Wie Europa Deutschland helfen kann
Die deutsche verarbeitende Industrie nähert sich den Tiefstständen der COVID-19 Zeit und das erhöht die Sorgen um die gesamte europäische Wirtschaft. Expertinnen und Experten fordern konkrete Maßnahmen.
Dazu zählen die Stärkung des Binnenmarktes, weniger Bürokratie, mehr Investitionen und die Modernisierung der Produktion. Hinzu kommt das Ziel, europäische Industrien vor chinesischer Konkurrenz zu schützen.
Vytautas Šilinskas, Geschäftsführer des Investors Forum, betont, dass Europa gemeinsam handeln müsse, wie es Mario Draghi anmahnt. Das bedeute die Integration der Energie und Kapitalmärkte sowie gemeinsame Investitionen. Zudem sei es nötig, regulatorische Fragmentierung abzubauen. Nationale Schritte seien nicht ausreichend, ohne europäische Koordination werde die Erholung langsam verlaufen.
Integration und Bürokratieabbau
Šilinskas weist darauf hin, dass die EU noch immer kein vollständig integrierter Binnenmarkt sei. Nationale Barrieren in Finanzwesen und Regulierung begrenzen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Beispielsweise stammt keine der 25 weltweit größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung aus der EU. Staaten verteidigen weiterhin eigene Interessen, statt den europäischen Gesamtnutzen in den Vordergrund zu stellen.
Deutschland müsse laut Šilinskas stärker in Automatisierung, Digitalisierung und Energieeffizienz investieren. Die Industrie solle zu einer Produktion mit hoher Wertschöpfung und modernem technologischen Niveau transformiert werden. Der Wettbewerbsverlust sei durch hohe Energiekosten, geringe Investitionen und langsame technologische Erneuerung entstanden. Auch die Bürokratie belaste die Unternehmen erheblich.
Chinas Vorsprung wächst
Berechnungen der Bank Citadele zeigen, dass die Industrieproduktion Deutschlands im November nur 3,7 Prozent über den COVID-19-Tiefständen liegen dürfte. Šilinskas fordert daher ein umfassendes Modernisierungsprogramm, finanziert aus öffentlichen und privaten Mitteln. Dies solle die Automatisierung beschleunigen, Energieverbrauch senken und die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen.
China installierte im Jahr 2023 rund 276.000 Industrieroboter. Das entspricht mehr als der Hälfte aller weltweit eingesetzten Systeme. Zudem entwickelte sich China von einem Käufer deutscher Produkte zu einem Produzenten und Exporteur. Im vergangenen Jahr produzierte China 30 Millionen Fahrzeuge und übertraf damit Europa deutlich.
Auswirkungen auf Europa
Ein Stillstand der deutschen Industrie beeinträchtigt europäische Lieferketten. Investitionen sinken und die Exportstärke der Region schwächt sich ab. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der EU. Schwächelt dieses Zentrum, wirkt sich das unmittelbar auf andere Mitgliedstaaten aus. Länder wie Litauen, deren Unternehmen Komponenten für die deutsche Produktion liefern, sind besonders betroffen.
Strukturelle Herausforderungen
Tadas Povilauskas von der SEB Bank spricht von einem strukturellen Abschwung. Seit 2020 habe Deutschland den stärksten Produktionsrückgang in der EU verzeichnet. Energieintensive Branchen verloren ein Fünftel ihrer Produktion und erholten sich trotz sinkender Preise nicht. Zudem habe das Land den Halbleiterboom verpasst. US-Zölle, etwa auf Stahl mit bis zu 50 Prozent, erschweren die Lage zusätzlich.
Die Stimmung am Kapitalmarkt verschlechtere sich erheblich. Negative Nachrichten würden verstärkt wahrgenommen. Dadurch werde es schwieriger, Investoren anzuziehen. Kurzfristig sei eine Imagewende kaum zu erreichen, da Übertreibungen in der öffentlichen Debatte die Unsicherheit verstärkten.
Energie und Industriepolitik
Aleksandras Izgorodinas von Citadele erklärt, dass Energiepreise inzwischen wieder auf das Vorkriegsniveau gefallen seien. Dennoch stagnieren Produktion und Nachfrage. Die deutsche Industrieschwäche belaste die gesamte Eurozone. Politische Reaktionen blieben bisher begrenzt und hätten wenig spürbare Wirkung entfaltet.
Izgorodinas nennt die Steuerung des Wettbewerbs mit China als zentrale Aufgabe. Nach den US-Zöllen werde China neue Exportmärkte suchen und Europa sei naheliegender Zielmarkt. Ohne Schutzmaßnahmen drohten Dumpingeffekte. Der Experte plädiert klar für die Einführung von Zöllen. Aktuelle Daten zeigten noch keinen starken Anstieg chinesischer Exporte nach Europa, doch dies könne sich rasch ändern.
Regulierung, Unterstützung und Verteidigungssektor
Povilauskas spricht sich dafür aus, nur strategische Industrien zu schützen. Zölle könnten jedoch Gegenmaßnahmen Chinas auslösen, was deutschen Exporten schade. Neben Handelspolitik sei der Abbau von Bürokratie entscheidend. Eine überregulierte Wirtschaft erschwere Investitionen und Produktion. Staatliche Unterstützung sei notwendig, um Arbeitsplätze zu erhalten und die Folgen der US-Zölle zu bewältigen.
Ein weiteres Wachstumsfeld sieht Izgorodinas im Ausbau der Verteidigungsindustrie. Dies könne auch andere Branchen wie Maschinenbau, Metallverarbeitung und Lasertechnologien stärken. Eine gesteigerte Nachfrage in diesem Bereich könne als Impuls für die gesamte industrielle Basis dienen.
Nationale Maßnahmen Deutschlands
Deutschland verfolgte 2022 und 2023 eine konservative Fiskalpolitik, trotz stark gestiegener Energiepreise. Mittlerweile wurden Maßnahmen zur Lockerung beschlossen. Für 2024 sei ein Defizit von 4,75 Prozent des BIP geplant, nach 3,25 Prozent im laufenden Jahr und 2,7 Prozent im Vorjahr.
Ein Investitionsprogramm über 500 Milliarden Euro wurde verabschiedet, das jedoch erst ab 2026 deutlich wirken dürfte. Falls die wirtschaftliche Entwicklung weiter enttäusche, könnten weitere kurzfristige Impulse notwendig werden.
Die Lage der deutschen Industrie hat weitreichende Auswirkungen auf die EU. Wettbewerbsdruck aus China, Energiefragen und strukturelle Veränderungen belasten den Standort. Deutschland hat begonnen gegenzusteuern, doch die Ergebnisse werden Zeit benötigen.
Für Deutschland und Europa bleibt entscheidend, Investitionen zu beschleunigen, Bürokratie zu reduzieren und Technologie sowie Industriepolitik strategisch auszurichten. Damit kann Deutschland seine Rolle als wirtschaftliches Fundament Europas sichern und zugleich die Widerstandsfähigkeit der gesamten EU stärken.


