Wirtschaft

Selbstüberschätzung macht blind: Warum gerade die Klugen Betrügern ins Netz gehen

Es sind nicht die Naiven, die am leichtesten auf Betrüger hereinfallen, sondern oft die Gebildeten und Selbstsicheren. Sie glauben, unantastbar zu sein – und schalten deshalb ihre Wachsamkeit ab. „Selbstbewusstsein ist der erste Schritt zum Fehler“, warnt die Verhaltensökonomin Julia Kołodko. Ihre eigene Beinahe-Pleite zeigt: Um nicht betrogen zu werden, muss man denken wie ein Betrüger.
20.09.2025 16:00
Lesezeit: 3 min
Selbstüberschätzung macht blind: Warum gerade die Klugen Betrügern ins Netz gehen
Betrüger setzen nicht auf Technik, sondern auf Psychologie: Sie nutzen Autorität, Zeitdruck und Emotionen, um selbstbewusste Menschen in die Falle zu locken. (Foto: dpa | Wolf von Dewitz) Foto: Wolf von Dewitz

Auch Experten tappen in die Falle

Überraschend oft sind es Menschen mit hoher Bildung und Selbstvertrauen, die Opfer einfacher Manipulationen werden. Sie glauben, dass sie selbst nicht betroffen sein können, und lassen den Gedanken an eine mögliche Niederlage gar nicht zu. „Selbstbewusstsein ist der erste Schritt zum Fehler“, mahnt Julia Kołodko.

Im Gespräch mit Puls Biznesu berichtet sie: „Ich bekam eine SMS über eine Nachzahlung für den Versand eines Pakets, das ich online bestellt hatte. Der Link sah professionell aus, der Betrag war gering, der Ton sachlich. Als Absender erschien die Schweizer Post – eine seriöse Institution. Ich klickte.“ Erst durch das schnelle Sperren ihrer Kreditkarte konnte sie den Diebstahl verhindern. Kołodko erklärt: „Gerade weil ich mich über solche primitiven Tricks erhaben fühlte, tappte ich hinein. Ich ging davon aus, dass sie mich nicht betreffen. Das ist der typische Effekt des blinden Flecks – wir erkennen die Fehler der anderen besser als die eigenen.“

Selbst Koryphäen sind nicht immun. So berichtet sie über den Sozialpsychologen Robert Cialdini: „Er kaufte einen Fernseher, weil die angebliche Sonderaktion gleich auslaufen sollte. Dabei kannte er die Verfügbarkeitsregel – er selbst hatte sie beschrieben. Und doch ließ er sich, wahrscheinlich müde, vom Impuls leiten.“ Gefährdet seien daher nicht nur die Leichtgläubigen, sondern auch die Klugen, die sich gerne mit Skepsis brüsten. „Psychologisch betrachtet sind es oft gerade die Selbstsicheren, die überzeugt sind, gegen Manipulation immun zu sein, die erstaunlich anfällig werden. Sie lassen die Möglichkeit gar nicht zu, dass sie Opfer sozialer Tricks werden könnten.“

Psychologie statt Technik: So arbeiten Betrüger

Besonders riskant sind Situationen, in denen Betrüger Autorität und Zeitdruck kombinieren. „Der natürliche Respekt vor Hierarchien kann dazu führen, dass ein Mitarbeiter sich verpflichtet fühlt, eine Anweisung sofort umzusetzen. Kriminelle nutzen Gehorsam, Unterwürfigkeit, Konformität und die Angst vor Konsequenzen wie Rügen oder Jobverlust. So kann ein einziger Anruf eines angeblichen Chefs zu verheerenden Folgen führen.“ Dabei spielen Betrüger oft gerade mit den Eigenschaften, die im Alltag als Tugenden gelten: Respekt, Loyalität, Hilfsbereitschaft. „Ein Mitarbeiter, der in guter Absicht handelt, kann ungewollt eine Katastrophe auslösen: finanzielle Verluste, Datenlecks, Prozesse, Zerstörung der Reputation oder gar die Existenzbedrohung des Unternehmens.“ Kołodko betont, dass Cyberkriminelle weniger IT-Spezialisten als Psychologen im Feld sind. „Es sind nicht die Algorithmen, die Opfer fangen, sondern Emotionen, Illusionen, Versuchungen und Vertrauen, das auf die Probe gestellt wird. Der Cyberkriminelle ist weniger Hacker im Kapuzenpulli, sondern eher Sozialtechniker – ein Experte für menschliche Schwächen.“

