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Unternehmen setzen auf KI: Wer braucht schon Horden von Managern?

Unternehmen bauen weltweit mittlere Führungsebenen ab und setzen stärker auf KI, Daten und flachere Strukturen. Was das konkret für die Arbeitswelt und die Angestellten bedeutet.
Autor
avtor
04.07.2026 05:55
Lesezeit: 9 min
Unternehmen setzen auf KI: Wer braucht schon Horden von Managern?
KI verändert Führung: Welche Manager jetzt gebraucht werden. (Illustration: ChatGPT)

Mittleres Management unter Druck

Die Position mittlerer Manager ist mit dem Aufkommen von künstlicher Intelligenz und neuen Technologien unter Druck geraten.

Nach Prognosen der Beratungsgesellschaft Gartner wird ein Fünftel der Unternehmen bis Ende dieses Jahres die Zahl der mittleren Manager halbieren, die Hierarchie im Unternehmen verflachen, Entscheidungsprozesse beschleunigen und die Geschäftsentwicklung verbessern.

Falls diese Zahl übertrieben wirkt, zeigt eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Korn Ferry unter Geschäftsleuten ein ähnliches Bild, so das Portal Finance.si. Bei 44 Prozent der Befragten in den USA und bei 41 Prozent weltweit haben Unternehmen bereits begonnen, Führungskräfte und Direktoren zu entlassen. Der Prozess, den vor einigen Jahren zuerst Technologieunternehmen einleiteten, hat sich mit dem Aufkommen von KI auf alle Branchen in westlichen Ländern ausgeweitet.

1. Was Great Flattening bedeutet

Der Trend zur Entlassung von Managern, das sogenannte Great Flattening, hat sich in den vergangenen drei Jahren verstärkt. Unternehmen reduzieren beschleunigt die Zahl der Führungsebenen, Hierarchien werden flacher, die Kommunikation zwischen oberem Management und Beschäftigten direkter.

Am stärksten betroffen ist das mittlere Management. KI übernimmt einen Teil seiner Aufgaben, etwa die Erstellung von Berichten, Projektüberwachung, Analytik und Koordination von Beschäftigten.

Weniger Entscheidungsebenen bedeuten schnellere Entscheidungen, weniger Bürokratie, höhere Produktivität und geringere Ausgaben für mittlere Führungskräfte. Dieses Geld kann in technische Fachkräfte und KI-Investitionen fließen.

2. Welche Unternehmen bereits Führungsebenen abbauen

In den USA sank die Zahl der Führungskräfte zwischen 2022 und 2025 um 6,1 Prozent, berichtete CNBC.

