Politik

Iran-Krieg treibt Ölpreis-Angst: Deutschland bleibt verwundbar

Der Iran-Krieg zeigt, wie schnell die globale Energieversorgung ins Wanken gerät – und wie abhängig Deutschland noch immer ist. Steigende Ölpreise, knappe Haushalte und geopolitische Risiken könnten Inflation und Wirtschaft erneut unter Druck setzen.
26.03.2026 16:00
Lesezeit: 5 min
Iran-Krieg treibt Ölpreis-Angst: Deutschland bleibt verwundbar
Der Iran-Krieg zeigt Deutschlands Energieabhängigkeit. Steigende Ölpreise könnten die Inflation erhöhen und Wirtschaft sowie Industrie erneut belasten - erneuerbare Energien könnten eine Lösung sein. (Foto: ChatGPT)

Energieabhängigkeit Deutschlands: Lektionen aus dem Iran-Krieg

Der Iran-Krieg zeigt wieder einmal, wie verwundbar Deutschlands Energieversorgung ist. Das wurde nicht erst seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine und dem damit verbundenen Energieschock deutlich. Hat man daraus gelernt? Eher nicht.

Deutschland hängt bei Energie noch immer stark vom Import ab – egal, ob es um Erdgas, Öl oder LNG geht. Allen gemeinsam ist, dass es fossile Energieträger sind, die aus anderen Ländern bezogen werden.

Fast alle Staaten benötigen Öl, Gas und Dünger, die Megatanker durch das Nadelöhr der Straße von Hormus schiffen. Der Iran nutzt seine strategisch günstige Lage dort als Druckmittel – was soll das Regime sonst tun gegen seine militärisch überlegenen Angreifer?

Diese Krise zeigt, wie langsam unsere Systeme offenbar aus Katastrophen lernen – und wie schwierig es scheint, global zum Vorteil aller die vorhandenen Güter und Waren zu koordinieren. Man staunt, wie stark auf Kante genäht und damit labil die Weltwirtschaft geblieben ist und bleibt - und wie stabil sie dennoch oft wirkt. Aber es ist auch folgerichtig: Wenn ein paar Cent mehr Marge die Aktionäre freut, wird das gemacht, selbst wenn zahlreiche Gefahren lauern – Kosten senken lautet die Devise, und wenn das viele auf ähnliche Weise tun, bilden sich Klumpenrisiken. Als Symbolbild dafür in lebhafter Erinnerung bleibt das im Suezkanal querliegende Frachtschiff "Ever Given", das 2021 sechs Tage lang den weltweiten Handel blockierte.

Angesichts dessen lässt sich fragen: Wenn die Art und Weise, auf die wir Handel treiben, wirtschaften und generell leben, derart anfällig für Krisen ist, dass diese quasi ein Feature und kein Bug mehr sind, in irgendeiner Form also eingepreist werden – warum wird dann nicht das System verbessert, stabilisiert, abgesichert?

Die Antwort: Weil das kurzfristig mehr Geld kostet, als es langfristig einspart, und das weder Politiker vor ihren Wählern noch Manager vor ihren Aktionären vertreten wollen. Was die Allgemeinheit teuer zu stehen kommt, die die Kosten tragen darf.

Ölpreis treibt Inflation

Eine Faustregel besagt, dass ein anhaltender Anstieg der Ölpreise um zehn Dollar pro Barrel langfristig 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte zur Gesamtinflation hinzufügt. Geht man davon aus, dass der Ölpreis bei etwa 100 Dollar pro Barrel bleibt, könnte die durchschnittliche Inflation der OECD somit über 4 Prozent steigen. Bei 140 Dollar wäre eine Inflation von fünf bis sechs Prozent nicht ausgeschlossen.

Die europäische Wirtschaft ist heute immerhin besser aufgestellt als 2022, als boomende Nachfrage und Arbeitskräftemangel in Kombination mit dem Energieschock die Jahresinflation auf 11 Prozent trieben. Ein längerfristiger Ausfall von Gas und Öl könnte jedoch deutlich größere Schäden verursachen. Bei einem Ölpreis von 140 Dollar pro Barrel für zwei Monate würde das Wachstum 2026 um 0,6 Prozentpunkte niedriger ausfallen und die durchschnittliche Inflation in der Eurozone auf 4,3 Prozent steigen, nach 2,1 Prozent im Vorjahr. Die fiskalischen Spielräume der Regierungen sind allerdings begrenzter als damals. 2022 butterten sie großzügig rein, um Verbraucher und Unternehmen zu schützen. Heute sind Schulden hoch und Haushalte knapp. Deutschland passte bereits seine Defizitregeln an, um mehr für Verteidigung und Infrastruktur auszugeben; Frankreichs Defizit liegt bei über fünf Prozent des BIP. Keine idealen Voraussetzungen, um eine größere Inflation abzufangen.

Historische Analysen zeigen zum Glück laut "Economist", dass kurzfristige Ölpreisschocks heute weniger dramatisch wirken. Während die Rezession der USA von 1973 bis 1975 auf eine Verdreifachung der Ölpreise zurückging, haben sich die Ölpreise Anfang 2026 bisher nicht einmal verdoppelt. Eine anhaltende Preissteigerung von zehn Dollar pro Barrel würde die Inflation langfristig um 0,3–0,4 Prozentpunkte erhöhen. Bei 100 Dollar pro Barrel könnte die OECD-Inflation über vier Prozent steigen, bei 140 Dollar wären fünf bis sechs Prozent möglich. Zudem könnten die Zentralbanken weniger flexibel auf Preisschocks reagieren, während Unternehmen Kosten schneller an Verbraucher weitergeben.

