Wirtschaft

Ölpreis fällt auf Fünf-Monats-Tief: Droht ein Überangebot?

Das Überangebot wächst, die Nachfrage bricht ein: Der Ölpreis fällt auf den tiefsten Stand seit Monaten. Doch hinter dem Preisrutsch steht mehr als nur Marktmechanik.
Autor
avtor
22.10.2025 08:24
Aktualisiert: 22.10.2025 09:11
Lesezeit: 3 min
Ölpreis fällt auf Fünf-Monats-Tief: Droht ein Überangebot?
Kurzfristig entlastet der niedrige Ölpreis Unternehmen, langfristig birgt er jedoch Risiken. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Ölpreis rutscht ab

Die Nordseesorte Brent ist auf den niedrigsten Stand der vergangenen fünf Monate gefallen. Am Dienstag sank der Preis auf etwas über 62 US-Dollar pro Barrel (159 Liter). Dieses Niveau wurde zuletzt im Mai erreicht. Analysten führen den Rückgang auf eine Kombination aus schwächerer Nachfrage, wachsender globaler Fördermenge und hohen Lagerbeständen zurück.

Seit Jahresbeginn hat die Brent-Notierung fast ein Viertel an Wert verloren. Im Januar lag der Preis an der Terminbörse ICE noch bei 82,03 Dollar pro Barrel, am 5. Mai fiel er auf 60,23 Dollar und am 14. Oktober schloss er bei 62,39 Dollar. Damit ist der Ölpreis aktuell rund 25 Prozent niedriger als zu Jahresbeginn. Im Kern, so sagen Analysten, liege das Problem auf der Hand: Das weltweite Angebot übersteigt seit Monaten die Nachfrage.

Nachfrageeinbruch durch schwache Wirtschaft

Auf der Nachfrageseite machen Ökonomen vor allem die schwächeren makroökonomischen Rahmenbedingungen verantwortlich. Die Weltwirtschaft zeigt deutliche Anzeichen einer Abkühlung. Das betrifft sowohl China als auch die USA und Europa. Hinzu kommen erneute Handelsspannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China, die zusätzliche Unsicherheit schaffen.

Die jüngste Entscheidung Pekings, Exportkontrollen für Seltene Erden einzuführen, gilt als neue Eskalationsstufe im technologischen Handelskonflikt. Washington reagierte mit der Ankündigung weiterer Strafzölle. Diese geopolitischen Spannungen dämpfen Investitionen und belasten die Aussichten für den globalen Energieverbrauch. Darüber hinaus wirken auch strukturelle Faktoren: energieeffizientere Fahrzeuge, die weniger Treibstoff verbrauchen, sowie die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrs verringern den Bedarf an fossilen Brennstoffen.

Überproduktion und Rekordlagerbestände

Auf der Angebotsseite hat sich die Lage deutlich verschärft. Laut dem Oktoberbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) lag die weltweite Rohölförderung im September bei 108 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 5,6 Millionen Barrel mehr als im gleichen Monat des Vorjahres. Im Durchschnitt wird für dieses Jahr eine Produktion von rund 106 Millionen Barrel täglich erwartet.

Sowohl die Mitgliedstaaten der erweiterten OPEC+ als auch die US-Produzenten haben ihre Fördermengen erhöht. Die Kartellstaaten decken etwa 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion ab, während die USA weiterhin Rekordmengen aus Schieferölquellen fördern. Gleichzeitig sind die weltweiten Lagerbestände auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen. Allein im August wuchsen die Vorräte um 17,7 Millionen Barrel auf 7,9 Milliarden Barrel. Auch die Menge des auf See gelagerten Rohöls hat laut Bloomberg historische Ausmaße erreicht: Mehr als eine Milliarde Barrel befinden sich derzeit entweder im Transit oder im Stillstand auf Tankern. Die IEA meldet, dass allein im September die sogenannten „tanker stocks“ um 102 Millionen Barrel zunahmen. Solche Werte wurden zuletzt im Jahr 2020 während der Pandemie registriert, als wegen der einbrechenden Nachfrage weltweit Öl auf Schiffen zwischengelagert wurde.

Prognosen: Überangebot bleibt bestehen

Die IEA erwartet, dass die Überproduktion auch im Jahr 2026 anhalten wird. Schon in diesem Jahr rechnet die Agentur mit einem durchschnittlichen Überschuss von drei Millionen Barrel pro Tag – rund zehn Prozent mehr als noch in der letzten Schätzung. Das weltweite Ölangebot wächst schneller als die Nachfrage, die 2024 nur um etwa 0,7 Millionen Barrel pro Tag steigen dürfte.