  • Meta hat seit 2022 bereits mehr als 30.000 Menschen entlassen. Im Jahr 2023 begann das Unternehmen, das mittlere Management abzubauen. Führungskräfte erhielten die Möglichkeit, wieder Fachexperten in ihrem Arbeitsbereich zu werden oder das Unternehmen zu verlassen. Eine Führungskraft beaufsichtigt nun 50 Beschäftigte.
  • Microsoft entließ im vergangenen Jahr rund drei Prozent der Belegschaft, also mehr als 6.000 Menschen, um agiler zu werden und Hierarchien abzubauen. Für dieses Jahr kündigte das Unternehmen an, sieben Prozent der Beschäftigten, 8.750 Menschen, ein finanzielles Paket für den Austritt anzubieten. Im Mittelpunkt standen vor allem etwas ältere Beschäftigte beziehungsweise Führungskräfte ab 50 Jahren mit mehr als zehn oder 20 Jahren Berufserfahrung.
  • Google strich im vergangenen Jahr zur Effizienzsteigerung zunächst 35 Prozent der Stellen für Leiter kleinerer Teams. Gegen Jahresende begann der Konzern, auch das mittlere Management zu reduzieren.
  • Im Mai entließ das Technologieunternehmen Cloudflare trotz Rekordumsätzen rund 1.100 Beschäftigte oder ein Fünftel der Belegschaft. Vorstandschef Matthew Prince schrieb im Wall Street Journal, die große Mehrheit der Entlassenen komme aus mittlerem Management, Finanzen, Marketing, Recht und interner Revision. „Das, was wir getan haben, wird im kommenden Jahr wahrscheinlich zur Norm.“
  • Der Kosmetikkonzern Estée Lauder kündigte bereits im vergangenen Jahr an, das mittlere Management um ein Fünftel zu verkleinern. Im Mai dieses Jahres erhöhte das Unternehmen die angekündigten Entlassungen auf 10.000 Beschäftigte oder 17,5 Prozent der Belegschaft.
  • Die Finanzgruppe Citigroup verflachte 2023 laut Bloomberg ihre Organisationshierarchie von 13 auf acht Ebenen, um schneller und besser zu arbeiten.
  • Der Pharmakonzern Bayer reduzierte im März 2024 ebenfalls die Zahl der Entscheidungsebenen von 13 auf sieben und halbierte damit die Zahl der Manager. Rund 5.500 Führungspositionen wurden geschlossen. Fast 100.000 Beschäftigte wurden in etwa 1.000 kleinere selbstverwaltete Teams umorganisiert.
  • Der Logistikkonzern UPS kündigte vor zwei Jahren den Abbau von 12.000 Stellen weltweit an, vor allem bei Führungskräften und Vertragsbeschäftigten. Laut Wall Street Journal hatte die Gruppe damals 85.000 Beschäftigte in Führungsfunktionen.
  • Amazon-Chef Andy Jassy kündigte im vergangenen Jahr gegenüber Bloomberg ebenfalls den Abbau mittlerer Führungsebenen und mehr Autonomie für Einzelne an.

3. Müssen sich Manager jetzt Sorgen machen?

„Die meisten Unternehmen befinden sich noch in der Phase der Einführung von KI, deshalb beobachten wir derzeit keinen Bedeutungsverlust des mittleren Managements. Gutes mittleres Management bleibt entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung der Strategie, besonders in einer Zeit, in der Unternehmen sich immer stärker mit der Frage der Produktivitätssteigerung beschäftigen“, sagt Ajda Sibinčič von der Personalgesellschaft FirstClass.

Der direkte Vorgesetzte sei sehr wichtig für Engagement und Erfolg von Teams sowie für die Veränderungsbereitschaft einer Organisation.

Auch Romana Šercelj von der Personalgesellschaft HR Profees beobachtet nicht, dass europäische Unternehmen allein wegen KI die Zahl der Führungskräfte reduzieren. Verändert werde jedoch die Rolle der Führungskräfte. „Von ihnen wird heute weniger administrative Kontrolle erwartet und mehr strategisches Denken, Veränderungsführung, Entwicklung von Beschäftigten und Verbindung von Teams.“

In einigen Unternehmen entstehen bereits flachere Organisationsstrukturen mit weniger Hierarchieebenen. Das geschieht vor allem aus dem Wunsch nach schnelleren Entscheidungen und größerer Agilität, nicht allein wegen Technologie.

4. Welche Manager derzeit gesucht werden

Derzeit werden besonders Vertriebsdirektoren und Direktoren für Geschäftsentwicklung gesucht, ebenso Finanzvorstände, Leiter im Rechnungswesen, Einkaufsleiter und Marketingverantwortliche.

Unternehmen suchen außerdem stärker nach Führungskräften für KI, Digitalisierung und Daten. Immer mehr Firmen stellen sich die Frage, wer ihre KI-Transformation führen soll.

Am schwierigsten zu finden sind derzeit erfahrene Führungskräfte mit Fachwissen, starken Führungskompetenzen, strategischem Blick, der Fähigkeit zur Veränderungsführung und zur Entwicklung von Teams, die zusätzlich noch KI beherrschen. Zu den anspruchsvolleren Suchprofilen gehören vor allem Vertriebsdirektoren, Rechnungswesendirektoren und Leiter für spezifische Nischenbereiche.

5. Wie schnell die Gehälter steigen

Die Gehälter leitender und führender Kräfte steigen weiterhin, aber langsamer als jene der Beschäftigten. „In den vergangenen zwei Jahren sind sie je nach Branche, Komplexität der Funktion und Verantwortung um etwa fünf bis zehn Prozent gestiegen“, sagt Sibinčič. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Bruttolohn im Land erhöhte sich in den vergangenen zwei Jahren um gut zwölf Prozent.