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat erklärt, dass unser Denken von zwei Systemen gesteuert wird: einem schnellen, impulsiven System 1 und einem langsamen, reflektierenden System 2. „Im Alltag übernimmt meist System 1, damit wir automatisch und ohne große Anstrengung funktionieren. Doch unter Stress, Müdigkeit oder Zeitdruck hat es die Kontrolle, bevor System 2 reagieren kann. Genau darauf setzen Betrüger. Sie wollen nicht überzeugen, sondern Emotionen auslösen – Hast, Angst, Mitgefühl. Sobald diese aktiviert sind, verschwindet die Reflexion.“ Auch Richard Thaler zeigt in „Impuls“, dass der Mensch kein rationaler Rechner ist. „Wir sind emotionale Wesen – manchmal hungrig, müde, unkonzentriert. Genau in solchen Momenten genügt ein kleiner Impuls, damit primitive, instinktive Mechanismen anspringen.“ Was in der Evolution überlebenswichtig war, kann in der modernen Welt der Täuschung verhängnisvoll sein.

Betrüger setzen selten nur auf eine Methode, sondern orchestrieren gleich mehrere. „Zuerst der Effekt der Autorität: Ein angeblicher Bankmitarbeiter spricht mit fester Stimme, klingt glaubwürdig. Dann der Zeitdruck: Nur heute gilt das Angebot, morgen werden Sie es bereuen. Hinzu kommt der soziale Beweis: Tausende Kunden haben den Kredit schon genutzt. Dazu das Prinzip der Gegenseitigkeit: Der Betrüger bietet Ihnen eine Vergünstigung, eine niedrigere Rate, eine schnellere Auszahlung. Wer so freundlich ist, dem will man nicht widersprechen. Manchmal greift auch der Halo-Effekt – jemand, der sich perfekt ausdrückt und Fachsprache nutzt, wirkt weniger verdächtig. Schließlich die Technik ‚Tür-ins-Gesicht‘: erst ein absurdes, teures Angebot, das man ablehnt – dann die vermeintliche Entgegenkunft mit einer günstigeren Variante. In dieser Kombination zählt nicht der einzelne Trick, sondern die kritische Masse des Einflusses. Sie erzeugt eine emotionale Nebelwand. Der Kopf ist verwirrt. Und ehe System 2 einschreitet, hat man schon geklickt.“

Wachsamkeit ist ein täglicher Entschluss

Wie schützt man sich? Kołodko nennt fünf Regeln: „Erstens: Drücken Sie den mentalen Stopp-Knopf, wenn Sie Emotionen, Druck oder Eile spüren. Zweitens: Überprüfen Sie Informationen in zwei Quellen. Drittens: Verschieben Sie Entscheidungen. Viertens: Sagen Sie nicht ‚Ja‘ zu Dingen, die Sie nicht verstehen. Fünftens: Denken Sie daran: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es wahrscheinlich eine Falle.“ Kurzgefasst: „Um nicht betrogen zu werden, muss man denken wie ein Betrüger – sich fragen, was man an seiner Stelle tun würde.“ Und wenn man doch hereinfällt? Kołodko rät: „Es lohnt nicht, sich selbst Vorwürfe zu machen. Das ist weder Mangel an Vernunft noch an Verantwortung – es ist menschliche Natur. Betrüger sind keine Amateure, sondern bestens vorbereitete Spezialisten für Manipulation – Psychologen im Feld. Statt sich also für Naivität zu geißeln, sollte man fragen: Was kann ich tun, um diesen Fehler nicht zu wiederholen? Eines ist sicher: Widerstandsfähigkeit gegen Betrug ist keine angeborene Eigenschaft. Sie ist ein erlernter Reflex. Wachsamkeit ist eine Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue getroffen werden muss.“

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