Wirtschaft

Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt laut Prognosen der Bank Citadele in einen neuen Konjunkturzyklus ein, getragen von sinkenden Zinsen und staatlichen Impulsen. Welche Chancen eröffnet dieser Zykluswechsel für Unternehmen in Europa und für die wirtschaftliche Erholung Deutschlands?
15.02.2026 16:00
Lesezeit: 5 min
Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus
Europas Übergang in eine neue wirtschaftliche Phase rückt Unternehmen und die Erholung der deutschen Wirtschaft stärker in den Fokus (Foto: iStockphoto.com/Dirk von Mallinckrodt) Foto: Dirk von Mallinckrodt

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt in einen neuen Konjunkturzyklus ein

Nach Einschätzung der Bank Citadele aus litauischen steht die Wirtschaft der Eurozone vor einem Übergang in eine neue Wachstumsphase. Grundlage ist ein von der Bank entwickeltes Modell zur Prognose des Konjunkturzyklus, das auf Unternehmens- und Verbraucherumfragen der Europäischen Kommission basiert und frühzeitig auf eine Belebung in zentralen Exportmärkten hinweist.

Andere Ökonomen bewerten den Ansatz grundsätzlich positiv, verweisen jedoch darauf, dass die Ergebnisse nur im Zusammenspiel mit weiteren wirtschaftlichen Kennzahlen belastbar sind. Prognosen auf Basis von Stimmungsindikatoren müssten stets in einen breiteren makroökonomischen Kontext eingeordnet werden. Das Citadele-Modell verdichtet verschiedene Frühindikatoren zu einem Gesamtwert und ermöglicht eine Einschätzung der konjunkturellen Entwicklung mit einem Vorlauf von rund drei Monaten. Ziel ist es, frühzeitig zu erkennen, ob sich die wirtschaftliche Dynamik verstärkt oder abschwächt, um Risiken und Chancen besser bewerten zu können.

Messung der Zyklusdynamik innerhalb der EU

Nach Angaben von Citadele-Ökonom Aleksandras Izgorodinas würde Litauen im aktuellen Vergleich aller EU-Staaten den siebten Platz beim Konjunkturzyklus einnehmen. Die Platzierung ergibt sich aus der Differenz zwischen dem aktuellen Indexwert und dem langfristigen Durchschnitt seit 2007.

Je größer und positiver dieser Abstand ausfällt, desto stärker ist die zyklische Phase der jeweiligen Volkswirtschaft. Negative Abweichungen signalisieren hingegen eine schwache Konjunkturlage. Deutschland weist laut Modell einen Wert von rund minus sieben auf und liegt damit am unteren Ende des EU-Rankings. Diese Position deutet auf eine besonders ausgeprägte Schwächephase hin, impliziert zugleich jedoch auch ein erhebliches Aufholpotenzial. Je geringer das verbleibende Abwärtspotenzial, desto größer sind aus Sicht der Modelllogik die Chancen auf eine Erholung.

Vom Stillstand zur schrittweisen Erholung

Nach Einschätzung von Izgorodinas verlässt die Eurozone derzeit eine Phase stabiler Stagnation und bewegt sich in Richtung eines allmählichen Aufschwungs. Das Modell signalisiert, dass der Konjunkturzyklus im April 2026 den höchsten Stand seit Oktober 2023 erreichen dürfte.

Daraus lasse sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ableiten, dass die wirtschaftliche Aktivität in der Eurozone in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird. Der Aufschwung werde dabei nicht abrupt verlaufen, sondern schrittweise erfolgen. Die Entwicklung sei das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Faktoren. Neben strukturellen Anpassungen spielten vor allem geldpolitische Rahmenbedingungen und staatliche Eingriffe eine zentrale Rolle.

