangsamt sich stärker als im Rest Europas und könnte sich durchaus in einer Rezession befinden. Kann sich das Land in naher Zukunft erholen?
09.02.2025 10:58
Aktualisiert: 09.02.2025 15:30
Lesezeit: 4 min

Wirtschaftliche Stagnation: Hauptursachen und Belastungsfaktoren

Die Faktoren hinter der Leistungsschwäche der deutschen Wirtschaft sind nicht schwer auszumachen. Wie in weiten Teilen der entwickelten Welt gestaltet sich das Produktivitätswachstum seit einiger Zeit nur schleppend. Seit der Covid-19-Pandemie hat zudem die Inflation – verbunden mit einem Anstieg der Energiepreise – dem Wachstum zugesetzt. Verschärft wurde diese Situation durch den Ukraine-Krieg, der Europa dazu zwang, fossile Brennstoffe aus Russland durch teurere Alternativen zu ersetzen. Die höheren Energiepreise treffen die stark industriell geprägte Wirtschaft Deutschlands besonders hart.

Aufgrund des schleppenden globalen Wachstums, der Schwäche in Schlüsselmärkten (insbesondere China) und des zunehmenden ausländischen Wettbewerbs bei Autos und hochentwickelten Industriemaschinen sieht sich Deutschland überdies mit einer sinkenden Nachfrage nach seinen Exporten konfrontiert. Diese sind für das deutsche Wirtschaftsmodell jedoch von entscheidender Bedeutung: Das Land weist seit langem Handels- (und Leistungsbilanz-) Überschüsse auf, um die unzureichende inländische Gesamtnachfrage auszugleichen.

Arbeitskräftemangel und demografischer Wandel als wirtschaftliche Risiken

Hinzu kommt der Arbeitskräftemangel in der Wirtschaft. Wie in den meisten Industrieländern (und in China) altert die Bevölkerung auch in Deutschland. Mit 1,35 Geburten pro Frau liegt die Fertilitätsrate deutlich unter der Ersatzrate von 2,1. Hinzu kommt die immer höhere Lebenserwartung. Dadurch steigt der Abhängigkeitsquotient – das Verhältnis zwischen wirtschaftlich abhängigen Personen (alt und jung) und der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter – und belastet die Sozialversicherungs- und Gesundheitssysteme. Die Zahl der Arbeitskräfte hat sich bei etwa 44 Millionen eingependelt, und sollte sich nichts Wesentliches ändern – beispielsweise eine deutliche Steigerung der Erwerbsbeteiligung oder der Nettozuwanderung – wird sie im Laufe des nächsten Jahrzehnts sinken.

Vergangene Erfolge durch Outsourcing und Strukturwandel

Als Deutschland Ende der 1990er Jahre vor einer ähnlich gravierenden wirtschaftlichen Herausforderung stand, setzte die Regierung in Zusammenarbeit mit Industrie und Arbeitgebern weitreichende Reformen um. Zu diesen Anstrengungen zählte ein grundlegender Strukturwandel. Die deutschen Industriesektoren besetzten Lieferkettensegmente mit hoher Wertschöpfung, während andere Segmente in Niedriglohnländer ausgelagert wurden, darunter in die aufstrebenden postkommunistischen Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa. Bereits 2006 überflügelte Deutschland andere große europäische Volkswirtschaften und konnte diese Position bis 2017 halten.

Digitale Transformation als Schlüsselfaktor für wirtschaftlichen Aufschwung

Um diesen Erfolg heute zu wiederholen, müsste Deutschland an die Spitze der digitalen Transformation vorrücken. Glücklicherweise mangelt es Deutschland nicht an qualifizierten Arbeitskräften, unternehmerischer Aktivität oder Innovationsfähigkeit. BioNTech mit Hauptsitz in Mainz etwa ist ein führender Entwickler von Impfstoffen und Krebsbehandlungen mit wachsender globaler Präsenz. Berlin, München und Hamburg bieten unternehmerische Ökosysteme und Innovationszentren. Sechsundvierzig Einhörner in Deutschland – die meisten davon in digitaltechnologiebasierten Sektoren – haben Finanzmittel von in- und ausländischen Risikokapital- und Private-Equity-Firmen erhalten.

Technologische Fortschritte vollziehen sich jedoch in sehr großen, integrierten Märkten schneller, da die Renditen für kostspielige Vorabinvestitionen in Innovationen höher ausfallen, wenn der gesamte erreichbare Markt größer ist. Das heißt, der Fortschritt in Deutschland wird maßgeblich von der europäischen Politik abhängig sein.

Manche mögen argumentieren, dass das Hauptproblem in einer - möglicherweise dauerhaften - zunehmenden Fragmentierung, Kompliziertheit und geringeren Offenheit der Weltwirtschaft besteht. Das stellt insbesondere für eine exportorientierte Industrienation wie Deutschland eine ernsthafte Herausforderung dar.

