Politik

Ehemaliger NATO-Generalsekretär Rasmussen warnt: Der Westen steht vor dem Kollaps – Europa muss sich von den USA emanzipieren

Der frühere NATO-Generalsekretär und dänische Premierminister Anders Fogh Rasmussen warnt vor dem endgültigen Bruch der transatlantischen Ordnung – und fordert eine eigenständige strategische Neuausrichtung Europas ohne die USA.
29.04.2025 05:51
Lesezeit: 2 min

Donald Trumps radikaler Kurswechsel – kein Ausrutscher, sondern Strategie

Rasmussen schlägt Alarm: Der Westen, wie wir ihn kennen, ist am Zerfallen. Die transatlantische Ordnung – einst Grundpfeiler europäischer Sicherheit und Stabilität – steht vor dem Aus. Und verantwortlich dafür ist nicht etwa Moskau oder Peking, sondern Washington selbst.

Rasmussen, der sich einst vorbehaltlos an der Seite der USA im Irak- und Afghanistankrieg positionierte, spricht heute Klartext: „Unter dem Motto America First ziehen sich die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und militärisch zurück – und das mit einer Rücksichtslosigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte.“ Trumps Politik habe nichts mehr mit den Idealen zu tun, auf denen das westliche Bündnis gegründet wurde. Stattdessen missachtet er internationale Regeln, initiiert Handelskriege und destabilisiert bewusst traditionelle Partner – während Autokraten wie Wladimir Putin und Xi Jinping gezielt gestärkt werden.

Rasmussen: Die USA sind kein verlässlicher Partner mehr

In einem Gespräch mit der dänischen Wirtschaftszeitung Børsen macht Rasmussen deutlich: Europa kann sich nicht länger auf Washington verlassen. Die amerikanische Demokratie sei aus dem Gleichgewicht geraten. Der Präsident regiere zunehmend per Dekret, das Parlament sei blockiert, die Justiz geschwächt. Rasmussen nennt Trump einen „absoluten Prinzen“ – und warnt, dass ein noch radikalerer Nachfolger wie JD Vance in den Startlöchern steht.

Ein Bündnis der Demokratien – ohne die USA

Rasmussen plädiert für eine strategische Neuausrichtung Europas. Seine Vision: Ein wirtschaftliches Verteidigungsbündnis freier Demokratien – bestehend aus der EU, Großbritannien, Kanada, Australien, Japan, Südkorea und Neuseeland. Ziel: gemeinsame Reaktion auf wirtschaftliche Angriffe durch Autokratien – etwa durch Strafzölle aus China oder den USA.

Europa müsse sich von seinen Illusionen verabschieden: „Unser Modell – günstige Energie aus Russland, billige Waren aus China, militärischer Schutz aus den USA – ist tot“, so Rasmussen. Wer das nicht erkenne, gefährde Europas wirtschaftliche und politische Zukunft.

Putin: Der Fehler des Westens – und Rasmussen gesteht Mitschuld ein

In einem bemerkenswerten Eingeständnis erklärt Rasmussen, dass er Wladimir Putin jahrelang falsch eingeschätzt habe. Der Westen habe geglaubt, Russland ließe sich durch Handel und Integration befrieden. Tatsächlich aber sei Putin von Beginn an angetreten, um Russlands imperiale Macht wiederherzustellen. „Das ist mein größter politischer Fehler“, sagt Rasmussen.

Schon 2008 habe Putin auf einem NATO-Gipfel offen erklärt, die Ukraine sei kein eigenständiger Staat. Der Westen habe ihn ignoriert – ein historischer Irrtum mit dramatischen Folgen.

Trump stärkt Autokratien – und schickt Europa ins geopolitische Abseits

Besonders alarmierend: Rasmussen zufolge bereitet Trump einen sogenannten Friedensplan für die Ukraine vor, der die russische Annexion der Krim faktisch anerkennt. Eine beispiellose Abkehr von der bisherigen US-Politik, die selbst in Zeiten des Kalten Krieges nie die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten legitimiert hatte.

