Die Importe chinesischer Waren steigen in Litauen wie auch in der gesamten EU rapide. Da der Zugang zum US-Markt eingeschränkt ist, drängt Peking nun noch stärker nach Europa – mit Gründungen von Firmen und Handelsvertretungen. Ob dieser Trend ungebremst anhält, hängt nach Ansicht von Unternehmern davon ab, ob Europa seine Hersteller endlich schützt. Diese können kaum mit chinesischen Exporteuren konkurrieren, die staatlich unterstützt werden und Nachhaltigkeitsauflagen oft ignorieren.
Die Zahlen sind eindeutig: Im ersten Halbjahr 2025 stiegen die chinesischen Warenimporte nach Litauen um 36 Prozent auf 1,16 Milliarden Euro. Damit liegt das Land EU-weit an zweiter Stelle beim Importwachstum, während der Durchschnitt nur bei 13 Prozent liegt. Inzwischen haben Produkte chinesischen Ursprungs bereits einen Anteil von rund zehn Prozent an allen litauischen Importen.
Subventionen treiben Importe
Laut Vidmantas Janulevičius, Präsident des Litauischen Industrieverbands, resultiert der Anstieg vor allem aus großen Solar- und Energiespeicherprojekten, für die massenhaft chinesische Ausrüstung beschafft wurde. Hinzu kommen wachsende Zahlen chinesischer Elektroautos sowie von Kommunen gekaufte Busse. Ökonomen verweisen auf das überdurchschnittliche Wachstum der litauischen Wirtschaft, das die Nachfrage zusätzlich anheizt.
Auch künftig dürfte der Importboom anhalten – durch Investitionen in Industriekomponenten, den Konsum privater Haushalte und saisonale Spitzen etwa im Weihnachtsgeschäft. Für 2026 rechnen Händler zudem mit einer Sondereinnahme aus Pensionsfonds, die weitere Käufe chinesischer Waren finanzieren könnte. Mehr als zwei Fünftel der europäischen Unternehmen beziehen bereits Produkte aus China, wodurch Waren, die wegen US-Zöllen blockiert sind, nun in der EU landen.
Bedeutung für Deutschland
Für Deutschland hat die Entwicklung strategisches Gewicht. Als größte Volkswirtschaft Europas und Schlüsselstandort der Industrie ist Berlin massiv von Importen aus China abhängig – von Batterien bis zu Elektronikkomponenten. Während die deutsche Autoindustrie unter wachsendem Druck chinesischer E-Auto-Produzenten steht, droht auch eine weitere Deindustrialisierung, wenn Europa die heimische Produktion nicht stärkt. Nationale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit geraten in Gefahr, wenn Schlüsseltechnologien vollständig aus China importiert werden.
China baut parallel seine Marktpräsenz in Europa aus: Investitionen in Vertriebs- und Distributionsnetze haben sich seit 2017 fast verdreifacht. Der schwächere Renminbi macht chinesische Waren für europäische Importeure noch attraktiver. Gleichzeitig subventioniert Peking seine Exporteure massiv, um deren Preise weiter zu drücken. Europa hingegen wirkt unvorbereitet, obwohl die Industrie längst von chinesischen Komponenten abhängig ist.
Litauische Unternehmer sehen dennoch Spielräume: Software und Speichertechnologien könnten aus europäischer Produktion stammen und so Aufträge für heimische Firmen schaffen. Analysten der EZB warnen, dass angesichts der Handelskonflikte zwischen China und den USA noch mehr chinesische Waren in die Eurozone fließen werden. Die entscheidende Frage bleibt: Wird Europa die Abhängigkeit weiter hinnehmen – oder seine Produzenten endlich verteidigen?


