Finanzen

EZB-Zinsen: Warum Europas Geldpolitik zur Falle werden könnte

Die EZB signalisiert das Ende der Zinssenkungen – und plötzlich zieht die Eurozone die Risiken einer neuen Straffung an. Europas Konjunktur hält sich zwar erstaunlich stabil, doch die Kombination aus starkem Euro, steigenden Renditen und politischen Belastungen könnte die Spielräume der Notenbank schneller verengen, als ihr lieb ist. Wer wissen will, wie sich das auf Kredite, Immobilien und die deutsche Industrie auswirkt, sollte jetzt genau hinsehen.
17.12.2025 19:05
Lesezeit: 4 min

EZB-Zinsentwicklung: Stabilisierung statt Senkung

Die widerstandsfähigere Wirtschaft der Eurozone dämpft die Erwartungen weiterer Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank. In den Projektionen der Finanzmärkte zeichnet sich stattdessen ein Übergang zu wieder steigenden Zinsen ab. In der kommenden Woche entscheidet die EZB über den Leitzins. Marktteilnehmer gehen einheitlich davon aus, dass es keine Veränderung geben wird. Mehr noch: Es verfestigt sich die Einschätzung, dass das derzeitige Niveau von zwei Prozent das untere Ende des jüngsten Zinssenkungszyklus markiert.

Ökonomen der Danske Bank erwarten kurzfristig keine Kursänderung: "Wir gehen davon aus, dass die EZB die Zinsen sowohl im Jahr 2026 als auch 2027 bei zwei Prozent belässt. Auch wenn die Inflation voraussichtlich über dem Ziel von zwei Prozent bleibt, sollten robuste Wachstumsaussichten, ein angespannter Arbeitsmarkt und verankerte langfristige Inflationserwartungen weitere Senkungen verhindern."

Die robuste Eurozonen-Konjunktur – trotz Unsicherheiten rund um mögliche US-Zölle – stützt diese Erwartung. Der revidierte Wert für das dritte Quartal zeigt ein Wachstum von 0,3 Prozent, statt der zunächst gemeldeten 0,2 Prozent. Nach einem Anstieg von 1,2 Prozent in diesem Jahr rechnet die EZB für 2026 mit einem Wachstum von ein Prozent und für 2027 mit 1,3 Prozent.

Zugleich zeigt die jüngste Inflationsrate aus dem November eine leichte Beschleunigung: von 2,1 auf 2,2 Prozent. Die Kerninflation blieb stabil bei 2,4 Prozent. Für 2026 peilt die EZB eine Teuerungsrate von 1,7 Prozent an, für 2027 1,9 Prozent. Aleksandras Izgorodinas, Ökonom der Bank Citadele, betonte in einem Webinar, dass die EZB derzeit keinen Anlass sehe, die Zinsen weiter zu senken. Die Leitzinsen würden "voraussichtlich länger bei zwei Prozent bleiben". Auch ein Blick auf den EURIBOR bestätigt die Stabilisierung. Besonders relevant: Der sechsmonatige EURIBOR, der für viele Haushalte und Unternehmen entscheidend ist, stagniert seit dem Sommer bei rund 2,15 Prozent. "Das Geld ist günstiger geworden, aber weitere Rückgänge sollte man nicht erwarten", so Izgorodinas.

Zinswende: Märkte rechnen wieder mit Anhebungen

Für Bewegung sorgten diese Woche Kommentare von Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums. Sie deutete an, dass der nächste Zinsschritt nach oben gehen könnte: "Sowohl die Märkte als auch die befragten Experten erwarten, dass der nächste Schritt eine Anhebung sein wird – wenn auch nicht sehr bald. Mit diesen Erwartungen fühle ich mich wohl."

Stabile Konsumausgaben, anhaltende Unternehmensinvestitionen sowie höhere staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur dürften laut Schnabel die Konjunktur stärken und damit die Notwendigkeit weiterer Zinssenkungen verringern. Es ist das erste Mal, dass ein hochrangiges EZB-Mitglied öffentlich einräumt, dass die Zinsen in der Eurozone ihren Tiefpunkt erreicht haben. Nach Schnabels Aussagen stiegen die Renditen deutscher Staatsanleihen deutlicher an. Die zehnjährigen Bunds kletterten auf 2,87 Prozent – der höchste Stand seit dem Frühjahr.

Der Derivatemarkt preist inzwischen eine etwa 30-prozentige Wahrscheinlichkeit ein, dass die EZB erstmals im Dezember 2026 anhebt – um 25 Basispunkte. Auch die Terminmärkte für künftige EURIBOR-Sätze zeigen entsprechende Erwartungen.