Industrie und Zinsumfeld als Stabilisatoren

Ein wesentlicher Faktor ist nach Ansicht von Izgorodinas die Lage in zyklischen Schlüsselbranchen. Industrie, Automobilsektor und andere energieintensive Bereiche hätten ihren konjunkturellen Tiefpunkt weitgehend erreicht und verfügten kaum noch über weiteres Abwärtspotenzial. Hinzu kommt ein deutlich günstigeres Zinsumfeld. Der EURIBOR liegt seit einiger Zeit bei rund zwei Prozent und damit spürbar unter dem Niveau zu Beginn des Vorjahres. Diese Entwicklung beginne zunehmend, reale wirtschaftliche Effekte zu entfalten.

In Deutschland lasse sich etwa beobachten, dass sich der Bauzyklus stabilisiere und erste Anzeichen einer Erholung zeige. Die geldpolitische Entlastung wirke sich damit zunehmend auch auf zuvor stark belastete Sektoren aus.

Staatliche Eingriffe und strategische Industriepolitik

Als dritten wichtigen Faktor nennt Izgorodinas die wachsende Rolle staatlicher Eingriffe. Die Europäische Union bewege sich zunehmend in Richtung eines stärker staatlich geprägten Wirtschaftsmodells, bei dem öffentliche Mittel gezielt zur Konjunkturstabilisierung eingesetzt werden.

Insbesondere strategisch relevante Branchen sollen von dieser Entwicklung profitieren. Dazu zählt aus Sicht des Ökonomen vor allem die Verteidigungsindustrie, die sowohl sicherheits- als auch industriepolitisch an Bedeutung gewinnt. Diese staatlichen Impulse könnten den konjunkturellen Übergang beschleunigen, insbesondere in einer Phase, in der private Investitionen noch zurückhaltend bleiben.

Lage in zentralen Exportmärkten

Mit Blick auf die wichtigsten Exportmärkte Litauens verweist Izgorodinas auf eine zunehmende Belebung in Deutschland. Der dortige Konjunkturzyklus habe zuletzt den höchsten Stand seit August 2023 erreicht.

Im gesamten EU-Vergleich bleibt Deutschland laut Citadele-Index jedoch das Schlusslicht. Der Abstand zum langfristigen Durchschnitt ist hier größer als in allen anderen Mitgliedstaaten. Gerade daraus ergebe sich jedoch eine besondere Chance. Die deutsche Wirtschaft habe kaum weiteres Abwärtspotenzial, verfüge aber über erhebliche Möglichkeiten für eine zyklische Erholung.

Skandinavien und Südeuropa im Aufwind

Auch für den skandinavischen Raum zeigt das Modell eine deutliche zyklische Belebung. Für Finnland und Schweden signalisiert der Index im April den stärksten Konjunkturstand seit Dezember 2022. Haupttreiber ist auch hier das gesunkene Zinsniveau. Die Volkswirtschaften Skandinaviens reagieren besonders sensibel auf geldpolitische Veränderungen, da ein hoher Anteil der Kredite variabel verzinst ist.

Im vergangenen Jahr wurden in Estland 98 Prozent, in Litauen und Finnland jeweils 96 Prozent der neuen Immobilienkredite zu variablen Zinsen vergeben. In Frankreich lag dieser Anteil lediglich bei drei Prozent.

Positive Impulse aus Südeuropa

Neben Nordeuropa verzeichnet das Modell auch in Südeuropa positive Signale. Besonders Spanien sticht hervor. Der dortige Konjunkturzyklus zählt bereits zu den stärksten in der EU und dürfte sich weiter beschleunigen. Für April signalisiert der Index den höchsten Stand seit zehn Monaten. Damit bleibt Spanien ein zentraler Stabilitätsfaktor innerhalb der Eurozone. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die wirtschaftliche Erholung regional sehr unterschiedlich verläuft und differenzierte Marktstrategien erfordert.

Aus den Modellergebnissen leitet Izgorodinas konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen ab. Im Transportsektor sei eine stärkere Ausrichtung auf Südeuropa sinnvoll, insbesondere auf Spanien und Italien, wo die Konjunktur derzeit am robustesten sei. Gleichzeitig seien die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten in diesen Märkten begrenzt. Die Situation erinnere an die Entwicklung Litauens selbst, wo weiteres Wachstum möglich, aber nicht mehr dynamisch sei. Dennoch sollten diese Märkte nicht vernachlässigt werden, da sie aktuell die höchste wirtschaftliche Stabilität aufweisen.