Gas lässt sich schwer ersetzen

Das Risiko für Europa entsteht vor allem aus der Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen, insbesondere Erdgas. Nur ein kleiner Teil stammt aus dem Nahen Osten – etwa 200 Millionen von insgesamt 6,5 Milliarden Kubikmetern wöchentlich importierten Gas. Dennoch liegen die Gasspeicher fast wieder auf dem Niveau von 2022. Seit 2022, als die EU begann, sich vom russischen Gas zu lösen, ist der Kontinent stärker dem globalen Spotmarkt ausgesetzt. Die EU plant, die verbleibenden Importe von russischem LNG bis Ende dieses Jahres und von Pipeline-Gas im nächsten Jahr zu beenden.

Zur Einordnung: 2021 importierte die EU laut "Economist" rund 45 Prozent ihres Gases und 27 Prozent ihres Öls aus Russland. Bis 2025 sank dieser Anteil dramatisch auf 13 Prozent beim Gas und 3 Prozent beim Öl. Der Anteil erneuerbaren Stroms stieg bis 2024 jedoch nur um drei Prozentpunkte, von 22 Prozent auf 25 Prozent. Anstatt die Energieversorgung konsequent zu elektrifizieren, tauschte die EU also nur fossile Lieferanten aus – überwiegend zugunsten der USA. Sicherheitspolitisch bleibt fraglich, ob der Austausch Putins gegen Trump wirklich ein Gewinn ist.

Das heißt: Unsere Abhängigkeit von Gas aus geopolitisch sensiblen Regionen sollten wir verringern. Klar, kurzfristig lässt sich Gas nicht vollständig ersetzen – die Industrie benötigt es für Chemie, Stahl und Grundstoffe. Deshalb ist Diversifizierung entscheidend: mehr Lieferländer, langfristige Verträge statt Spotmarkt-Abhängigkeit, größere Speicher und Gas als Reserveenergie. Ein kompletter Verzicht wäre riskant und würde die Industrie stark belasten.

Deutsche sind unzufrieden mit der Energiepolitik der Bundesregierung

Das Thema treibt die Deutschen um. Eine Umfrage vom 13. März von Civey im Auftrag der naturstrom AG zeigt: Rund 69 Prozent der Bundesbürger bewerten die Energiepolitik der Bundesregierung negativ. Besonders kritisch sehen die Befragten die geplante Streichung der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen sowie die Reform des Heizungsgesetzes. Mehr als 53 Prozent halten die Streichung der Solarförderung für falsch, während 57 Prozent die Heizungsreform als Quelle von Verunsicherung sehen. Selbst unter den Wählern von CDU und CSU ist die Skepsis mit 39 Prozent hoch. Die Mehrheit rechnet damit, dass Gasheizungen künftig teurer werden, wenn der verpflichtende Anteil grüner Gase steigt.

Energie als strategisches Gut

Die Lehre aus der Iran-Krise ist klar: Energie ist kein normaler Rohstoff, sondern ein strategisches Gut. Wer seine Versorgung langfristig sichern will, sollte auf Technologieoffenheit, Diversifikation und Kooperation setzen – sonst bleiben Krisen wie diese nicht nur kurzfristige Schocks, sondern dauerhaft teure Realitäten.

Deutschland wäre daher gut beraten, die Energieversorgung auf eine breitere, krisenresistentere Basis zu stellen. Wind- und Solarenergie müssen ausgebaut, Speicherkapazitäten wie Batterien und Pumpspeicher erweitert und Reservekraftwerke bereitgehalten werden. Auch Kernenergie gewinnt wieder an Bedeutung: Grundlastfähiger Strom aus Atomkraft könnte in Übergangszeiten Versorgungslücken schließen, während erneuerbare Quellen weiter ausgebaut werden.

Industriepolitik neu denken

Auch die Industriepolitik muss neu gestaltet werden. Energieintensive Produktion darf nicht mehr nur auf niedrige Preise hoffen, sondern benötigt stabile, planbare Rahmenbedingungen. Energiepreise müssen langfristig kalkulierbar sein, industrielle Kapazitäten abgesichert, neue Technologien wie Wasserstoff, energieeffiziente Verfahren oder KI-gesteuerte Optimierung stärker gefördert werden.

Auf systemischer Ebene schützt der Markt allein nicht vor Krisen. Strategische Reserven, LNG-Terminals, moderne Stromnetze und gemeinsame europäische Beschaffungsmechanismen sind notwendig. Deutschland kann diese Herausforderungen nicht allein lösen – erst eine europäische Lösung, bei der Infrastruktur, Speicher und Energieeinkauf koordiniert werden, reduziert echte Risiken.

Besser früher als später in Erneuerbare investieren

Die EU sollte sich auf einen langwierigen Krisenfall vorbereiten. Lagerbestände, neue Produktionskapazitäten und teure Infrastrukturmaßnahmen sind notwendig. Alle Strategien, die bereits für die Klimakrise entwickelt wurden – schnelle Elektrifizierung von Industrie, Verkehr sowie Heiz- und Kühlsystemen und Ausbau der Stromerzeugung – sollten jetzt dringend umgesetzt werden. Statt Milliarden weiterhin für fossile Brennstoffe aus politisch instabilen Ländern auszugeben, sollten diese Mittel, so gut es geht, in heimische Energieproduktion und den Schutz kritischer Infrastruktur fließen.

Schon jetzt sind erneuerbare Energien oft günstiger als fossile Alternativen. Je länger der Krieg im Iran dauert, desto beliebter dürften Solar-, Wind- , Wasser- und Geothermie-Kraft werden. Womöglich wäre es klug, alsbald zu investieren.

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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