Auswirkungen auf Kredite und Immobilienmarkt

In den vergangenen zwei Jahren hat die EZB die Zinsen halbiert. Trotz der Aussicht auf ein Ende des Senkungszyklus bleiben die Kreditbedingungen für Verbraucher und Unternehmen günstig. Indrė Genytė-Pikčienė, Chefökonomin der Bank Artea, betonte im Podcast „Rinkos: kas man iš to“, dass die Inflation wieder am EZB-Ziel von zwei Prozent liege. Das erlaube eine "stabile, vorhersehbare geldpolitische Linie".

Für den Immobilienmarkt könnte diese Stabilisierung ein Ende des zuletzt zweistelligen Wachstums bei neuen Krediten und Transaktionen bedeuten. Izgorodinas führt dies auf den „Flaschenhals-Effekt“ zurück: "Viele Kunden, die auf niedrigere Zinsen gewartet hatten, haben inzwischen gekauft. Da sich die Zinsen stabilisiert haben, flacht dieser Effekt ab." Für das kommende Jahr erwartet er moderates Wachstum, jedoch in geringerer Dynamik. Der Markt bewege sich in einen reiferen, weniger hektischen Zyklus.

Warum erneute Zinssenkungen dennoch möglich bleiben

Trotz dominierender Erwartungen einer Zinsstabilisierung oder späteren Anhebung halten Ökonomen von Swedbank eine Rückkehr zu Zinssenkungen nicht für ausgeschlossen. Nerijus Mačiulis weist darauf hin, dass das EZB-Gremium zwischen zwei Lagern gespalten sei: hochverschuldete südeuropäische Staaten, die niedrigere Zinsen bevorzugen, und traditionell konservative Länder wie Deutschland und Österreich, denen niedrige Zinsen nie wichtig gewesen seien.

Die derzeitige Zinsmarke von zwei Prozent liege nahe an der Inflation – reale Zinsen seien daher nahezu null. Damit befinde sich die Eurozone geldpolitisch in einer neutralen Position. Was diese Lage verändern könnte:

Sinkende Inflation durch globale Faktoren

Mačiulis verweist auf den stark verlangsamten Lohnanstieg in der Eurozone. Zudem überfluten China und Südostasien den Markt mit günstigen Waren. Die Importpreise in großen Eurostaaten fallen seit einem halben Jahr.

Chinas Exporte in die USA liegen aktuell 27 Prozent unter dem Vorjahreswert, während die Exporte in die EU um zehn Prozent zugenommen haben. Das verstärke den deflationären Druck. Ein fragiles industrielles Wiederaufleben der Eurozone könnte dadurch gefährdet sein – ein Argument für erneute Stimuli.

Ein stärkerer Euro

Der Euro notiert aktuell bei 1,165 Dollar. Seit Jahresbeginn hat er um mehr als zwölf Prozent zugelegt. Das erschwert es Exporteuren, insbesondere der europäischen Industrie, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die EZB selbst sieht Kurse über 1,20 als problematisch an. Sollte diese Marke im kommenden Jahr getestet werden, könnte eine Zinssenkung ein Mittel sein, um den Euro zu schwächen.

Steigende Staatsschulden

Höhere Verteidigungs-, Energie- und Infrastrukturkosten belasten die Haushalte der Eurostaaten. Geringere Zinsen könnten die Finanzierung erleichtern – eine Überlegung, die laut Mačiulis intern durchaus eine Rolle spielt, auch wenn die EZB dies nie offen sagen würde.

Preisschübe durch neue Klimapolitik

Ab 2026 wird der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) schrittweise eingeführt, 2027 folgt das neue Emissionshandelssystem ETS2. Beides könnte gesteigerte Preise für Kraftstoffe verursachen – mit temporären Inflationseffekten. Große Haushaltsdefizite und hoher Investitionsbedarf könnten zusätzlich Engpässe auslösen. Für 2027 hält Mačiulis daher erneute Preissteigerungen für wahrscheinlich.

Deutschland: Nachfrage, Industrie, Exportdruck

Für Deutschland ist die Zinsentwicklung besonders relevant. Die exportorientierte Industrie spürt bereits die Belastung des stärkeren Euro und der abkühlenden Nachfrage. Ein Kurs nahe 1,165 Dollar verteuert deutsche Produkte weltweit. Auch der Immobilienmarkt hängt weiter stark von Kreditkosten ab: Stabil bleibende Zinsen könnten den Markt beruhigen – aber genauso dringend benötigte Investitionen bremsen.

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