Skandinavien und Deutschland im Fokus

Als zweite Priorität nennt Citadele den skandinavischen Raum. Dort dürfte die Aufwärtsbewegung des Konjunkturzyklus in den kommenden Monaten am stärksten ausfallen, was kurzfristig besonders günstige Expansionsbedingungen schaffe.

Drittens warnt Izgorodinas davor, eine mögliche Erholung in Deutschland zu unterschätzen. Trotz der verbreiteten Wahrnehmung einer anhaltenden Schwäche habe der Aufschwung bereits eingesetzt. Gerade jetzt sei ein günstiger Zeitpunkt, um die Präsenz auf dem deutschen Markt auszubauen, da das Abwärtspotenzial begrenzt, das Wachstumspotenzial jedoch hoch sei.

Kritik an der Aussagekraft von Stimmungsindikatoren

Skeptischer äußert sich Indrė Genytė-Pikčienė, Chefökonomin der Artea-Gruppe. Das Modell könne Hinweise auf die kurzfristige Entwicklung liefern, lasse sich jedoch nicht als vollwertige Konjunkturprognose verstehen.

Erwartungen allein seien kein ausreichender Maßstab, da reale wirtschaftliche Entwicklungen von zahlreichen Faktoren beeinflusst würden. Dazu zählen unter anderem sektorale Trägheiten, Kreditbedingungen, externe Schocks und wirtschaftspolitische Entscheidungen. Veränderungen in der Stimmung hätten daher häufig nur begrenzte Auswirkungen auf reale Konjunkturverläufe.

Grenzen internationaler Vergleiche

Zudem sei die Vergleichbarkeit von Stimmungsindikatoren zwischen einzelnen Ländern eingeschränkt. Indikatoren wie der Economic Sentiment Indicator würden jeweils am historischen Durchschnitt eines Landes normiert.

Diese historischen Mittelwerte seien wiederum von nationalen Besonderheiten geprägt. Der Nutzen solcher Indizes liege daher vor allem in der Analyse von Trends und Richtungsänderungen, weniger in absoluten Vergleichen. Stimmungsindikatoren seien daher eher als Frühwarnsignale innerhalb eines breiteren Analyseinstrumentariums zu verstehen.

Bewertung nur im Zusammenspiel mit Fundamentaldaten

Auch der Ökonom Algirdas Bartkus von der Universität Vilnius mahnt zur Zurückhaltung. Zwar sei der Versuch einer wissenschaftlich fundierten Bewertung grundsätzlich zu begrüßen, doch der Abstand zum langfristigen Durchschnitt könne kein fundamentales Wirtschaftskriterium darstellen.

Ein solcher Durchschnitt sei kein Gleichgewichtswert, sondern lediglich ein statistischer Referenzpunkt. Zudem hänge er stark vom gewählten Zeitraum ab und könne durch Krisen oder Boomphasen verzerrt werden. Abweichungen vom Mittelwert sollten daher als Einschätzung und nicht als Beweis interpretiert werden.

Methodische Einordnung und Bezug zu Deutschland

Izgorodinas verteidigt die Wahl des Jahres 2007 als Referenzpunkt mit dem Hinweis, dass dies dem Standard der Europäischen Kommission entspreche. Da auch für den Citadele-Index ausschließlich Daten der Kommission verwendet würden, sei diese Methodik konsequent.

Für Deutschland ergibt sich aus der Analyse ein ambivalentes Bild. Die aktuelle Konjunkturschwäche ist deutlich ausgeprägt, zugleich mehren sich jedoch die Hinweise auf eine zyklische Bodenbildung. Für deutsche Unternehmen und Investoren könnte dies bedeuten, dass sich frühzeitig neue Chancen eröffnen. Gerade für exportorientierte Branchen und den Industriesektor unterstreicht die Analyse die Bedeutung, konjunkturelle Wendepunkte nicht zu verpassen und wirtschaftspolitische Signale frühzeitig in strategische Entscheidungen einzubeziehen.

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