Technologie

Glasfaser-Boom ohne Kunden: Warum die Branche ins Straucheln gerät

Schnelles Internet gilt als Schlüssel für die digitale Zukunft Deutschlands. Doch während immer mehr Glasfaserkabel verlegt werden, geraten zahlreiche Unternehmen unter Druck. Hohe Kosten, wenige Kunden und wachsende Unsicherheit stellen die Branche vor eine entscheidende Frage: Rechnet sich der Glasfaser-Ausbau überhaupt?
13.06.2026 09:53
Lesezeit: 4 min
Glasfaser-Boom ohne Kunden: Warum die Branche ins Straucheln gerät
2. Millionen Haushalte könnten Glasfaser nutzen, doch die Nachfrage bleibt schwach. (Bild: ChatGPT)

Wenige Kunden, hohe Kosten: Es kriselt in Glasfaser-Branche

Bagger schicken, Kabel verlegen und Millionen Verträge für Highspeed-Internet einsammeln: Das Glasfaser-Geschäftsmodell klingt verheißungsvoll. Und was, wenn die Millionen Verträge gar nicht kommen?

Es ist fast schon ein Paradox: Der Glasfaser-Ausbau kommt so gut voran, wie noch nie in Deutschland, die Kabel für das schnelle und stabile Internet sollen am Jahresende bei 32 Millionen Haushalten und Betrieben liegen, wie aus einer Studie des Branchenverbandes VATM hervorgeht. Binnen eines Jahres wäre das ein Plus von 5,4 Millionen, eine Rekordzahl. Knallen also die Sektkorken in der Branche? Von wegen: Es herrscht Katerstimmung.

Das liegt an hohen Baukosten, gestiegenen Zinsen und an geringen Einnahmen. Obwohl die Kabel vor der Haustür liegen, unterschreibt nur etwa jeder vierte Haushalt einen Glasfaser-Vertrag. Der Rest nutzt stattdessen wie gewohnt DSL-Internet über Telefonleitungen oder Fernsehkabel-Internet. Beide Technologien basieren auf Kupfer, sie gelten als mehr oder minder veraltet. Bei der Glasfaser werden keine Daten geleitet, sondern Lichtsignale übermittelt - das ist schneller.

Die Lage am Glasfasermarkt sei angespannt, sagt VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer. "Man muss Geld verdienen können, um die hohen Ausbaukosten zurückzuverdienen - das aber ist derzeit verdammt schwer." Sascha Brok vom Breitbandverband Anga moniert regulatorische Unsicherheiten, die eben nicht zu mehr Investitionssicherheit führten.

Einige Glasfaser-Firmen sind in der Krise, wie ein Beispiel aus NRW zeigt: Das Firmenkonglomerat Ruhrfibre und Metrofibre durchläuft ein vorläufiges Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, da Finanzpartner Zusagen zurückgerufen hatten. Nun werden neue Investoren gesucht. In Essen liegt Glasfaser von Ruhrfibre in Reichweite von 100.000 Haushalten, angepeilt werden 137.000. Nun pausiert der Ausbau. Auch in Herne, Bottrop, Mönchengladbach und Düsseldorf hat die Firma hohe Ziele - ob das klappt, steht in den Sternen.

Kräftige Finanzspritzen sind nötig

Anderen Firmen blieb der Gang zum Amtsgericht zwar erspart, aber auch sie suchten händeringend nach frischem Kapital. Dazu gehört die Düsseldorfer Firma Deutsche Glasfaser, die unlängst fündig wurde und bekanntgab, 1,2 Milliarden Euro eingeholt zu haben. Auch die Hamburger Firma Deutsche Giganetz war unter Druck, im vergangenen Jahr sicherte sie sich aber eine Finanzierung über 0,3 Milliarden Euro. Die Kieler GVG Glasfaser gab im Februar eine Extra-Finanzierung von 0,135 Milliarden Euro bekannt. Andere Firmen waren weniger erfolgreich, sie verschwanden von der Bildfläche.

Auf der Internetmesse Anga Com kündigte Deutsche-Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer eine Absenkung eigener Ausbauziele an. Die Suche nach frischem Kapital sei schwierig. "Das Thema Glasfaser-Ausbau in Deutschland ist für Finanzierende fast schon toxisch geworden."

Fiber-Verträge sind kein Kassenschlager

Obwohl der Preis für Glasfaser-Internet längst nicht mehr so hoch ist wie früher, ist die Nachfrage verhalten. Drei Viertel der Verbraucher, bei denen Fiber liegt, winken ab oder kommen nicht zum Zuge, etwa weil sich Vermieter wegen der nötigen Inhouse-Verkabelung querstellen. Oder die möglichen Kunden reagieren auf Werbeschreiben gar nicht. Um das zu ändern, setzt die Branche auf Haustür-Vertreter. Die wiederum treten mitunter so penetrant auf, dass sich Betroffene bei Verbraucherzentralen beschweren.