Europas digitale Rückstände als Wachstumshemmnis

Ein noch größeres Hindernis für den digital getriebenen Strukturwandel in der Wirtschaft, insbesondere in Deutschland, ist jedoch die wachsende digitale Kluft zwischen der Europäischen Union und den beiden anderen globalen Wirtschaftsmächten, den Vereinigten Staaten und China. Man könnte versucht sein, die Bedeutung dieser Kluft herunterzuspielen, da Unterschiede im Laufe der Zeit und zwischen Ländern in jedem Sektor auftreten können. Digitale Technologien bilden jedoch nicht nur einen Sektor; sie sind für den technologischen und strukturellen Wandel in jedem Wirtschaftssektor, auch in der industriellen Fertigung, von entscheidender Bedeutung.

In seinem Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit Europas vom September 2024 untersuchte der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und italienische Ministerpräsident Mario Draghi die Hauptursachen für das Technologiedefizit der EU. Einige davon – wie etwa die mangelnde Grundlagenforschung in Naturwissenschaft und Technik – sind, ungünstigerweise für Deutschland, nur auf EU-Ebene zu beheben, da sie zentralisierte Finanzierung und Verwaltung erfordern. Auch für die Integration des Dienstleistungssektors und des Kapitalmarktes – unerlässlich, wenn Europas Innovatoren die Vorteile des großen Wirtschaftraumes voll ausschöpfen sollen – bedarf es länderübergreifender koordinierter Maßnahmen.

Auch Regulierungsansätze auf EU-Ebene gilt es möglicherweise zu überdenken. Derzeit befinden sich die Mega-Plattformen zur Unterstützung der größten Cloud-Computing-Systeme hauptsächlich in den USA und China. Diese Systeme generieren zahlreiche Spin-offs, finanzieren Grundlagenforschung (insbesondere in den Bereichen Quantencomputer, KI sowie KI-Anwendungen in der Wissenschaft) und unterstützen die Entwicklung von KI.

Zwar betreiben die großen Akteure – Microsoft Azure, Amazon Web Services und Google – große Rechenzentren in Europa, darunter auch in Deutschland, um lokale Märkte zu bedienen, das enorme Potenzial an wissenschaftlichen Spitzenkräften in Europa zu nutzen und die EU-Vorschriften in den Bereichen Datenschutz und KI einzuhalten. Vergleichbare europäische Unternehmen gibt es jedoch nicht. Das hat zu einer regulatorischen und politischen Ausrichtung auf Risikominderung und Datensicherheit beigetragen, während die Nutzung des Aufwärtspotenzials der Technologie und die Schaffung eines günstigen Umfelds für den digitalen Strukturwandel weniger Beachtung finden.

Elektromobilität: Deutschlands Rückstand und Herausforderungen

Ein letztes dringendes Erfordernis für Europa – und insbesondere für Deutschland – sind Fortschritte bei der digitalen Transformation von Industriesektoren, darunter der Automobilindustrie, da Chinas Fortschritte im Bereich Elektrofahrzeugbatterien und Solarenergie eine enorme Wettbewerbsbedrohung darstellen. Dies wird etablierte Unternehmen dazu zwingen, ihre organisatorische Trägheit zu überwinden und sich von alten Denkweisen und Modellen zu verabschieden. Noch schwerer wiegt, dass massive Software-Entwicklungsarbeit erforderlich sein wird. Europa verfügt derzeit jedoch nicht über genügend qualifizierte Arbeitskräfte für diese Aufgaben. Ein KI-bedingter Produktivitätsschub in der Softwareentwicklung könnte zwar dazu beitragen, diesen Engpass abzumildern, aber es wird immer noch eine große Zahl an technischen Fachkräften benötigt. Änderungen in der Einwanderungspolitik können hier helfen.

KI-Innovationen als Chance für Deutschland und Europa

Es gibt jedoch auch Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Das chinesische Start-up-Unternehmen DeepSeek hat die KI-Welt gerade in Staunen versetzt und gezeigt, dass ein hochmodernes großes Sprachmodell kostengünstiger und mit weniger Rechenleistung trainiert werden kann als bisher angenommen. Diese Erkenntnis könnte das Defizit der EU hinsichtlich der für die Unterstützung der fortgeschrittenen KI-Entwicklung erforderlichen Recheninfrastruktur verringern und damit Deutschland und Europa im weiteren Sinne die Möglichkeit bieten, zu den derzeitigen Technologieführern der Welt aufzuschließen. Ein Erfolg ist jedoch nur möglich, wenn die Führungsspitzen der EU, die nationalen Regierungen und die Industrie zusammenarbeiten, um das erforderliche Humankapital zu mobilisieren und die notwendigen Investitionen, nicht zuletzt in die digitale Infrastruktur, zu tätigen.

Copyright: Project Syndicate, 2025.

www.project-syndicate.org

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