Wirtschaft

Transportbranche im Fadenkreuz: Hackerangriffe nehmen rasant zu

Geopolitische Konflikte und digitale Aufrüstung treiben Cyberattacken auf Transportunternehmen in die Höhe. Laut einer Studie sind Reedereien, Häfen und Logistikfirmen bevorzugte Ziele, um globale Lieferketten zu stören. Experten warnen: Die Angriffe werden professioneller – und die Branche ist unzureichend vorbereitet.
Autor
avtor
07.08.2025 08:03
Lesezeit: 3 min
Transportbranche im Fadenkreuz: Hackerangriffe nehmen rasant zu
Insbesondere Europa und die USA seien Cyberangriffen ausgesetzt, heißt es in dem Bericht. (Foto: dpa) Foto: Daniel Reinhardt

Phishing, Spionage, Sabotage: Cyberkrieg gegen die Logistik

Kriege und geopolitische Spannungen haben in den vergangenen Jahren die Hackeraktivität in die Höhe schnellen lassen – und Transportunternehmen sind besonders gefährdet. Reedereien, Hafenbetreiber und andere Logistikfirmen sind Hauptziel von Hackern, die globale Lieferketten lahmlegen wollen. Das führt zu einem deutlichen Anstieg der Angriffe auf die Branche. Das zeigt eine Untersuchung der niederländischen NHL Stenden University of Applied Sciences. 73 Angriffe auf die Transportbranche wurden für 2024 gezählt – ein Anstieg gegenüber 64 Fällen im Jahr 2023 und 20 im Jahr 2020.

Die Entwicklung beschert Morten Wegelbye Holm viel Arbeit. Er ist IT-Direktor des dänischen Transportkonzerns Leman – und besonders im vergangenen Jahr ist die Abwehr von Cyberangriffen zu einem zentralen Teil des Alltags geworden. „Wir erleben täglich Angriffe. Das kann große wirtschaftliche Folgen für uns haben, wenn wir es nicht rechtzeitig bemerken“, sagt er. Seit 2020 sei die Hackeraktivität explodiert, berichtet Stephen McCombie, Professor für maritime IT-Sicherheit an der NHL Stenden. Vor allem die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen sowie der Konflikt zwischen Taiwan und China im Südchinesischen Meer seien der Hintergrund für die Angriffe, so der Professor. „Transport ist für Hacker eine Top-Priorität, weil es gravierende Folgen haben kann, wenn Lieferketten unterbrochen werden. Mit zunehmenden globalen Konflikten wird es zu einer noch wichtigeren Waffe“, sagt Stephen McCombie.

Staatliche Warnungen

In 18 von 26 Angriffen im Jahr 2024, bei denen die Herkunft bekannt ist, stammte der Akteur aus Russland. Mehr als 80 % der seit 2001 identifizierten Cyberangriffe mit bekannter Urheberschaft wurden aus Russland, China, Nordkorea oder Iran verübt. Die NHL-Stenden-Studie verzeichnete 2024 zudem einzelne Angriffe aus den USA, China, Iran und Nordkorea. Im Mai warnten mehrere europäische und US-amerikanische Geheimdienste vor der intensivierten russischen Hackeraktivität gegen Transportunternehmen. In einem gemeinsamen Bericht von 21 Nachrichtendiensten heißt es, die Bedrohung habe seit 2022 deutlich zugenommen. Auch das dänische Center for Cybersikkerhed stimmt zu und stuft das Risiko für Cyber-Spionage und Cyber-Kriminalität gegen Häfen und Logistikunternehmen als „sehr hoch“ ein – die höchste Gefahrenstufe des dänischen Militärnachrichtendienstes. „Russland war historisch sehr aktiv im Cyberbereich. Doch mit steigendem Konfliktniveau mit dem Westen und der NATO haben die Angriffe zugenommen – und auch die Vielfalt der Methoden ist gewachsen“, so McCombie.

Die Folgen solcher Attacken können erheblich sein. McCombie verweist auf A.P. Møller-Mærsk, das 2017 von einem Angriff getroffen wurde, der die IT-Systeme von Maersk Transport & Logistics mehr als zehn Tage lahmlegte. Der Schaden belief sich auf bis zu 300 Mio. Dollar, knapp 2 Mrd. Kronen zum aktuellen Kurs.

