Panorama

Boden, Macht, Kapital: Wem Deutschland heute tatsächlich gehört

Wem gehört Deutschland – dem Staat, den Reichen, dem Volk? Der Besitz von Boden, Kapital und Ressourcen ist ungleich verteilt. Wer genauer hinschaut, erkennt: Es geht nicht nur ums Eigentum, sondern um Macht, Teilhabe und das Gefühl, mitreden zu dürfen – oder eben nicht.
25.07.2025 12:23
Aktualisiert: 01.01.2030 11:23
Lesezeit: 6 min

Wem gehört Deutschland?

Und was ist damit überhaupt gemeint? Das Privatvermögen der Deutschen (9050 Milliarden Euro)? Der Bundeshaushalt (488 Milliarden Euro)? Das BIP? Die Staatsverschuldung (rund 2,7 Billionen Euro) als eine Art negatives Eigentum der Bürger? Schwer zu sagen. An diesen Trennlinien aber verlaufen Spannungsfelder, über die man sich herrlich aufregen kann - und die für viel Frust sorgen. Wer zum Beispiel soll Anspruch auf Bürgergeld haben dürfen? Was ist mit einem Tempolimit, soll das eingeführt werden? In welchem Ausmaß sollen ausländische Investoren deutsche Firmen und Immobilien kaufen dürfen? Wieviel ist da gut, wieviel ist schlecht?

Es geht um reale Machtverhältnisse - und ums Gefühl

Im Grunde geht es bei dieser etwas naiven Frage "Wem gehört Deutschland?" um alles. Unter anderem um reale Macht- und Herrschaftsverhältnisse, aber auch viel ums Gefühl. Nämlich das Gefühl, irgendwie mitreden zu dürfen oder eben halt nicht. Viele Deutsche fühlen sich ungesehen, ungehört, ohnmächtig all dem ausgeliefert, was Strukturen, Institution und Menschen in Machtpositionen den lieben langen Tag so tun.

Hin und wieder mal einen Wahlzettel abgeben zu dürfen, das ist besser als nichts, fühlt sich aber nicht unbedingt so an, als zähle die eigene Stimme besonders viel – was irgendwie verständlich ist angesichts der rund 84 Millionen Menschen, die in Deutschland leben und von denen etwa 60 Millionen mitwählen dürfen. Ein sehr großer Teich also, mit sehr vielen kleinen Fischen, von denen die meisten gerne größere Fische wären. Aber wem gehört denn nun der Teich? Wer darf in dem schönen Areal unter den Seerosen chillen? Wer muss im Schlamm wühlen? Und wer dort schwimmen, wo der Fischreiher lauert?

Im Namen des Fortschritts, des Wachstums und des heiligen Geizes

Besitz und/oder Eigentum – ist ja nicht dasselbe – ist der je nach eigener Perspektive zutiefst menschliche oder aber zutiefst unmenschliche aktuelle oder immerwährende Leitstern der Menschheit, insbesondere in Form von Geld, mit dem man sich Dinge kaufen kann. Mein und Deins – darum geht es, im eigenen Leben, in der Gesellschaft, in der Politik: „Get rich or die trying“, Neiddebatte, Rentenreform, Verteilungsgerechtigkeit, Besitz der Produktionsmittel, Schere zwischen Arm und Reich, Wertpapierdepot. Was man hat, das hat man: Sicherheit, Lebensqualität, Macht. Denn über das, was einem gehört, sollte man ja verfügen und mithin dadurch irgendwie Einfluss nehmen können auf das eigene Leben, und vielleicht sogar das der anderen.

Das ist alles schon sehr lange sehr kompliziert und führt immer wieder zu blutigen Konflikten und Kriegen, und die digitale Revolution mit ihrer großzügigen Auslegung von Urheberrecht macht es nicht einfacher, mit ihren Free-to-play-Modellen, monatlichen Zahlungen für Programme, die man früher noch kaufen und besitzen konnte und nicht nur nutzen, sowie der Entwicklung der KI, die mit allen möglichen Werken gefüttert wird, deren Schöpfer von den dazugehörigen Dividenden aber nichts abbekommen, im Namen des Fortschritts, des Wachstums und des heiligen Geizes.

