Finanzen

EZB-Empfehlung: So viel Bargeld sollten EU-Bürger für den Notfall zu Hause haben

Wenn die Kartenzahlung plötzlich nicht geht: EZB-Experte rät zur Krisenvorsorge mit Bargeld wegen möglicher Blackouts. Warum das physische Geld seine zentrale Rolle trotz Digitalisierung behält. Und mit welcher Bargeldreserve EU-Bürger für den Notfall vorsorgen sollten.
01.10.2025 11:01
Lesezeit: 3 min
EZB-Empfehlung: So viel Bargeld sollten EU-Bürger für den Notfall zu Hause haben
Bargeld für Krisenzeiten: Derzeit befinden sich 30,4 Milliarden Banknoten mit einem Gesamtwert von 1,6 Billionen Euro im Umlauf. Das entspricht im Durchschnitt fast 5.000 Euro pro Euroraum-Bürger, wie EZB-Experte Cipollone in seiner Analyse darlegt. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

EZB-Studie: Diese Bargeldmenge sollten EU-Bürger besitzen

Digitale Zahlungen nehmen zu, Banknoten und Münzen werden seltener verwendet. Doch trotz des anhaltenden Trends zu digitalen Zahlungsmethoden bleibt Bargeld laut einer aktuellen Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB) unverzichtbar – besonders in Krisenzeiten. Die Untersuchung Keep calm and carry cash analysiert die Rolle physischer Währung während vier großer Krisen und kommt zu einem eindeutigen Schluss: Bargeld fungiert als systemkritischer „Ersatzreifen“ für das Zahlungssystem.

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Derzeit befinden sich 30,4 Milliarden Banknoten mit einem Gesamtwert von 1,6 Billionen Euro im Umlauf. Das entspricht im Durchschnitt fast 5.000 Euro pro Euroraum-Bürger, wie Cipollone in seiner Analyse darlegt. Diese Summe wächst jährlich um 2,3 Prozent im Volumen und 1,7 Prozent im Wert.

Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, betont in seiner Studie Making euro cash fit for the future, dass Euro-Banknoten und -Münzen auch künftig eine „entscheidende Rolle als zuverlässiges Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel“ spielen werden. Er erklärt, warum Bargeld weiterhin unverzichtbar ist und wie die EZB dafür sorgt, dass es weiterhin leicht verfügbar und einfach zu verwenden ist.

Bargeld-Studie: Krisenzeiten verstärken Nachfrage dramatisch

Die Finanzkrise 2008, die europäische Staatsschuldenkrise und die COVID-19-Pandemie verdeutlichten diese Entwicklung: In allen drei Krisen verdoppelte sich die jährliche Wachstumsrate der im Umlauf befindlichen Banknoten. Ähnliche Entwicklungen gab es auch mit Beginn der russischen Invasion der Ukraine, dem iberischen Stromausfall im April 2025 und der griechischen Staatsschuldenkrise. In allen Fällen stiegen die Bargeld-Abhebungen dramatisch an, sobald Unsicherheit oder Systemausfälle auftraten.

Besonders eindrucksvoll zeigt es sich am Beispiel der COVID-19-Pandemie: Binnen 90 Tagen nach Ausbruch der Krise stieg die tägliche Netto-Banknotenausgabe auf durchschnittlich 616 Millionen Euro – fast das Doppelte des normalen Wertes von 320 Millionen Euro. Kumuliert führte dies zu zusätzlichen 19,5 Milliarden Euro in der Bargeld-Zirkulation, obwohl gleichzeitig die Nutzung für alltägliche Transaktionen zurückging.

Stromausfall demonstriert Offline-Funktion von Bargeld

Der iberische Stromausfall vom 28. April 2025 verdeutlichte die kritische Bedeutung von Bargeld bei Infrastrukturausfällen. Als über 50 Millionen Menschen von einem nahezu vollständigen Blackout betroffen waren, brachen digitale Zahlungssysteme zusammen. Kartenzahlungen gingen um 41 bis 42 Prozent zurück, während der Online-Handel um 54 Prozent einbrach.