Wachsende Gefahr

Vor allem über sogenannte Phishing-Mails versuchten Hacker, Zugang zu Informationen zu erlangen oder Geld zu erbeuten, berichtet Morten Wegelbye Holm von Leman. Dabei handelt es sich um Angriffe, die Empfänger dazu bringen sollen, persönliche Daten preiszugeben – etwa Kreditkartennummern, Bankdaten oder Passwörter. Die Hacker seien geschickter geworden, sich als Kollege oder Kunde auszugeben, sodass die Kontaktaufnahme glaubwürdig wirkt, erklärt der IT-Direktor. Dazu beschaffen sie sich persönliche Details und Hintergrundinformationen über Lemans Mitarbeiter, um eine noch überzeugendere Phishing-Mail zu verfassen. „Die Angriffe sind viel lebensechter als früher, sodass man leicht darauf hereinfallen kann. Aber wir investieren stark in die Schulung unserer Mitarbeiter, um die Gefahr so weit wie möglich zu minimieren“, sagt Morten Wegelbye Holm. Die großen globalen Konflikte würden derzeit nicht abnehmen, so McCombie. Daher sei mit weiter zunehmenden Hackerangriffen in den kommenden Jahren zu rechnen. Er verweist auf die Angriffe der Huthi-Rebellen auf Frachtschiffe im Roten Meer, die Kriege in Gaza und der Ukraine sowie auf China, das Taiwan weiter bedrohe. „Transportunternehmen müssen sich daran gewöhnen, dass Cybersicherheit ein wachsender Teil der Industrie ist. Und solange wir keine Friedensabkommen sehen, muss in diesen Bereich investiert werden – denn die Branche hat Schwierigkeiten, mit der Entwicklung Schritt zu halten“, sagt Stephen McCombie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Mathias Rose

Mathias Rose lebt in Kopenhagen, Dänemark und ist derzeit Journalist bei Børsen. Mathias Rose bringt Erfahrungen aus früheren Positionen bei Børsen und Winelab.dk mit. Mathias Rose hat von 2018 bis 2021 Journalismus an der Danmarks Medie- og Journalisthøjskole studiert und mit einem Bachelorabschluss abgeschlossen.
DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Deutsche Reeder schlagen Alarm wegen akuter Risiken für Seeleute
24.03.2026

Mitten im Iran-Krieg wächst die Unsicherheit für Reeder und Besatzungen auf hoher See. Der VDR warnt vor realen Gefahren, während immer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreisschock und physikalische Grenzen am Ölmarkt: Iranisches und venezolanisches Öl sind nicht direkt austauschbar
24.03.2026

Die europäischen Staaten haben ihre Lieferquellen seit 2022 deutlich diversifiziert, weshalb Europa vor allem Preissteigerungen ausgesetzt...

DWN
Politik
Politik CDU und SPD vor Koalitionsgesprächen in Rheinland-Pfalz – Schweitzer und Schnieder starten Verhandlungen
23.03.2026

Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz stehen CDU und SPD vor entscheidenden Gesprächen über eine mögliche Regierungsbildung. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Imperial Brands-Aktie: Schließung von Reemtsma-Werk – 600 Jobs betroffen
23.03.2026

Nach monatelangen Verhandlungen ohne Ergebnis steht fest: Ein bedeutendes Reemtsma-Werk wird geschlossen. Die Entscheidung von Imperial...

DWN
Finanzen
Finanzen Ein weiteres systemisches Risiko: Fed schlägt Senkung der Kapitalanforderungen für Banken vor
23.03.2026

Milliarden Dollar könnten für Kredite, Dividenden und Aktienrückkäufe freigesetzt werden. Kritiker warnen jedoch, dass niedrigere...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eli Lilly-Aktie: Dieser Wirkstoff könnte den Milliardenmarkt neu ordnen
23.03.2026

Ein neuer Wirkstoff von Eli Lilly sorgt für Unruhe im globalen Pharmamarkt. Retatrutid liefert Ergebnisse, die bisherige Medikamente klar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Energiepreise: Weltwirtschaft steuert auf Rezession zu
23.03.2026

Die zunehmenden Verwerfungen im Energiesektor infolge des Iran-Kriegs belasten bereits Unternehmen, Verbraucher und Finanzmärkte und...

DWN
Politik
Politik SPD in der Krise: Führung bleibt – Merz bremst Reformen
23.03.2026

Die SPD kämpft nach Rückschlägen um Stabilität, während Kanzler Merz vor übereilten Entscheidungen warnt. Reformen stehen an, doch...