„Das ist nichts weniger als ein geopolitischer Rettungsanker für Russland – und ein strategischer Fehler von gigantischem Ausmaß“, so Rasmussen. Russland sei durch den Ukraine-Krieg wirtschaftlich massiv geschwächt – doch Trump gebe dem Kreml wieder Luft zum Atmen.

Drei Machtzentren – und Europa wird marginalisiert

Rasmussen warnt eindringlich vor einer neuen Weltordnung, in der Europa nur noch Zuschauer ist: Eine Welt mit drei Machtblöcken – den USA, China und Russland. „Wenn es Europa nicht gelingt, endlich geopolitisch zu handeln, wird es auf Dauer zum Spielball fremder Interessen“, sagt er.

Russland sei längst auf dem Weg, zu einem chinesischen Vasallenstaat zu werden – ein Zustand, der Europa umso mehr zur Emanzipation zwinge. „China ist die wahre Herausforderung – wirtschaftlich, technologisch und strategisch.“ Nur eine gemeinsame, souveräne Politik der europäischen Staaten könne dem entgegentreten.

Europa muss aufwachen – oder untergehen

Rasmussens Botschaft ist klar: Die Zeit der Abhängigkeit ist vorbei. Der Bruch mit den USA unter Trump ist kein Unfall, sondern ein systemischer Wandel. Europa muss endlich lernen, für seine Interessen einzustehen – wirtschaftlich, politisch und militärisch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Staatliche Datenkontrolle treibt Verbraucher in die digitale Schattenwirtschaft

Deutschland befindet sich im Jahr 2026 in einer paradoxen wirtschaftspolitischen Situation. Während die Bundesregierung versucht, durch...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Verteidigungstechnik: Deutsches Drohnenunternehmen steigt bei HEVI Optronics ein
12.03.2026

Ein deutsches Drohnenunternehmen steigt beim estnischen Sensorhersteller HEVI Optronics ein und übernimmt eine Mehrheitsbeteiligung....

DWN
Politik
Politik Konflikt im Persischen Golf: Trump ruft zur Nutzung der Straße von Hormus auf
12.03.2026

US-Präsident Donald Trump sieht die USA im Konflikt mit dem Iran militärisch im Vorteil und fordert Ölfirmen auf, die Straße von Hormus...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autoindustrie in der Krise: Warum 2026 wieder besser werden könnte
12.03.2026

Die Gewinne brechen ein, die Unsicherheit wächst – doch die deutsche Autoindustrie setzt auf eine Wende. Warum Experten ausgerechnet...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zalando: Schließung in Erfurt überschattet starkes Wachstum
12.03.2026

Zalando meldet starkes Wachstum, steigende Umsätze und Fortschritte bei KI. Doch die Schließung des großen Logistikstandorts in Erfurt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo: Ölreserven halten nur drei Monate
12.03.2026

Die strategischen Ölreserven der Welt könnten schneller aufgebraucht sein als gedacht. Ifo-Chef Clemens Fuest warnt vor Knappheit,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Fünf Warnsignale für Unternehmen: Woran lässt sich schwaches Management erkennen?
12.03.2026

Viele Unternehmen wirken nach außen stabil, obwohl sich intern bereits Schwächen in Strategie, Entscheidungsprozessen und Organisation...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Logistikverbände schlagen Alarm: Hohe Spritpreise sind nicht zu verkraften - staatliche Entlastung ist notwendig
12.03.2026

Deutsche Logistikverbände ⁠schlagen wegen der kriegsbedingt gestiegenen Kraftstoffpreise Alarm. In einem Appell fordern sie von der...

DWN
Panorama
Panorama Künstliche Intelligenz in der Medizin: Wie zuverlässig sind KI-Diagnosen wirklich?
12.03.2026

Künstliche Intelligenz gewinnt auch im Gesundheitsbereich zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Menschen wenden sich bei Beschwerden...