Rund 300 Glasfaser-Unternehmen gibt es in Deutschland, von denen circa zwei Drittel weniger als 10.000 Haushalte versorgen. Der Markt ist zwar kleinteilig, aber einen magentafarbenen Elefanten im Raum gibt es: die Deutsche Telekom. Verbandsvertreter Ufer wirft dem Konzern vor, seine dominante Marktposition auszunutzen und den kleineren Konkurrenten das Leben schwerzumachen.

DSL dominiert den Internetmarkt

Die Telekom weist das zurück und betont, dass mit ihren Milliardeninvestitionen der Glasfaser-Ausbau in Deutschland wesentlich vorangekommen sei. Da ist etwas dran: Knapp die Hälfte der Haushalte und Betriebe, bei denen Glasfaser mindestens in Reichweite liegt, ist laut VATM-Studie von der Telekom (15,1 Millionen laut Prognose am Jahresende). Erzrivale Vodafone legte bei Glasfaser einen Fehlstart hin, er kam über seine Tochterfirma OXG zuletzt nur auf 0,6 Millionen "Homes Passed" - also Haushalte mit Glasfaser in Reichweite.

Erstaunlicherweise sind die Telekom und Vodafone Teil der Lösung, aber auch Teil des Problems. Einerseits investieren sie in Glasfaser, andererseits hegen und pflegen sie ihren Altbestand - bei der Telekom sind das DSL-Telefonleitungen und bei Vodafone Fernsehkabel, über die Internet übertragen wird. DSL wird noch von 21,8 Millionen Haushalten genutzt und die Fernsehkabel von 8,5 Millionen. Die Kunden nutzen diese alten Technologien, obwohl mancher Glasfaser-Vertrag für den gleichen Preis oder nur für einen kleinen Preisaufschlag zu haben ist.

Kupfer als Bremsklotz

"DSL ist für viele Menschen in Deutschland aktuell noch zufriedenstellend", resümiert Verbandsvertreter Ufer. Während in anderen großen EU-Staaten mit DSL nur 50-Megabit-Bandbreiten erreicht werden, seien es in Deutschland bis zu 250 Megabit pro Sekunde. Mit Fernsehkabel-Internet, der Koax-Technologie, werden gar 1000 Megabit erreicht. Warum wechseln, wenn die alten Technologien ausreichen?

VATM-Geschäftsführer Ufer wertet es als Bremsklotz für den Glasfasermarkt, dass DSL noch so weit verbreitet ist. Er hofft darauf, dass der Bund über eine Gesetzesnovelle Druck aufbaut, damit die Telekom ihr DSL schrittweise abschalten und die Bahn freimachen muss für "Fiber to the Home" (FTTH).

Die Telekom will zwar auch, dass ihre DSL-Kunden auf Glasfaser wechseln, aber bitteschön auf die Telekom-Glasfaser - und nicht auf die eines Wettbewerbers. Zum Wechsel zwingen möchte sie ihre Kunden bloß nicht, schließlich könnten die dann beleidigt reagieren und den Magenta-Konzern meiden. Nach der deutschen Gesetzesnovelle, die 2026 kommen soll, könnte ein weitreichenderes EU-Regelwerk den Druck 2028 verstärken.

Experte Ufer ist zuversichtlich. "Die Nachfrage nach Glasfaser-Internet wird deutlich steigen, denn Deutschland wird immer digitaler - und Glasfaser bietet die bestmögliche Übertragung der schier unendlichen Datenmassen." Allein die zunehmende Nutzung von Künstliche-Intelligenz-Anwendungen mache deutlich, wie wichtig gutes Internet sei. Aber: "Um die Früchte des Glasfaser-Ausbaus zu ernten, brauchen die Marktteilnehmer einen langen Atem."

Die Glasfaser-Zukunft bleibt eine Geduldsprobe

Der Glasfaser-Ausbau in Deutschland kommt zwar schneller voran als je zuvor, doch wirtschaftlich steht die Branche vor großen Herausforderungen. Hohe Investitionen, steigende Finanzierungskosten und eine überraschend geringe Nachfrage erschweren vielen Unternehmen die Rückzahlung ihrer Ausgaben. Gleichzeitig sorgen die weiterhin weit verbreiteten DSL- und Kabelanschlüsse dafür, dass viele Verbraucher keinen unmittelbaren Wechselbedarf sehen. Langfristig dürfte Glasfaser dennoch die wichtigste Infrastruktur für die digitale Wirtschaft werden. Ob die Branche die schwierige Übergangsphase erfolgreich meistert, hängt jedoch davon ab, ob mehr Kunden gewonnen und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden können.

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