Für das kommende Jahr prognostiziert die IEA eine weitere Ausweitung der Produktion um 2,4 Millionen Barrel pro Tag. Im Umkehrschluss würde ein anhaltendes Überangebot den Ölpreis weiter unter Druck setzen. Wie stark dieser Effekt ausfallen wird, ist jedoch umstritten. Eine von Reuters durchgeführte Analystenumfrage ergab, dass die tatsächliche Überproduktion 2025 möglicherweise geringer ausfallen dürfte als von der IEA befürchtet, nämlich etwa 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Auch die Rohstoffanalysten der UBS halten die Prognosen der Energieagentur für übertrieben. Sie argumentieren, dass sich gerade deshalb der Ölpreis bislang nicht noch stärker abgeschwächt habe. Gleichzeitig warnen die Schweizer Experten, dass geopolitische Risiken den Trend jederzeit umkehren könnten. Ein erneuter Kriegsschub in Russland oder im Nahen Osten könne das Angebot kurzfristig verknappen und die Preise wieder anheben.

Energiepolitik und geopolitische Dimension für Deutschland

Für Europa bleibt der niedrige Ölpreis ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig wirkt er preisdämpfend und entlastet Unternehmen sowie Verbraucher. Mittel- und langfristig jedoch birgt er strategische Risiken: Sinkende Preise verringern die Investitionen in Exploration, Raffinerien und alternative Energien. Damit wächst die Abhängigkeit von Billigimporten und der geopolitische Einfluss von Förderstaaten wie Saudi-Arabien oder den USA.

Zugleich zeigt der Preisrückgang, dass der globale Energiemarkt zunehmend instabil reagiert. Zwischen geopolitischen Konflikten, Handelsstreitigkeiten und strukturellem Nachfragerückgang könnte der Ölpreis in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Indikatoren für die Verschiebung globaler Machtverhältnisse werden.Die jüngste Entwicklung auf dem Ölmarkt ist mehr als ein zyklisches Preissignal. Sie markiert eine strukturelle Veränderung im Energiesystem. Das Überangebot drückt nicht nur die Gewinne der Produzenten, sondern offenbart auch eine neue strategische Unsicherheit: Der Markt bleibt anfällig für Schocks, politische Entscheidungen und technologische Umbrüche. Ob der Ölpreis stabil bleibt oder weiter fällt, hängt weniger von der Nachfrage ab als von der Frage, welche Macht künftig die Angebotsseite kontrolliert: OPEC+, Washington oder Peking.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Inflation und Deflation zugleich - Wohin steuert das Finanzsystem?

Die wirtschaftlichen Signale aus den USA, China und Europa werden widersprüchlicher. Während der Preisdruck nachlässt, verliert der...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Albina Kenda

Zum Autor:

Albina Kenda ist eine erfahrene Journalistin, die sich auf die Berichterstattung über Geldpolitik und EU-Themen für die slowenische Wirtschaftszeitung Casnik Finance spezialisiert hat. Sie arbeitet sich regelmäßig durch endlose Stapel von Berichten, Vorschlägen, Reden und Diskussionen, um so klar wie möglich darzustellen, wie internationale und insbesondere europäische Themen uns alle betreffen, auch wenn wir uns nicht dafür interessieren.

DWN
Politik
Politik Medienrat für öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Geschäftsführerin steht fest
16.08.2026

Das neue Gremium soll den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kontrollieren. Im April wurde die Vorsitzende gewählt. Jetzt steht fest, wer...

DWN
Finanzen
Finanzen Wie Fintechs Banken herausfordern – und Anleger profitieren können
16.08.2026

Millionen Kunden eröffnen Konten bei Revolut, N26 oder Trade Republic – oft zunächst nur zusätzlich zur Hausbank. Doch aus der...

DWN
Finanzen
Finanzen Künstliche Intelligenz greift nach Ihrer Rente - und zwar an zwei Fronten
16.08.2026

Erstens geht es um die Exponierung von Pensionsfonds gegenüber KI. Zweitens stellt sich die Frage, welche Kasse die meisten Menschen im...

DWN
Panorama
Panorama Schlecht vorbereitet bei Waldbränden? Experte sieht Lücken im System
16.08.2026

Ein dichtes Netz an Feuerwehren schützt Deutschland bislang vor vielen größeren Waldbränden. Doch Ausbildung, Einsatzverfahren und...

DWN
Finanzen
Finanzen Millionenbetrug an Bankkunden: Ermittler heben Netzwerk aus
16.08.2026

Eine Gruppe Krimineller soll Bankkunden um Millionen betrogen haben. Ermittler aus Deutschland und Brasilien nahmen nach Durchsuchungen...

DWN
Finanzen
Finanzen Kunstmarkt vor der Erbschaftswelle: Für Milliardenwerte fehlen plötzlich Käufer
16.08.2026

Kunst im Wert von rund 860 Milliarden Euro wechselt in den kommenden Jahren die Generation. Doch aus wertvollen Sammlungen können für...

DWN
Finanzen
Finanzen Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen
16.08.2026

Politische Unsicherheit, hohe Steuern: Das sind die wichtigsten Gründe, warum Reiche die zwei stärksten Länder Europas verlassen. Wohin...

DWN
Panorama
Panorama Konsumflaute trifft Camping-Boom: Jetzt mobile Kaffeemaschinen kaufen und bares Geld sparen!
16.08.2026

Camping boomt, Reisen bleibt beliebt – doch gleichzeitig sitzt das Geld bei vielen Verbrauchern nicht mehr so locker. Genau in diesem...