Wie ist Deutschlands Grund und Boden verteilt?

Spannend ist es dennoch, sich mal anzuschauen, wie Deutschlands Grund und Boden (357.580 Quadratkilometer) genutzt wird – da zeigt sich schon einiges. Zur Hälfte etwa wird Deutschlands Fläche für die Landwirtschaft verwendet, dem Statistischen Bundesamt zufolge. Drauf kommen nochmal 30 Prozent Wald. Straßen und Schienen machen fünf Prozent, Häuser und Wohnungen knapp vier Prozent. Gut zwei Prozent sind Gewässer, bleiben noch knapp zwei Prozent für Industrie und Gewerbe – und alles weitere, etwa Moore, Sümpfe oder Sport-, Freizeit- und Erholungsflächen machen zusammen die restlichen rund fünf Prozent aus.

Als Rohstofflieferant sowie als Erholungsgebiet und CO2-Speicher spielt der deutsche Wald eine große Rolle. Der Staat ist ein großer Waldbesitzer, den größten Anteil besitzen die Bundesländer, allen voran Bayern. Ebenfalls bedeutenden Waldbesitz haben die Kirchen, deren Anteile jedoch in der bundesweiten Waldinventur gemeinsam mit denen der Kommunen und Universitäten ausgewiesen werden. Fast die Hälfte des deutschen Waldes gehört Privatleuten, nämlich dem Adel, vor allem fünf Familien, allen voran Thurn und Taxis.

Wasser, Luft und Bodenschätze

Und was ist mit Deutschlands Bodenschätzen? Na, die gehören natürlich denen, denen der Boden gehört, in denen die Schätze auf ihre Bergung warten. Beispielsweise Uran, Lithium, Kohle, Erdgas, Kobalt, Kupfer, Graphit – gibt’s alles in Deutschland, viel davon rechnet sich aktuell allerdings nicht im Abbau. Und die Rohstoffe im Meer, also Nordsee und Ostsee? Über deren Nutzung verfügen die Anrainerstaaten im Rahmen der jeweiligen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), die international in Verträgen ausgehandelt wurden.

Das Grundwasser gehört im Grunde der Allgemeinheit, aber es ist, wie immer, sehr kompliziert, sobald man mal etwas näher hinschaut. Ähnlich verhält es sich mit der Luft. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto klarer wird, wie viele Gesetze und Verordnungen darüber, was wie und von wem und wann genutzt werden darf, eigentlich den kompletten Alltag durchziehen. Dieses Regelwerk bleibt im Normalleben gottseidank meist unsichtbar und hat keine direkten Auswirkungen – außer, man möchte beispielsweise ein Haus bauen oder eine Firma gründen etc. – dann gibt es einen kleinen Einblick in das Unwesen des Rechtswesen.

Wem gehören die deutschen Unternehmen?

"Wem gehört Deutschland?" – bei dieser Frage muss man natürlich auch aufs Kapital gucken. Einen Anhaltspunkt für die Besitzverhältnisse in der Unternehmenswelt bietet ein Blick auf die Börse – ohne Firmen wie Aldi oder Bosch, die dort gar nicht gehandelt werden. Interessant: Nur gut ein Drittel der 40 deutschen DAX-Titel wird direkt von heimischen Anlegern gehalten. Dagegen haben in den vergangenen Jahren vor allem US-amerikanische Investoren das Kommando beim führenden deutschen Aktienindex übernommen. Mit Abstand größter DAX-Besitzer ist BlackRock.

Der weltgrößte Vermögensverwalter hat über seine ETFs, die er emittiert, inzwischen rund 100 Milliarden Dollar in den DAX investiert. Damit hält BlackRock durchschnittlich fünf Prozent an jedem DAX-Konzern. Wie BlackRock agieren auch andere US-Vermögensverwalter – Vanguard, die Capital Group – sowie der norwegische Staatsfonds. Sie alle wirken als große Kapitalsammelstellen, besetzen führende Positionen im Deutschen Aktienindex und ersetzen zunehmend private Anleger, die immer seltener direkt in den DAX investieren, sondern den Umweg über die Vermögensverwalter wählen. Durch diese indirekte Beteiligung über Fonds und ETFs ist der deutsche Anteil am DAX also vermutlich etwas höher, als es die offiziellen Zahlen zeigen. Das ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Tendenz: Das Sagen im DAX haben Investoren aus Übersee – und das bereits seit geraumer Zeit.