Bargeld blieb hingegen vollständig funktionsfähig und wurde vom einen Zahlungsmittel unter vielen zum einzigen verfügbaren Zahlungsmittel für diejenigen, die es besaßen oder darauf zugreifen konnten. Nach Wiederherstellung der Stromversorgung stiegen die Geldautomaten-Abhebungen weit über normale Werte, da Bürger ihre Bargeld-Reserven wieder auffüllten.

Russlands Invasion der Ukraine im Februar 2022 führte zu regionalen Bargeld-Anstiegen, die stark von der geografischen Nähe zum Konflikt abhingen. Länder wie Estland, Lettland, Litauen, Slowakei und Finnland verzeichneten Ausgaben von sechs bis zehn Standardabweichungen über ihren historischen Durchschnittswerten. In den direkt angrenzenden Ländern stieg die tägliche Netto-Banknotenausgabe um geschätzte 36 Prozent. Selbst in hoch digitalisierten baltischen Staaten, die normalerweise stark auf bargeldlose Zahlungssysteme setzen, griffen Bürger verstärkt zu physischem Geld als Sicherheitsreserve.

Krieg und Krisen: Behörden empfehlen Bargeld-Vorräte für Notfälle

Aufgrund dieser Erkenntnisse empfehlen mehrere europäische Behörden Haushalten, Bargeld-Reserven für Notfälle anzulegen. Länder wie die Niederlande, Österreich und Finnland raten zu Beträgen zwischen 70 und 100 Euro pro Haushaltsmitglied oder ausreichend Bargeld für etwa 72 Stunden essenzieller Ausgaben. Die EZB-Studie kommt zu dem Schluss, dass „die einzigartigen Eigenschaften von Bargeld – die Tatsache, dass es greifbar, widerstandsfähig, offline und weit verbreitet ist – in Krisenzeiten von entscheidender Bedeutung sind und auch für die Krisenvorsorge genutzt werden können“.

Ein zentraler Kritikpunkt Cipollone's EZB-Analyse betrifft jedoch die abnehmende Verfügbarkeit von Bargeld-Dienstleistungen. Der Rückgang von Bankfilialen aufgrund von Konsolidierungen im Bankensektor sowie die sinkende Anzahl von Geldautomaten und Abhebungsmöglichkeiten stellen laut Cipollone „erhebliche Herausforderungen“ dar. Untersuchungen des Eurosystems hätten „erhebliche Unterschiede bei der Verfügbarkeit von Bargeld-Dienstleistungen der Banken zwischen Ländern und Regionen im Euroraum“ aufgedeckt.

Die geplante Legal Tender of Cash Regulation soll diesem Problem entgegenwirken, indem sie gemeinsame Indikatoren zur Überwachung des Bargeld-Zugangs etabliert. Diese berücksichtigen unterschiedliche Geldautomaten-Dichten und unterscheiden zwischen städtischen Gebieten – 1, 2 und 5 Kilometer Entfernung – und ländlichen Gebieten – 5, 10 und 15 Kilometer.

Sein Fazit: „No Cash“-Praktiken verstoßen gegen EU-Recht – Digitaler Euro keine Alternative

Besonders kritisch bewertet die EZB die zunehmende Verbreitung von „No Cash“-Praktiken im Einzelhandel. Cipollone stellt klar, dass solche Praktiken „nicht nur unerwünscht sind, da sie die Zahlungsfreiheit des Zahlers einschränken, sondern auch grundlegend unvereinbar mit dem Status von Euro-Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel“. Der Europäische Gerichtshof habe diese Interpretation bestätigt. Die EZB fordert daher eine klare Untersagung solcher „No Cash-Praktiken“ und betont, dass diese das Risiko bergen, einige Gesellschaftsmitglieder auszuschließen, insbesondere diejenigen, die auf Bargeld angewiesen sind.

Trotz der Entwicklung eines digitalen Euro versichert die EZB, dass dieser das physische Bargeld nicht ersetzen wird. Cipollone betont: „Ein digitaler Euro wird Banknoten und Münzen nicht ersetzen, sondern sie vielmehr ergänzen und einen ‚digitalen Ausdruck von Bargeld‘ bieten“.

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Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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