Die größten Gehaltssteigerungen bei Managern gibt es in Vertrieb, Geschäftsentwicklung, KI und einigen spezialisierten technischen Bereichen. In der IT beruhigt sich die Lage nach mehreren Jahren außergewöhnlichen Wachstums. Die Gehälter bleiben zwar überdurchschnittlich, doch die Dynamik ist nicht mehr so ausgeprägt wie vor einigen Jahren. Zudem gibt es weniger offene Stellen, erklärt Sibinčič.

„Die Gehaltsspannen für vergleichbare Funktionen haben sich zwischen den Unternehmen stark vergrößert“, sagt Šercelj. So kann ein Bereichsleiter mit einem Gehalt von 5.000 Euro brutto bis hin zu 12.000 Euro brutto rechnen.

6. Welche Fähigkeiten Manager künftig brauchen

Wenn mittleres Management verschwindet, passieren laut einer Analyse von Korn Ferry zunächst zwei Dinge. Fast die Hälfte der höheren Manager, die zusätzliche Arbeit erhalten, beginnt an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Und gut ein Drittel der Beschäftigten fühlt sich verloren.

KI sorgt für die Ausführung von Aufgaben. Sie kann aber die menschliche Seite der Arbeit nicht ersetzen, also das Verbinden von Menschen, Mentoring, Urteilsvermögen und Entscheidungen in schwierigen Situationen. Manager, die diesen Teil beherrschen, werden unbezahlbar.

Der neue Manager muss daher:

  • Teams so aufstellen können, dass Beschäftigte und KI wirksam zusammenarbeiten. Er muss Arbeitsprozesse anpassen und festlegen, welche Aufgaben Menschen übernehmen und welche KI erledigt.
  • Er muss Beschäftigte vertieft begleiten und führen. Statt nur Leistung zu bewerten, Arbeit zu überwachen und Projekte zu verfolgen, muss er Menschen wirksam führen und entwickeln.
  • Er muss Strategien und Vorgaben des oberen Managements in sinnvolle, klare Aufgaben für Beschäftigte übersetzen und sie zur Umsetzung motivieren.
  • Er muss bessere Bedingungen im Team schaffen, verlässlich sein, psychologische Sicherheit gewährleisten und die Rollen von Beschäftigten und KI klar bestimmen.
  • Er muss beurteilen, welche Entscheidungen im Team getroffen werden sollen, welche KI übernehmen kann und welche an das höhere Management gehören.

Das Schrumfen mittlerer Führungsebenen bedeutet nicht das vollständige Ende des mittleren Managements. Er bedeutet eine Umgestaltung jener Rolle, die mittlere Manager in den vergangenen 30 Jahren hatten, als sie vor allem die Arbeit direkt unterstellter Beschäftigter überwachten.

Mit flacheren Organisationen werden auch Personalabteilungen wichtiger. Sie müssen Führungskräfte angemessen schulen, Kandidaten für künftige Nachfolgen finden und diese systematisch entwickeln.

Mittleres Management: Führung verschwindet nicht – sie verändert sich

Der Abbau mittlerer Führungsebenen ist kein vorübergehender Trend, sondern Teil eines tiefgreifenden Wandels in der Arbeitswelt. KI übernimmt zunehmend administrative und koordinierende Aufgaben, wodurch klassische Managementstrukturen unter Druck geraten. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Führungskräften, die Menschen entwickeln, Veränderungen begleiten und Technologie sinnvoll in den Arbeitsalltag integrieren können. Unternehmen setzen verstärkt auf flachere Hierarchien und schnellere Entscheidungen, doch erfolgreiche Organisationen bleiben weiterhin auf gute Führung angewiesen. Die Rolle des Managers verschwindet daher nicht – sie wird strategischer, menschlicher und anspruchsvoller. Wer fachliche Kompetenz mit Führungsstärke und KI-Verständnis verbindet, dürfte auch künftig gefragt bleiben.

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