Vermögen und Wohnraum

Vermögen in Deutschland ist fast durchweg mit dem Eigentum an großen Unternehmen verbunden, wie ein Blick auf die Liste der reichsten Deutschen zeigt. Dies führt zu einer stark ungleichen Verteilung des deutschen Nettovermögens. Etwa 54 Prozent davon gehört den vermögendsten zehn Prozent der Deutschen. Und etwa drei Prozent gehört ungefähr der Hälfte der Deutschen. Bei diesen mehrt sich das Vermögen zudem schneller, weil sie stärker in Aktien und Fonds investieren. Oder aber in Immobilien.

Und Wohnraum? Weniger als die Hälfte der Deutschen sind Eigentümer. Im Jahr 2024 lebten der Europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge 47 Prozent der deutschen Haushalte in den eigenen vier Wänden, die anderen knapp 53 Prozent zur Miete. Damit ist Deutschland in Europa – abgesehen vom Sonderfall Schweiz – absolutes Schlusslicht. Die höchsten Eigentümerquoten verzeichnen Rumänien, die Slowakei, Kroatien, Ungarn und Montenegro. In diesen Ländern leben mehr als 90 Prozent der Bevölkerung im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung. Aber warum ist das so?

Die Eigentumsfrage hat eine lange Geschichte. Im Mittelalter wurde Land häufig gemeinschaftlich – als sogenannte "Allmende" – genutzt. Diese kollektive Bewirtschaftung des Bodens konnte jedoch den wirtschaftlichen Interessen expandierender Monarchien und Adelshäuser nicht gerecht werden. Das führte zu einer schrittweisen Privatisierung und Konzentration von Land in den Händen weniger.

Dass Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern eine so niedrige Eigentümerquote hat, liegt vor allem an historischen Entwicklungen. Diese reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert, nach dem deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung 1871. Deutschland wandelte sich damals vom spätfeudalen Agrarstaat zur Industrienation. Die Menschen zogen in großer Zahl vom Land in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Sie benötigten so schnell wie möglich Wohnraum – und das möglichst günstig. Zwischen 1880 und 1900 entstanden daher große industrielle Ballungszentren. Der Begriff der "Mietskaserne" stammt genau aus dieser Epoche. Damit wurde der äußerst karge und militärisch anmutende Wohnstandard bezeichnet, der dort herrschte. Der Ausdruck stand aber auch sinnbildlich für das Wohnungselend im Kaiserreich. Die Kriege machten das Ganze nicht besser. Für den Wiederaufbau musste Wohnraum geschaffen werden - was in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich lief.

Fazit dieser kleinen Bestandsaufnahme

Die Frage, wem der Teich namens Deutschland denn nun gehört, ist weniger eine juristische als eine politische, historische und emotionale. Es geht um Machtverhältnisse, Einflussmöglichkeiten und letztlich auch um das Selbstverständnis einer Gesellschaft. Die Zahlen zeigen, wie stark Eigentum in Deutschland konzentriert ist – bei Grund und Boden ebenso wie bei Kapital und Wohnraum. Gleichzeitig offenbart sich ein tiefsitzendes Unbehagen an dieser Ordnung: Viele fühlen sich ausgeschlossen, nicht beteiligt, machtlos gegenüber undurchschaubaren Strukturen.

In einer Zeit globaler Umbrüche, wachsender Unsicherheiten und technologischer Umwälzungen gewinnt die Eigentumsfrage deshalb erneut an Brisanz. Wer künftig mitreden will, braucht nicht nur Zugang zu Eigentum – sondern auch zu den Debatten darüber, wie dieses verteilt, geschützt und genutzt wird. Die Auseinandersetzung darüber, wem Deutschland gehört, ist damit auch ein Schlüssel zur Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen.

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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